Magnetische Chirurgie
Synonyme: Magnetchirurgie, magnetisch-assistierte Chirurgie
Englisch: magnetic surgery, magnet-assisted surgery
Definition
Der Begriff magnetische Chirurgie ist ein Sammelbegriff für chirurgische Operationsverfahren, bei denen Magnete bzw. magnetische Implantate und Magnetfelder zur Unterstützung – meist minimalinvasiver – Eingriffe verwendet werden. Ziel ist insbesondere die Verbesserung des Zugangs zum Operationsgebiet sowie die Reduktion von Anzahl und Größe von Hautinzisionen.
Hintergrund
Der Begriff der magnetischen Chirurgie wurde im Jahr 2018 auf der ersten internationalen Konferenz für magnetische Chirurgie (Xi’an Konferenz) geprägt. Die klinische Nutzung von Magneten in der Chirurgie reicht jedoch bis in die 1970er Jahre zurück. In der modernen Chirurgie gewinnt die magnetische Chirurgie insbesondere im Rahmen von laparoskopischen und roboterassistierten Prozeduren zunehmend an Bedeutung.
Grundprinzipien
Der Xi’an-Konsensus beschreibt sechs grundlegende Prinzipien der Magnetchirurgie:
- Kompression (z.B. magnetische Anastomosen)
- Verankerung (magnetische Ankertechnik)
- Levitation/Zug (z.B. magnetische Sphinkteraugmentation)
- Tracing (Ortung und Verlaufskontrolle)
- Navigation (Richtungs- und Bewegungssteuerung)
- Driving (mechanische Einwirkung z.B. auf Stellschrauben oder Drehgewinde)
Klinische Anwendung
Die magnetische Chirurgie etablierte sich zunächst in der gastroenterologischen Chirurgie. Aktuell (2026) werden Magnete in der chirurgischen Behandlung verschiedener Organsysteme eingesetzt:
- Gastrointestinaltrakt
- Magnetische Kompressionsanastomosen (Magnamosis): Einsatz zur Verbindung von Hohlorganen, z.B. bei Gastrojejunostomie
- Magnetische Sphinkteraugmentation: Therapieoption bei gastroösophagealer Refluxkrankheit
- Analer Sphinkterersatz: Einzelfallanwendungen bei Stuhlinkontinenz
- Muskuloskelettales System
- Magnetisch kontrollierte Growing Rods (z.B. bei Skoliose)
- Respiratorisches System
- Magnetische Verfahren (z.B. Hyoidsuspension) zur Behandlung der obstruktiven Schlafapnoe befinden sich derzeit noch im experimentellen Stadium
- Urogenitalsystem
- Einsatz magnetischer Systeme zur erleichterten Entfernung von Harnleiterschienen
- Kardiovaskuläres System
- Magnet-assistierte endovaskuläre AV-Fistel-Systeme ermöglichen die Anlage arteriovenöser Shunts ohne offene Operation
Aktuelle Entwicklungen
Magnetische Verfahren werden zunehmend mit roboterassistierten Systemen wie dem Da-Vinci-Operationssystem kombiniert ("magnetisch-assistierte robotische Chirurgie").
Evidenzlage
Die Evidenz ist indikationsabhängig und reicht von Fallserien bis zu kontrollierten Studien. Nur ein Teil der Anwendungen ist derzeit breit klinisch etabliert; viele Verfahren werden nur in spezialisierten Zentren eingesetzt oder noch im Rahmen klinischer Studien geprüft. Langzeitdaten zur Sicherheit, Haltbarkeit und zum klinischen Nutzen vieler magnetischer Systeme fehlen bislang.
Limitationen
Die Anwendung der Magnetchirurgie erfordert eine spezielle technische Ausstattung und eine entsprechende Erfahrung des Operateurs. Deshalb ist die Verfügbarkeit derzeit (2026) auf spezialisierte Zentren beschränkt. Die Steuerung und Kontrolle der Magnetkräfte ist technisch anspruchsvoll und kann bei unzureichender Dosierung zu Gewebeschäden (z.B. Nekrosen durch übermäßige Kompression) oder unzureichender Wirkung führen. Für die sichere Anwendung sind ferner folgende Aspekte zu berücksichtigen:
- Begrenzung der Magnetfeldstärke
- Verwendung biokompatibler, korrosionsresistenter Beschichtungen (z.B. Titan)
- Abwägung möglicher Interferenzen mit anderen Implantaten (z.B. Herzschrittmacher)
- Beachtung der implantatabhängigen MRT-Kompatibilität (je nach System Einschränkungen bis Kontraindikation)
- Risiken durch ektope Lage oder fehlende Kopplung der Magneten
- Implantat-bezogene Risiken (Migration, Perforation, Verwachsung)
Literatur
- Pichakron et al., Magnamosis II: Magnetic compression anastomosis for minimally invasive gastrojejunostomy and jejunojejunostomy, J Am Coll Surg, 2011
- Lv et al., Xi’an consensus on magnetic surgery, HBSN, 2019
- Gagner, Magnetic surgery, Springer, 2021
- Lee et al., Beyond the gut: spectrum of magnetic surgery devices, Front Surg, 2023
- Gonzalez et al., Dual robotic surgery: Da Vinci SP® and Levita® MARS (magnetic-assisted robotic surgery) platforms, J Robot Surg, 2025
- Uniklinikum Dresden - Dialysefistelanlage – endoAVF, abgerufen am 17.03.2026