Neuroonkologie
Englisch: neuro-oncology
Definition
Die Neuroonkologie ist ein medizinisches Fachgebiet, das sich mit Tumorerkrankungen des zentralen und peripheren Nervensystems sowie mit Hirnmetastasen und tumorassoziierten neurologischen Komplikationen befasst. Kennzeichnend sind die enge Zusammenarbeit mehrerer Fachdisziplinen und die Behandlung in spezialisierten Strukturen wie neuroonkologischen Tumorboards.
Hintergrund
Neuroonkologische Erkrankungen können gravierende neurologische Einschränkungen auslösen, die u.a. Sprache, Motorik und Kognition betreffen. Dadurch entstehen komplexe Abwägungen zwischen Tumorkontrolle und Funktionserhalt. Sie erfordern eine koordinierte Planung von Operation, Strahlentherapie, Systemtherapie, Supportiv- und Rehabilitationsmaßnahmen.
Das Fundament der Neuroonkologie ist die präzise Einordnung der betrachteten Tumoren. Die aktuelle WHO-Klassifikation der Tumoren des Zentralnervensystems (5. Edition, 2021) betont die integrative Diagnostik und Einbeziehung molekularer Marker in die Tumordefinition und -gradierung.
Krankheitsbilder
Zum klinischen Spektrum der Neuroonkologie gehören primäre ZNS-Tumoren (z.B. diffuse Gliome, Meningeome), primäre ZNS-Lymphome und sekundäre Manifestationen wie Hirnmetastasen, die neuroonkologisch häufig als eigenständiges klinisches Problem mit spezifischen Behandlungswegen betrachtet werden.
Darüber hinaus beschäftigt sich das Fachgebiet auch mit paraneoplastischen Syndromen des Nervensystems, die bei systemischen Tumoren auftreten. Dazu zählen beispielsweise:
Diagnostik
Die neuroonkologische Diagnostik kombiniert die klinisch-neurologische Beurteilung mit bildgebenden, neuropathologischen und molekularen Verfahren. Dabei ist das MRT in der Regel die tragende Säule für Detektion, Operations- und Bestrahlungsplanung sowie Verlaufsbeurteilung. Die endgültige diagnostische Einordnung erfolgt durch histopathologische und molekularbiologische Charakterisierung. Eine integrative Diagnostik ist besonders wichtig, weil molekulare Tumoreigenschaften Therapieentscheidungen, Prognoseabschätzungen und Studienspezifika bestimmen.
Therapieprinzipien
Die Behandlung in der Neuroonkologie folgt meist einem multimodalen Konzept aus Neurochirurgie, Strahlentherapie und systemischer Therapie, ergänzt durch supportive und rehabilitative Maßnahmen. Leitlinien der European Association of Neuro-Oncology (EANO) betonen dabei die individuelle Nutzen-Risiko-Abwägung, um Übertherapie zu vermeiden und funktionelle Outcomes zu berücksichtigen.
In der Radioonkologie spielen präzise Zielvolumendefinition und moderne Bestrahlungskonzepte eine wichtige Rolle. Neuere europäische Leitlinien beziehen sich explizit auf die WHO-2021-Klassifikation und deren Konsequenzen für die Therapiestratifikation.
Supportivtherapie
Ein definierendes Merkmal der Neuroonkologie ist die systematische Prophylaxe und Behandlung tumor- und therapieassoziierter neurologischer Komplikationen. Dazu zählen insbesondere epileptische Anfälle, kognitive und neuropsychologische Einschränkungen, fokalneurologische Defizite, Fatigue sowie vaskuläre oder entzündliche Komplikationen im Kontext von Tumoren und Therapien.
Da Prognosen je nach Entität stark variieren, umfasst das Fachgebiet außerdem eine frühzeitige Integration von palliativmedizinischen und psychosozialen Angeboten mit dem Ziel, Symptomlast und Lebensqualität strukturiert zu verbessern.
Organisation
Neuroonkologische Versorgung ist in vielen Zentren an spezialisierte Programme gebunden. Die interdisziplinäre Fallkonferenz (Neuroonkologie-Tumorboard) dient dabei als zentraler Ort, an dem Befunde aus Neurologie, Neurochirurgie, Neuroradiologie, Neuropathologie, Radioonkologie und medizinischer Onkologie zusammengeführt und in eine konsentierte Empfehlung überführt werden. Entsprechende Zusammensetzungen sind auch in neuroonkologischen Arbeitsgemeinschaften beschrieben.
Forschung
Forschungsschwerpunkte ergeben sich u.a. aus der zunehmenden Bedeutung molekularbiologischer Diagnostik sowie der Entwicklung zielgerichteter und immunonkologischer Therapien.