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Leishmania pifanoi

1 Definition

Leishmania pifanoi des Leishmanien-Subgenus Leishmania ist der Erreger einer zoonotischen amerikanischen diffusen kutanen Leishmaniose.

2 Epidemiologie

Der Erreger wurde bisher nur in Venezuela festgestellt, und zwar vor allem in den Staaten Yaracuy, Lara and Miranda.[1]

3 Übertragung

Die Sandmücke Lutzomyia flaviscutellata ist der einzige bekannte Vektor für den Erreger.[2][1]

Die Reservoirwirte sind unbekannt[2], vermutet werden verschiedene Nagetiere, unter anderem die Baumwollratte Sigmodon hispidus und die Hausratte Rattus rattus.[1]

4 Diffuse kutane Leishmaniose

Wie Leishmania mexicana und Leishmania amazonensis gehört Leishmania pifanoi zum Leishmania-mexicana-Komplex. Ein (gemäß WHO) "kleiner Prozentsatz"[2] der mit Leishmania mexicana oder Leishmania amazonensis Infizierten entwickelt eine diffuse kutane Leishmaniose. Aufgrund einer unterdrückten zellvermittelten Immunantwort (Anergie) breiten sich die Erreger hämatogen oder lymphogen unkontrolliert über den ganzen Körper aus.

Infektionen mit Leishmania pifanoi sind äußerst selten, wozu auch der wenig anthropophile Vektor Lutzomyia flaviscutellata beitragen mag. Die Besonderheit von Leishmania pifanoi ist jedoch, dass jede klinische Infektion eine diffuse kutane Leishmaniose zur Folge hat.[1] Der Leishmanin-Hauttest ist ausnahmslos negativ. Dieser Umstand rechtfertigt, den Erreger trotz sonst spärlicher Kenntnisse zu erwähnen.

Aufgrund der fehlenden Immunreaktion des Körpers steht bei jedem Auftreten einer diffusen kutanen Leishmaniose die Frage im Raum, ob der Erreger oder das Immunsystem des Infizierten für die Erkrankung verantwortlich ist. Mit Leishmania pifanoi liegt ein Erreger vor, für den nur diffus Infizierte bekannt sind.

Die diffuse kutane Leishmaniose in Venezuela wurde zum ersten Mal 1946 beschrieben. Einer Behandlung mit pentavalentem Antimon war kein Erfolg beschieden. Der Erreger wurde später identifiziert und Leishmania pifanoi benannt. Leishmania pifanoi wurde dann 1959 und 1962 im Hinblick auf die Infektion beim Menschen genauer untersucht[1], alle Folgeerwähnungen wiederholen lediglich die damaligen Ergebnisse. Die Bezeichnung der vermuteten Reservoirwirte stammt aus dem Jahr 2002.[1]

5 Isoenzymatische und molekulargenetische Typisierung von Leishmania pifanoi

Erkenntnisse über die Entdeckung von Leishmania pifanoi und die grundlegende Klinik der vom Erreger verursachten Leishmaniose lassen sich nur über ein Literaturstudium von Quellen aus den Jahren 1946-1962 erschließen.

Die hier vorliegende Flexikon-Artikel basiert vor allem auf dem medizinhistorischen Artikel [1] des Parasitologen Ralph Lainson aus dem Jahr 2010. Lainson hatte sich zuvor 50 Jahre lang mit Leishmaniosen und anderen Tropenkrankheiten Südamerikas (besonders des Amazonasbeckens) befasst und zahlreiche maßgebliche und die Parasitologie Südamerikas strukturierende Arbeiten verfasst. Die WHO bestätigt, wenn auch nur in einer Zeile ihrer Tabelle zu Venezuela, die Ergebnisse Lainsons in Bezug auf Leishmania pifanoi.[2]

Die Identifizierung von Leishmanien-Spezies erfolgte früher und erfolgt noch heute über isoenzymatische Untersuchungen mit Hilfe der Multilocus-Enzymelektrophorese (MLEE) auf der Basis von Referenz-Erregerstämmen (englisch: reference strains) als aktueller Untersuchungsmethodik.[2] MLEE gilt heute noch als WHO-Goldstandard.[3] Im WHO-Bericht 949 wird für Leishmania pifanoi genau ein Erregerstamm aus Venezuela erwähnt.[2] Die Identifikation der Erreger mittels biochemischer Verfahren erfolgte im Bemühen um Konsistenz gemeinsam mit klinischer Diagnose und Behandlung von Leishmaniosen, mit epidemiologischen Untersuchungen sowie mit der Identifikation von Vektoren und Reservoirwirten.

Auch die WHO geht davon aus, dass aufgrund verlässlicherer Ergebnisse molekulargenetische Verfahren in Zukunft Untersuchungen mittels MLEE zur Identifikation von Leishmanien-Spezies ablösen werden. Allerdings wird auch bemerkt, dass ein Nachteil aktueller Methoden und Ergebnisse die fehlende Standardisierung unter den Laboren und eine unvollständige Korrelation mit den Ergebnissen isoenzymatischer Typisierung zu nennen ist.[2]

Einen exzellenten aktuellen Überblick über die Speziesidentifikation mittels MLEE und einer großen Anzahl aktueller molekulargenetischer Typisierungsverfahren gibt der Artikel von Van der Auwera/Dujardin aus dem Jahr 2015[3] wieder. Bereits beim dort beschriebenen aktuellen Stand der MLEE-Identifikation wird Leishmania pifanoi nicht als Spezies, sondern als heterogene Gruppe im Leishmania-mexicana-Komplex bezeichnet. Einige als Leishmania pifanoi titulierte Erregerstämme sind näher mit Leishmania mexicana, andere näher mit Leishmania amazonensis verwandt. Es wird außerdem vermerkt, dass sich die Forschung in Bezug auf südamerikanische Leishmanien-Spezies in den letzten Jahrzehnten dominant mit dem Subgenus Viannia befasst hat und dass der Leishmania-mexicana-Komplex eher stiefmütterlich behandelt wurde.

