Rabiesvirus
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LoslegenSynonyme: Tollwutvirus, Rabies-Virus
Englisch: rabies virus
Definition
Das Rabiesvirus, kurz RABV, ist der Erreger der Tollwut. Es ist der häufigste Auslöser der Erkrankung beim Menschen und gilt als Prototyp der Gattung Lyssavirus.
siehe Hauptartikel: Rabies
Taxonomie
- Klassifikation: Viren
- Realm: Riboviria
- Reich: Orthornavirae
- Phylum: Negarnaviricota
- Klasse: Monjiviricetes
- Ordnung: Mononegavirales
- Familie: Rhabdoviridae
- Unterfamilie: Alpharhabdovirinae
- Gattung: Lyssavirus
- Art: Rabies lyssavirus
- Gattung: Lyssavirus
- Unterfamilie: Alpharhabdovirinae
- Familie: Rhabdoviridae
- Ordnung: Mononegavirales
- Klasse: Monjiviricetes
- Phylum: Negarnaviricota
- Reich: Orthornavirae
- Realm: Riboviria
Die Gattung Lyssavirus umfasst derzeit (2026) 18 anerkannte Virusspezies. Ihre Vertreter können beim Menschen Krankheitsbilder auslösen, die klinisch nicht von der klassischen Tollwut zu unterscheiden sind, darunter das Mokola-Virus, das europäische Fledermaus-Lyssavirus 1 und 2 sowie das Bokeloh-Fledermaus-Lyssavirus.
Morphologie
Das Rabiesvirus ist ein behülltes, projektil- bzw. patronenförmiges Virus von ca. 180 nm Länge und 75 nm Breite. Das Nukleokapsid ist helikal aufgebaut: Die genomische RNA ist entlang ihrer gesamten Länge von N-Protein umgeben und bildet gemeinsam mit P- und L-Protein das Ribonukleoprotein (RNP), das als Matrize für Transkription und Replikation dient. Das M-Protein verbindet das RNP mit der Virushülle, in der Trimere des G-Proteins als Spikes verankert sind.
Als behülltes Virus ist das Rabiesvirus in der Umwelt wenig stabil und wird durch UV-Strahlung, Austrocknung, Lipidlösungsmittel und gängige Desinfektionsmittel rasch inaktiviert.
Genom
Das Genom des Virus ist eine nichtsegmentierte, einzelsträngige RNA (ssRNA) mit negativer Polarität und einer Länge von ca. 12.000 Nukleotiden. Es kodiert in der Reihenfolge 3'-N-P-M-G-L-5' für fünf Proteine:
| Protein | Bezeichnung | Funktion |
|---|---|---|
| N | Nukleoprotein | verkapsidet die genomische RNA, bildet mit P und L das RNP |
| P | Phosphoprotein | Kofaktor der Polymerase, Interferon-Antagonismus |
| M | Matrixprotein | Verbindung von RNP und Hülle, Virionmorphogenese, Regulation von Transkription und Replikation |
| G | Glykoprotein | Rezeptorbindung, Membranfusion, Hauptziel neutralisierender Antikörper |
| L | Large-Protein | RNA-abhängige RNA-Polymerase |
Die fünf Gene sind durch nicht-kodierende intergenische Regionen getrennt, welche die virale Genexpression regulieren. Durch den sequenziellen Stop-Start-Mechanismus der Polymerase nimmt die Transkriptmenge vom 3'- zum 5'-Ende hin ab, sodass das N-Protein am stärksten und das L-Protein am schwächsten exprimiert wird. Die intergenische Region zwischen G und L ist mit ca. 450 Nukleotiden auffällig lang. Sie ist ein nicht translatiertes Pseudogen.
Pathogenitätsfaktoren
Das G-Protein vermittelt die Bindung an die Wirtszelle und bestimmt den neurotropen Charakter des Virus. Als Rezeptoren wurden unter anderem der muskuläre nikotinerge Acetylcholinrezeptor (nAChR) an der neuromuskulären Endplatte, das neurale Zelladhäsionsmolekül (NCAM/CD56), der Neurotrophinrezeptor p75NTR und der metabotrope Glutamatrezeptor mGluR2 beschrieben. Einzelne Aminosäurepositionen des G-Proteins, vor allem Position 333 der antigenen Stelle III, beeinflussen Neuroinvasivität und Virulenz. Das P-Protein unterdrückt die Interferon-Antwort der Wirtszelle.
