Chatterjee-Phänomen
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nach dem indisch-amerikanischen Kardiologen Kanu Chatterjee (1934–2018)
Synonyme: Cardiac Memory, kardiales Gedächtnis, Post-Pacing-T-Negativierung, ventrikuläres elektrisches Remodeling
Englisch: Chatterjee phenomenon, cardiac memory
Definition
Das Chatterjee-Phänomen bezeichnet persistierende, jedoch reversible T-Wellen-Veränderungen im Oberflächen-EKG, die nach einer Phase abnormer ventrikulärer Depolarisation auftreten und sichtbar werden, sobald die normale Erregungsausbreitung wiederhergestellt ist. Der T-Wellen-Vektor der normalen Eigenaktionen orientiert sich dabei an dem QRS-Hauptvektor der vorhergehenden abnormen Aktivierung.
Das Phänomen gilt in der Regel als benigner Befund. Es darf jedoch nicht als Zeichen einer myokardialen Ischämie fehlinterpretiert werden.
Geschichte
Die erste große systematische Fallserie zu T-Wellen-Veränderungen nach künstlicher ventrikulärer Stimulation wurde 1969 von Kanu Chatterjee und Mitarbeitern im British Heart Journal publiziert. Den Begriff Cardiac Memory prägte Mauricio Rosenbaum im Jahr 1982. Er formulierte drei zentrale Eigenschaften: Der T-Wellen-Vektor im Sinusrhythmus gleicht sich dem Vektor des vorhergehenden abnormen QRS-Komplexes an; die Amplitude der Memory-T-Welle nimmt mit zunehmender Dauer der abnormen Aktivierung zu; und wiederholte Episoden abnormer Aktivierung führen zu einem rascheren und stärker ausgeprägten Auftreten der Veränderungen.
Ursachen
Cardiac Memory tritt nach Perioden veränderter ventrikulärer Erregungsausbreitung auf. Bekannte Auslöser sind:
- Intermittierende ventrikuläre Schrittmacherstimulation – der häufigste klinische Kontext
- Intermittierender Linksschenkelblock
- Ventrikuläre Präexzitation im Rahmen eines Wolff-Parkinson-White-Syndroms
- Ventrikuläre Tachykardie
- Häufige ventrikuläre Extrasystolen
- QRS-Verbreiterung durch Antiarrhythmika
Einteilung
Es werden zwei Formen unterschieden:
- Kurzzeit-Memory (Short-Term Cardiac Memory): Entsteht nach weniger als zwei Stunden abnormer ventrikulärer Aktivierung. Die T-Wellen-Veränderungen halten Minuten bis Stunden an.
- Langzeit-Memory (Long-Term Cardiac Memory): Wird durch längere Perioden abnormer Aktivierung (ca. 2–3 Wochen) induziert. Die T-Wellen-Veränderungen persistieren über Wochen bis Monate.
Die Persistenz der T-Wellen-Veränderungen ist proportional zur Dauer der vorhergehenden abnormen Aktivierung.
Pathophysiologie
Eine veränderte ventrikuläre Erregungsausbreitung — etwa durch Schrittmacherstimulation — führt dazu, dass Myokardabschnitte in veränderter zeitlicher Reihenfolge kontrahieren. Daraus resultiert ein verändertes lokales Dehnungsmuster (mechanischer Stretch). Dieser Stretch aktiviert mechanosensitive Rezeptoren und führt regional zu einer erhöhten Freisetzung von Angiotensin II. Angiotensin II bewirkt über AT1-Rezeptoren und das Mikrotubuli-Netzwerk eine Internalisierung von Kv4.3-Kaliumkanälen, die den transienten Auswärts-Kaliumstrom I~to~ tragen.
Die Reduktion von I~to~ hat direkte Folgen für das Aktionspotenzial: Der Phase-1-Notch, der normalerweise in epikardialen Kardiomyozyten stark ausgeprägt ist, verringert sich. Das Aktionspotenzialplateau steigt höher an und die Aktionspotenzialdauer verlängert sich. Da die T-Welle im EKG den Repolarisationsgradienten zwischen Epi- und Endokard widerspiegelt, führt die veränderte epikardiale Repolarisation zu T-Wellen-Inversionen, deren Vektor dem QRS-Vektor der vorhergehenden abnormen Aktivierung folgt.