Je nachdem, welche Erregerstämme in Untersuchungen aus- oder eingeblendet werden und welches Typisierungsverfahren verwendet wird, kommt man zu unterschiedlichen Ergebnissen. Wie auch einige andere Veröffentlichungen bezeichnet z.B. der medizinhistorische PLOS-Artikel [4] aus dem Jahr 2016 Leishmania pifanoi als ein Synonym von Leishmania mexicana. Eine Referenz zum Beleg dieser Behauptung wird nicht geliefert, wohl aber die Bemerkung, dass in allen Studien bisher zu wenige Proben für einen tatsächlichen Beleg verschiedener neuer Identifikationsergebnisse untersucht wurden. Die erste Erwähnung diffuser kutaner Leishmaniose wird nach Kenia ins Jahr 1969 mit dem Erreger Leishmania aethiopica verlegt. Gemäß Lainson fand die erste Beschreibung im Jahr 1946 bezogen auf Venezuela statt, und der verantwortliche Erreger wurde später als Leishmania pifanoi bezeichnet.[1]

Ein nicht diskriminierendes Ergebnis molekulargenetischer Untersuchungen besagt lediglich, dass bestimmte Erregerstämme bezüglich eines bestimmten Verfahrens nicht unterschieden werden können. Es ist nicht ungewöhnlich, dass zwischen Erregerstämmen nicht differenziert werden kann, obwohl die im Hinblick auf Verfahren und Erregerstämme genetisch nicht unterscheidbaren Spezies Leishmaniosen mit einem völlig unterschiedlichen klinischen Spektrum verursachen können.

Beispielsweise kann die Analyse[5] nicht zwischen den untersuchten Erregerstämmen von Leishmania mexicana und Leishmania pifanoi unterscheiden, allerdings auch nicht zwischen den bekanntermaßen genetisch sehr ähnlichen Stämmen von Leishmania donovani und Leishmania infantum. Auf der anderen Seite wurde auch festgestellt, dass verschiedene mit gleichem Spezies-Namen titulierte bestehende Erregerstämme einen erheblichen genetischen Abstand voneinander aufweisen können. In der viel zitierten Arbeit von Fraga et al.[6] ist eine Leishmania-mexicana-Probe sehr eng mit Leishmania amazonensis und Leishmania garnhami verwandt, eine andere weist einen erheblichen genetischen Abstand zu den drei zuvor erwähnten Erregerstämmen auf.

Über die Frage der Identifikation von Leishmanien-Spezies kann z.B. im Hinblick auf eine zukünftige Medikation von Leishmaniosen nicht allein im Genlabor entschieden werden. Die Bewertung bestehender und eventuelle Beschaffung neuer Erregerstämme und die Einbindung der bestehenden (auch klinischen) Forschung sind gleichermaßen gewichtige Aufgaben.

6 Speziesstatus

Der Status der Spezies Leishmania pifanoi wird zur Zeit überprüft.[2][3] Es wird abzuwarten sein, wie das in der wissenschaftlichen Literatur belegte Alleinstellungsmerkmal, nur diffuse kutane Leishmaniose zu verursachen, nach einer überarbeiteten Identifikation zu bewerten ist. Erwähnt werden sollte auch, dass gerade wegen dieses Alleinstellungsmerkmals in den letzten Jahrzehnten Tierversuche bei Mäusen und Hamstern mit Erregern der Spezies Leishmania pifanoi und künstlich infizierten Lutzomyia-Sandmücken, insbesondere Lutzomyia youngi, zur Gewinnung eines besseren Verständnisses der zellvermittelten Immunantwort bei Leishmania-Infektionen durchgeführt wurden.

7 Quellen

  1. 1,0 1,1 1,2 1,3 1,4 1,5 1,6 1,7 Ralph Lainson The Neotropical Leishmania species: a brief historical review of their discovery, ecology and taxonomy Rev Pan-Amaz Saude 2010; 1(2):13-32
  2. 2,0 2,1 2,2 2,3 2,4 2,5 2,6 2,7 Control of the leishmaniases WHO Technical Report 949, WHO 2010
  3. 3,0 3,1 3,2 Van der Auwera/Dujardin Species Typing in Dermal Leishmaniasis (2015) Clin. Microbiol. Rev. April 2015 vol. 28 no. 2 265-294
  4. Akhoundi et al. A Historical Overview of the Classification, Evolution, and Dispersion of Leishmania Parasites and Sandflies (2016), PLoS Negl Trop Dis 10(3): e0004349. doi:10.1371/journal.pntd.0004349
  5. Lindsay et al. An Enhanced Method for the Identification of Leishmania spp. using Real-Time PCR and Sequence Analysis of the 7SL RNA Gene Region Diagn Microbiol Infect Dis. 2010 April; 66(4): 432–435
  6. Fraga et al. Phylogeny of Leishmania species based on the heat-shock protein 70 gene, Infection, Genetics and Evolution 10 (2010) 238–245

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