Übertragung
Das Rabiesvirus ist stark neurotrop und wird gewöhnlich von einem tollwütigen Tier durch einen Biss auf ein anderes Tier oder auf den Menschen übertragen. Nach lokaler Vermehrung, unter anderem in quergestreifter Muskulatur, tritt es an den Nervenendigungen im Bereich der Bissstelle in das periphere Nervensystem ein. Von dort gelangt es durch retrograden axonalen Transport in das Zentralnervensystem (ZNS). Anschließend breitet es sich zentrifugal in periphere Organe aus und wird über den Speichel ausgeschieden. Eine Virämie tritt nicht auf.
Nachweis
Der direkte Erregernachweis erfolgt mittels RT-PCR aus Speichel, Liquor, Haut- oder Gehirngewebe sowie mittels direkter Immunfluoreszenz (DFA) aus Hirngewebe oder Hautbiopsien. Beim Menschen wird intra vitam der Nachweis viraler RNA in Nackenhautbiopsien favorisiert. Die sichere Bestätigung gelingt meist erst post mortem. Histologisch finden sich eosinophile zytoplasmatische Einschlusskörperchen (Negri-Körperchen). Zur Beurteilung des Impfschutzes dienen Serumneutralisationstests (RFFIT, FAVN).
siehe Hauptartikel: Rabies
Anzucht
Das Rabiesvirus lässt sich in Zellkulturen vermehren, insbesondere in Neuroblastom-Zelllinien, BHK-21-Zellen und Vero-Zellen. Vero-Zellen und Hühnerembryofibroblasten dienen auch der Herstellung der modernen Zellkulturimpfstoffe.
Vorkommen
Das Reservoir des Rabiesvirus sind Säugetiere, vor allem Fleischfresser wie Hunde, Füchse, Marderhunde, Waschbären und Stinktiere. Weltweit ist die hundevermittelte Tollwut die mit Abstand bedeutendste Infektionsquelle für den Menschen. Daneben wurden Infektionen auch bei Dachsen, Mardern, Rehen, Rindern, Schafen, Ziegen, Pferden und Katzen festgestellt. In Einzelfällen wurde das Virus auch in Nagetieren nachgewiesen, wobei bisher (2026) keine Übertragung auf den Menschen dokumentiert wurde.
Bei Fledermäusen zirkuliert das Rabiesvirus ausschließlich in Amerika, wo hämatophage Fledermäuse inzwischen die wichtigste Quelle humaner Tollwutfälle darstellen. In Europa, Afrika, Asien und Australien sind Fledermäuse hingegen Reservoir anderer Lyssaviren.
Verwendung
Impfstoffherstellung
Inaktivierte Zellkulturimpfstoffe auf Basis des Rabiesvirus werden zur Präexpositionsprophylaxe und Postexpositionsprophylaxe eingesetzt. Attenuierte Virusstämme sowie rekombinante Vektorimpfstoffe dienen der oralen Immunisierung von Füchsen und Hunden über Impfköder.
Neurowissenschaftliche Forschung
Aufgrund seines streng retrograden transsynaptischen Ausbreitungsmusters wird das Rabiesvirus in modifizierter Form (Glykoprotein-deletierte, pseudotypisierte Varianten) als Tracer zur Kartierung neuronaler Verschaltungen genutzt. Daneben werden Rabiesvirus-Vektoren in der Impfstoff- und Gentherapieforschung untersucht.
Klinik
Eine Infektion mit dem Rabiesvirus führt nach einer Inkubationszeit von meist 20–90 Tagen zu einer Enzephalitis, die nach Auftreten klinischer Symptome nahezu immer letal verläuft. Unterschieden werden eine enzephalitische (ca. 80 %) und eine paralytische Verlaufsform (ca. 20 %).
siehe Hauptartikel: Rabies
Literatur
- Fooks AR, Jackson AC (Hrsg.). Rabies: Scientific Basis of the Disease and Its Management. 4. Aufl. Academic Press; 2020.
- Fisher et al. The spread and evolution of rabies virus: conquering new frontiers. Nat Rev Microbiol. 2018;16(4):241–255.
- Fooks AR, Cliquet F, Finke S et al. Rabies. Nat Rev Dis Primers. 2017;3:17091.
- Modrow et al. Molekulare Virologie. 3. Aufl. Spektrum Akademischer Verlag; 2010.
- International Committee on Taxonomy of Viruses (ICTV). Genus: Lyssavirus. ICTV Report, Rhabdoviridae, abgerufen am 05.10.2026