Geriatrischer Riese
Englisch: geriatric giants
Definition
Als geriatrische Riesen bezeichnet man eine Gruppe typischer, multifaktoriell bedingter Leitsymptome im höheren Lebensalter. Sie treten häufig gemeinsam auf, beeinflussen sich gegenseitig und tragen wesentlich zur Einschränkung von Selbstständigkeit und Lebensqualität bei.
Hintergrund
Der Begriff wurde in der Geriatrie geprägt, um zu verdeutlichen, dass im höheren Lebensalter weniger einzelne Erkrankungen als vielmehr Symptomkomplexe das klinische Bild bestimmen. Diese Symptome sind meist nicht auf eine einzelne Ursache zurückzuführen, sondern entstehen durch das Zusammenwirken altersbedingter Veränderungen, chronischer Erkrankungen, Medikation und Umweltfaktoren.
Einteilung
Traditionell werden vier Leitsymptome unterschieden, die auch als "geriatrische I's" bezeichnet werden:
- Immobilität: Eingeschränkte Beweglichkeit bis hin zur Bettlägerigkeit. Häufige Ursachen sind Muskelschwäche, Gelenkerkrankungen, neurologische Störungen oder Angst vor Stürzen.
- Instabilität (Sturzneigung): Gleichgewichts- und Gangstörungen führen zu erhöhter Sturzgefahr. Stürze zählen zu den häufigsten Ursachen für Morbidität im Alter.
- Inkontinenz: Unwillkürlicher Urin- und/ oder Stuhlabgang, meist multifaktoriell bedingt durch urologische, neurologische oder funktionelle Einschränkungen.
- Intellektueller Abbau: Kognitive Einschränkungen bis hin zur Demenz, häufig verbunden mit Orientierungs- und Gedächtnisstörungen.
Erweiterungen
In modernen geriatrischen Konzepten werden i.d.R. weitere Symptome berücksichtigt, z.B.:
- Depression und soziale Isolation
- Mangelernährung (Malnutrition)
- Schmerzsyndrome
- Polypharmazie und Medikamentennebenwirkungen
- Sinnesstörungen (z.B. Sehen, Hören)
Diese Erweiterungen verdeutlichen, dass es sich bei den geriatrischen Riesen nicht um eine starre Liste handelt, sondern ein klinisches Denkmodell.
Praxis
Das Konzept der geriatrischen Riesen hilft, den diagnostischen Fokus von einzelnen Erkrankungen auf funktionelle Einschränkungen zu lenken. Es bildet eine Grundlage für das geriatrische Assessment und für eine interdisziplinäre, ganzheitliche Behandlung älterer Patienten.