Krankheitsverarbeitung
Definition
Krankheitsverarbeitung ist die kognitive und emotionale Auseinandersetzung eines Patienten mit den Folgen seiner Erkrankung. Sie betrifft u.a. das Selbstbild, den Lebensentwurf und die Zukunftsperspektiven.
Abgrenzung
Krankheitsverarbeitung als primär psychischer Prozess stellt die Vorstufe der stärker handlungsorientierten Krankheitsbewältigung dar.
Hintergrund
Eine Erkrankung ist häufig eine biographische Zäsur, die bestehende Annahmen über Gesundheit, Kontrolle und Identität in Frage stellt. Krankheitsverarbeitung beschreibt den psychischen Prozess, in dem diese Diskrepanz wahrgenommen, eingeordnet und schrittweise verarbeitet wird. Der Verlauf ist dabei nicht linear, sondern dynamisch und kann Phasen intensiver Auseinandersetzung ebenso umfassen wie zeitweilige Distanzierung. Das Konzept lässt sich an stresspsychologische Anpassungsmodelle sowie an psychodynamische Vorstellungen der Affekt- und Konfliktverarbeitung anschließen.
Verarbeitungsebenen
Emotionale Verarbeitung
Auf emotionaler Ebene treten häufig Angst, Unsicherheit, Trauer, Ärger oder Schuldgefühle auf. Diese Affekte beziehen sich sowohl auf die Erkrankung selbst als auch auf deren mögliche Folgen, etwa Kontrollverlust, Abhängigkeit oder eine ungewisse Zukunft. Die emotionale Verarbeitung kann zwischen intensiver affektiver Auseinandersetzung und Phasen emotionaler Distanzierung schwanken.
Kognitive Verarbeitung
Die kognitive Dimension umfasst die gedankliche Einordnung der Erkrankung. Dazu zählen Ursachenzuschreibungen, Krankheitsüberzeugungen sowie Erwartungen hinsichtlich Verlauf, Prognose und Behandelbarkeit. Diese kognitiven Repräsentationen prägen wesentlich, ob eine Erkrankung als bedrohlich, kontrollierbar oder sinnhaft erlebt wird.
Identitäts- und biographische Verarbeitung
Viele Erkrankungen erfordern eine Anpassung des Selbstbildes und der eigenen Lebensplanung. Betroffene setzen sich mit veränderten Rollen, eingeschränkter Leistungsfähigkeit oder dem Verlust bisheriger Selbstverständlichkeiten auseinander. Diese Dimension gewinnt insbesondere bei chronischen oder schwerwiegenden Erkrankungen an Bedeutung.
Einflussfaktoren
Art, Schwere und Verlauf der Erkrankung beeinflussen die Krankheitsverarbeitung ebenso wie individuelle Faktoren, etwa frühere Krankheitserfahrungen, Persönlichkeitsmerkmale und psychische Ressourcen. Auch soziale Unterstützung sowie Qualität und Transparenz der ärztlichen Kommunikation wirken modulierend auf den Verarbeitungsprozess.
Klinische Relevanz
Eine angemessene Krankheitsverarbeitung trägt wesentlich zur psychischen Stabilisierung im Krankheitsverlauf bei. Hinweise auf eine beeinträchtigte Krankheitsverarbeitung können anhaltende Verleugnung, rigide Krankheitsüberzeugungen, ausgeprägte Angst oder depressive Symptomatik sein. Solche Muster gehen häufig mit erhöhter psychischer Belastung, eingeschränkter Lebensqualität und ungünstigem Krankheitsverlauf einher und sind daher für die Gesprächsführung und Therapieplanung relevant.
Literatur
- Bengel et al., Krankheitsverarbeitung bei chronischer Krankheit, Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA), 2001