Bei der Kurzzeit-Memory beruhen die Veränderungen auf Modulation und verändertem Trafficking bereits vorhandener Kanalproteine. Bei der Langzeit-Memory kommt es zu Veränderungen auf Transkriptionsebene mit nachweislich reduzierter Kv4.3-mRNA-Expression.
EKG-Morphologie
Das Chatterjee-Phänomen manifestiert sich im EKG als T-Wellen-Inversionen in den Ableitungen, in denen der vorherige abnorme QRS-Komplex negativ war, und als positive T-Wellen in den Ableitungen, in denen der vorherige abnorme QRS-Komplex positiv war. Bei typischer rechtsventrikulärer apikaler Schrittmacherstimulation zeigen sich T-Negativierungen insbesondere in den inferioren Ableitungen (II, III, aVF) sowie in den Brustwandableitungen.
Differenzialdiagnose
Die klinisch wichtigste Differenzialdiagnose ist die myokardiale Ischämie, da T-Wellen-Inversionen in beiden Entitäten auftreten können.
Unterscheidungskriterien
Folgende EKG-Kriterien sprechen bei Vorliegen von T-Wellen-Inversionen in den Brustwandableitungen und inferioren Ableitungen mit einer Sensitivität von 92 % und einer Spezifität von 100 % für Cardiac Memory und gegen Ischämie:
- Positive T-Welle in aVL
- Positive oder isoelektrische T-Welle in Ableitung I
- Maximale T-Wellen-Negativität in den Brustwandableitungen übersteigt die T-Wellen-Negativität in Ableitung III
Bei gleichzeitig negativen T-Wellen in aVL und Ableitung I sollte eine ischämische Genese in Betracht gezogen werden.
Weitere Differenzialdiagnosen
Weitere Ursachen von T-Wellen-Inversionen, die differenzialdiagnostisch abzugrenzen sind, umfassen unter anderem:
- Takotsubo-Kardiomyopathie
- Myoperikarditis
- Zerebrovaskuläre Ereignisse
- Ventrikuläre Überlastungssyndrome (Strain-Muster)
- Linksventrikuläre Hypertrophie
Klinische Bedeutung
Das Chatterjee-Phänomen wird in der Regel als benigner Befund gewertet, der per se keine therapeutische Konsequenz nach sich zieht. Die frühzeitige Erkennung kann jedoch unnötige Krankenhausaufnahmen, invasive Diagnostik und Herzkatheteruntersuchungen vermeiden.
In seltenen Fällen kann die im Rahmen des Phänomens auftretende Verlängerung der Aktionspotenzialdauer bei gleichzeitig vorliegender Bradykardie oder weiteren Faktoren für eine QT-Verlängerung proarrhythmisch wirken und eine Notfallversorgung erfordern.
Quellen
- Chatterjee K, Harris A, Davies G, Leatham A. Electrocardiographic changes subsequent to artificial ventricular depolarization. Br Heart J. 1969;31(6):770–779. Erstbeschreibung des Phänomens. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC487590/
- Rosen MR, Cohen IS. Cardiac memory … new insights into molecular mechanisms. J Physiol. 2006;571(Pt 2):209–218. Molekulare Mechanismen (Ito, Kv4.3, CREB, Kurzzeit- vs. Langzeitmechanismus) https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC1464312/
- Jeyaraj D, Ashwath M, Rosenbaum DS. Pathophysiology and clinical implications of cardiac memory. Pacing Clin Electrophysiol. 2010;33(3):346–352. Elektrophysiologie und regionale Repolarisationsgradienten https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC2865579/
- Suran MCB, Siliste C, Vinereanu D. Cardiac Memory – from Theory to Clinical Practice. Maedica (Bucur). 2019;14(2):135–141. Klinisches Review mit Einteilung, Differenzialdiagnose und EKG-Kriterien https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC6709401/
- Snavely AC, Garg J. Cardiac Memory-induced T-wave Inversions. Clin Pract Cases Emerg Med. 2020;4(2):261–264. Fallbericht mit klinischer Differenzialdiagnose https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC7219993/
- Naegeli B et al. Cardiac memory mimicking myocardial ischaemia. J R Soc Med. 2004;97(3):131–132. Fallbericht zur Verwechslungsgefahr mit Ischämie https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC539422/
- Kuniyoshi J, Kwock M, Silangcruz K, Techasatian W, Nishimura Y. The Chatterjee Phenomenon: A Demonstration of Cardiac Memory in Paced Rhythms. Eur J Case Rep Intern Med. 2023;10(3) https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC10035617/