Octreotid
Handelsname: Sandostatin®
Englisch: octreotide
Definition
Octreotid ist ein synthetisches Somatostatin-Analogon, das zur Behandlung der Akromegalie sowie zur Symptomkontrolle bei neuroendokrinen Tumoren eingesetzt wird.
Chemie
Octreotid ist ein zyklisches Oktapeptid mit einer molaren Masse von 1.019,24 g/mol. Im Vergleich zum nativen Somatostatin weist es eine deutlich erhöhte Stabilität gegenüber enzymatischem Abbau auf.
Wirkmechanismus
Octreotid bindet mit hoher Affinität an die Somatostatin-Rezeptoren der Subtypen SSTR2 und SSTR5. Die Aktivierung dieser Gi-Protein-gekoppelten Rezeptoren führt zu einer Hemmung der Adenylatcyclase mit nachfolgender Abnahme der intrazellulären cAMP-Konzentration. Dadurch hemmt der Wirkstoff die Freisetzung des Wachstumshormons Somatotropin sowie weiterer Peptidhormone, darunter Gastrin, Pepsin, Insulin, Glukagon und vasoaktives intestinales Peptid (VIP).
Pharmakokinetik
Nach subkutaner Injektion wird Octreotid rasch und vollständig resorbiert, maximale Plasmaspiegel werden nach etwa 30 Minuten erreicht. Die absolute Bioverfügbarkeit nach subkutaner Gabe beträgt etwa 100 %. Die Plasmaproteinbindung liegt bei ca. 65 %, das Verteilungsvolumen umfasst ca. 0,27 l/kgKG. Die Plasmahalbwertszeit beträgt nach subkutaner Gabe etwa 90 bis 100 Minuten und ist damit erheblich länger als diejenige des endogenen Somatostatins (ca. 2 bis 3 Minuten). Die Elimination erfolgt überwiegend hepatisch, zu einem geringeren Anteil unverändert renal.
Bei Patienten mit Leberinsuffizienz kann die Clearance vermindert und die Plasmahalbwertszeit verlängert sein. In diesen Fällen kann eine Dosisanpassung erforderlich werden.
Nach intramuskulärer Gabe der Depotformulierung (Octreotid-LAR) wird initial eine geringe Wirkstoffmenge freigesetzt, gefolgt von einem verzögerten kontinuierlichen Release über mehrere Wochen. Steady-State-Konzentrationen werden nach etwa drei Injektionen erreicht.
Indikationen
Octreotid kann bei folgenden Erkrankungen angewendet werden:
- Akromegalie, wenn eine operative oder strahlentherapeutische Behandlung nicht möglich oder unzureichend ist
- Symptomlinderung bei neuroendokrinen Tumoren des Gastrointestinaltrakts, z.B. Karzinoid, VIPom, Glukagonom, Gastrinom und Insulinom
- adjuvante Therapie akuter Ösophagusvarizenblutungen bei Leberzirrhose
- Prophylaxe von Komplikationen nach Pankreaschirurgie
Off-label wird Octreotid eingesetzt
- zur Behandlung von Attacken bei Clusterkopfschmerz
- beim hepatorenalem Syndrom in Kombination mit Midodrin und Albumin
Darreichungsformen
Octreotid ist als Lösung zur subkutanen oder intravenösen Injektion sowie als Depotformulierung zur intramuskulären Injektion verfügbar.
Dosierung
Die Dosierung richtet sich nach der Indikation. Bei der Akromegalie werden initial meist 0,05 bis 0,1 mg subkutan alle 8 bis 12 Stunden verabreicht. Die Erhaltungstherapie kann mit der Depotformulierung in einer Dosis von 20 bis 30 mg intramuskulär alle 4 Wochen durchgeführt werden.
Hinweis: Diese Dosierungsangaben können Fehler enthalten. Ausschlaggebend ist die Dosierungsempfehlung in der Herstellerinformation.
Nebenwirkungen
Zu den möglichen Nebenwirkungen zählen:
- gastrointestinale Beschwerden (Übelkeit, Meteorismus, Diarrhoe, Obstipation, Steatorrhoe)
- Gallenblasenmotilitätsstörung mit Cholelithiasis und Gallenblasen-Sludge bei Langzeittherapie
- Pankreasenzymmangel
- Malabsorption
- Hyperglykämie oder Hypoglykämie
- Schilddrüsenfunktionsstörungen
- Bradykardie
- Lokalreaktionen an der Einstichstelle (Schmerz, Rötung, Schwellung)
- Erhöhung der Transaminasen
Wechselwirkungen
Bei gleichzeitiger Gabe von Ciclosporin kann die Resorption von Ciclosporin vermindert sein, was zu subtherapeutischen Spiegeln führen kann. Da Octreotid den Glukosestoffwechsel beeinflusst, ist bei Patienten unter Insulin oder oralen Antidiabetika eine Anpassung der Dosierung erforderlich. Die Bioverfügbarkeit von Bromocriptin kann durch gleichzeitige Octreotid-Gabe erhöht sein. Octreotid kann zudem die intestinale Resorption anderer gleichzeitig eingenommener Arzneimittel verlangsamen.
Kontraindikationen
Octreotid ist bei Überempfindlichkeit gegen den Wirkstoff oder einen der sonstigen Bestandteile kontraindiziert. Bei vorbestehender Cholelithiasis sowie bei Diabetes mellitus ist eine sorgfältige Nutzen-Risiko-Abwägung erforderlich.
Bildgebung
Radioaktiv markiertes Octreotid, z.B. 111In-DTPA-Octreotid (Octreoscan) oder 68Ga-DOTATOC bzw. 68Ga-DOTATATE, bindet an Somatostatin-Rezeptoren neuroendokriner Tumoren. Die Darstellung erfolgt mittels Somatostatin-Rezeptor-Szintigraphie oder PET/CT und dient der Lokalisation, dem Staging sowie der Beurteilung der Eignung für eine Therapie mit Somatostatin-Analoga oder eine Peptidrezeptor-Radionuklidtherapie (PRRT).[1]
Forschung
In präklinischen Untersuchungen im Mausmodell wurde eine Hemmung der Zellproliferation und der Tumorangiogenese beschrieben.[2]
Quellen
- ↑ Bodei L. Somatostatin receptor scintigraphy: blazing in indium and quenching in gallium. J Nucl Med. 2020;61(10):1389–1390.
- ↑ Jia WD et al. Octreotide acts as an antitumor angiogenesis compound and suppresses tumor growth in nude mice bearing human hepatocellular carcinoma xenografts. J Cancer Res Clin Oncol. 2003;129(6):327–334.