Peutz-Jeghers-Syndrom
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LoslegenSynonyme: Hutchinson-Weber-Peutz-Syndrom, Peutz-Jeghers-Hamartose
Englisch: Peutz-Jeghers syndrome
Definition
Das Peutz-Jeghers-Syndrom, kurz PJS, ist ein Tumorprädispositionssyndrom mit autosomal-dominantem Erbgang. Es ist durch mukokutane Pigmentanomalien, eine Polyposis des Gastrointestinaltraktes und ein erhöhtes Risiko für intestinale und extraintestinale Malignome charakterisiert.
Epidemiologie
Die Inzidenz wird auf ca. 1 pro 50.000 bis 200.000 Geburten geschätzt, es handelt sich also um eine sehr seltene Erkrankung. Beide Geschlechter sind gleich häufig betroffen. Das Alter der Erstmanifestation liegt im Mittel bei 13 Jahren. Gastrointestinale Beschwerden manifestieren sich häufig bereits im Kindes- oder Jugendalter.[1]
Ätiologie
Ursächlich sind meist heterozygote Keimbahnvarianten des STK11-Gens auf Chromosom 19 am Genlokus 19p13.3. Bei STK11 handelt es sich um ein Tumorsuppressorgen, das eine Serin-Threonin-Kinase kodiert. Neben familiären Fällen kommen De-novo-Varianten vor.
Die Nachweisrate hängt von der Untersuchungstechnik ab. Neben der Sequenzanalyse ist eine Deletions- und Duplikationsanalyse erforderlich. Unter Einbeziehung dieser erweiterten Gendiagnostik lassen sich bei etwa 90–100 % der Patienten mit klinisch gesichertem Peutz-Jeghers-Syndrom pathogene STK11-Varianten nachweisen. Ein negativer genetischer Befund schließt ein PJS aber nicht vollständig aus.[2]
Pathophysiologie
STK11 reguliert unter anderem Zellpolarität, Energiestoffwechsel und Zellwachstum. Die Kinase aktiviert AMPK und beeinflusst darüber den mTOR-Signalweg. Ein Funktionsverlust führt zu einer gestörten Wachstumskontrolle und Tumorentwicklung.[3]
Klinik
Integument
Bei der Inspektion findet man Pigmentflecken unterschiedlicher Größe auf der Haut und Schleimhaut. Typisch sind kleine braune bis schwarzbraune Maculae am Lippenrot, perioral und auf der Wangenschleimhaut. Weitere Lokalisationen sind Finger, Zehen und die Perianalregion. Die Pigmentierung kann den gastrointestinalen Beschwerden vorausgehen. Die Hautveränderungen können mit zunehmendem Alter verblassen, während die Schleimhautpigmentierung häufig bestehen bleibt.[4]
Gastrointestinaltrakt
Im Gastrointestinaltrakt weisen fast alle Patienten zahlreiche (bis zu mehrere hundert) gutartige Polypen auf, bei denen es sich zumeist um Hamartome handelt. Diese Polypen werden Peutz-Jeghers-Polypen genannt und bestimmen den Krankheitsverlauf. Mögliche Beschwerden und Komplikationen sind:
- rezidivierende, teilweise kolikartige Bauchschmerzen
- okkulte oder manifeste gastrointestinale Blutungen
- Eisenmangelanämie
- rezidivierende Invaginationen
- Ileus
Akute starke Bauchschmerzen können auf eine Dünndarminvagination hinweisen und erfordern eine unverzügliche Abklärung.[5]
Tumoren
Das Risiko für folgende Malignome ist erhöht:
- Kolorektales Karzinom
- Magenkarzinom
- Dünndarmkarzinom
- Pankreaskarzinom
- Mammakarzinom
- gynäkologische Tumoren, insbesondere gastrischer Typ des Zervixadenokarzinoms
Daneben kommen charakteristische gonadale Tumoren vor, darunter ovarielle Keimstrangtumoren mit annulären Tubuli (SCTAT) und testikuläre Sertoli-Zell-Tumoren. Diese sind bei PJS häufig gutartig und können hormonell aktiv sein. Mögliche Folgen sind Pubertas praecox oder Gynäkomastie.[1][4]
Diagnostik
Die Verdachtsdiagnose wird aufgrund der Familienanamnese und der Inspektion von Haut und Schleimhäuten gestellt.
Die weitere Diagnostik umfasst Gastroskopie, Koloskopie sowie eine Untersuchung des Dünndarms mittels Kapselendoskopie oder MR-Enterographie. Im Rahmen der Endoskopie entfernte Polypen werden pathohistologisch untersucht. Bei Blutungsverdacht sind zudem Blutbild und Eisenparameter (Serumferritin, Transferrinsättigung) sinnvoll.
Der definitive Nachweis erfolgt durch eine molekularbiologische Untersuchung mit Nachweis einer STK11-Mutation. Ist die familiäre Variante bekannt, können gefährdete Angehörige gezielt untersucht und eine humangenetische Beratung angeboten werden.[3][5]
Pathohistologie
Charakteristisch für die Peutz-Jeghers-Polypen im Dünndarm ist ein baumartig verzweigtes Gerüst aus glatter Muskulatur, das von weitgehend ortstypischem Drüsenepithel überzogen wird. In Magen und Kolon kann das Bild weniger typisch sein. Bei kolorektalen Polypen ist die läppchenförmige Anordnung der Krypten mit umgebenden glatten Muskelzellen diagnostisch wegweisend.[6]
Diagnosekriterien
Eine klinische Diagnose kann gestellt werden, wenn mindestens eines der folgenden Kriterien erfüllt ist:
- mindestens zwei histologisch bestätigte Peutz-Jeghers-Polypen
- mindestens ein Peutz-Jeghers-Polyp und eine positive Familienanamnese bei nahen Angehörigen
- typische mukokutane Pigmentierung und eine positive Familienanamnese bei nahen Angehörigen
- mindestens ein Peutz-Jeghers-Polyp und typische mukokutane Pigmentierung[2]
Differenzialdiagnosen
Abzugrenzen sind vor allem:
- Juvenile Polyposis
- PTEN-Hamartom-Tumor-Syndrom, v.a. das Cowden-Syndrom
- solitärer Peutz-Jeghers-Polyp ohne syndromale Erkrankung
Bei isolierter Schleimhautpigmentierung sind unter anderem das Laugier-Hunziker-Syndrom und der Morbus Addison zu berücksichtigen.[1][4]
Therapie
Eine kausale Therapie steht nicht zur Verfügung. Ziel ist die Vermeidung von Polypenkomplikationen und die frühzeitige Erkennung von Tumoren. Die Betreuung sollte in einem erfahrenen Zentrum erfolgen. Untersuchungsintervalle richten sich nach Alter, Polypenlast und Vorbefunden.
Dünndarmpolypen, die größer als etwa 15–20 mm sind, sollen entfernt werden. Das Gleiche gilt für symptomatische oder blutende Polypen – unabhängig von ihrer Größe. Für schwer erreichbare Dünndarmpolypen eignet sich die Ballonenteroskopie. Bei akuter Invagination ist häufig eine dringliche Operation erforderlich. Dabei sollte möglichst viel funktionsfähiger Darm erhalten werden, um ein Kurzdarmsyndrom zu vermeiden.[2][5]
Vorsorge
| Bereich | Orientierendes Vorgehen |
|---|---|
| Magen und Kolon | Erste Gastroskopie und Koloskopie mit etwa 8 Jahren. Bei Polypennachweis Kontrollen alle 1–3 Jahre; bei unauffälligem Ausgangsbefund Wiederaufnahme mit 18 Jahren. |
| Dünndarm | Ab etwa 8 Jahren Kapselendoskopie oder MRT, in der Regel alle 1–3 Jahre. |
| Brust | Bei Frauen intensivierte Früherkennung ab etwa 25 Jahren, insbesondere jährliche kontrastmittelgestützte Brust-MRT; ergänzende Mammographie altersabhängig. |
| Pankreas | Regelmäßige Überwachung mittels MRT/MRCP und/oder Endosonographie, häufig ab 30–35 Jahren. Durchführung in einem spezialisierten Zentrum; Beginn und Intervall nach dem verwendeten Vorsorgeprotokoll. |
| Gynäkologische Organe | Regelmäßige fachärztliche Kontrollen mit besonderer Beachtung von Zervixkarzinomen und ovariellen Keimstrangtumoren. |
| Hoden und Pubertätsentwicklung | Regelmäßige klinische Untersuchung; sonographische Abklärung bei Auffälligkeiten. |
Bei Beschwerden erfolgt die Diagnostik unabhängig vom regulären Kontrollintervall.[3][1]
Prognose
Die Prognose hängt wesentlich von gastrointestinalen Komplikationen sowie vom Auftreten und Stadium maligner Tumoren ab.[3] Im Kindes- und Jugendalter stehen Blutungen und Invaginationen im Vordergrund. Mit zunehmendem Alter gewinnt das Malignomrisiko an Bedeutung.
Quellen
- ↑ 1,0 1,1 1,2 1,3 Klimkowski S et al. Peutz-Jeghers Syndrome and the Role of Imaging: Pathophysiology, Diagnosis, and Associated Cancers. Cancers (Basel). 2021;13(20):5121.
- ↑ 2,0 2,1 2,2 Wagner A et al. The Management of Peutz–Jeghers Syndrome: European Hereditary Tumour Group (EHTG) Guideline. J Clin Med. 2021;10(3):473.
- ↑ 3,0 3,1 3,2 3,3 Amos CI, Wagner A. Peutz-Jeghers Syndrome. In: GeneReviews. University of Washington, Seattle. Aktualisiert am 6.10.2026.
- ↑ 4,0 4,1 4,2 Sandru F et al. Peutz-Jeghers syndrome: Skin manifestations and endocrine anomalies (Review). Exp Ther Med. 2021;22(6):1387.
- ↑ 5,0 5,1 5,2 Yamamoto H et al. Clinical Guidelines for Diagnosis and Management of Peutz-Jeghers Syndrome in Children and Adults. Digestion. 2023;104(5):335–347.
- ↑ Tse JY et al. Peutz-Jeghers syndrome: a critical look at colonic Peutz-Jeghers polyps. Mod Pathol. 2013. doi:10.1038/modpathol.2013.44.
Weblinks
Selbsthilfegruppe Peutz-Jeghers-Syndrom Germany e.V.