Dimethylfumarat
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LoslegenHandelsnamen: Tecfidera®, Skilarence®
Synonym: Fumarsäuredimethylester
Englisch: dimethyl fumarate
Definition
Dimethylfumarat, kurz DMF, ist ein Arzneistoff, der aus Fumarsäure und 2 Molekülen Methanol entsteht. Er wird zur Immunmodulation bei Multipler Sklerose und Psoriasis eingesetzt.
Chemie
Dimethylfumarat hat die Summenformel C6H8O4. Die molekulare Masse beträgt 144,1 g/mol. Die Substanz liegt bei Raumtemperatur als weißes Pulver vor, das gut löslich in Aceton, wenig löslich in Ether und so gut wie unlöslich in Wasser ist.
Pharmakokinetik
Dimethylfumarat ist ein Prodrug. Nach oraler Aufnahme wird es durch Esterasen rasch zu seinem aktiven Metaboliten Monomethylfumarat (MMF) hydrolysiert, das für die immunmodulatorischen Effekte verantwortlich gemacht wird. Der weitere Abbau erfolgt über den Citratzyklus, die Ausscheidung überwiegend als Kohlenstoffdioxid über die Abatmung.
Wirkmechanismus
Der Wirkmechanismus ist bisher (2026) nicht vollständig geklärt. Man nimmt an, dass die immunmodulatorischen und antioxidativen Effekte von Dimethylfumarat bzw. seines aktiven Metaboliten Monomethylfumarat durch die Interaktion mit dem intrazellulären Thiol-System zustande kommen.
Dimethylfumarat aktiviert den Nrf2-Signalweg und wirkt dadurch immunmodulatorisch und entzündungshemmend. Nrf2 ist ein Transkriptionsfaktor, dessen Aktivierung die Transkription von Genen anstößt, die antiinflammatorische und antioxidative Proteine kodieren. Der Effekt beruht sowohl auf Nrf2-abhängigen als auch auf Nrf2-unabhängigen Signalwegen.[1]
Tierversuche und Zellkulturexperimente zeigen, dass Monomethylfumarat als Agonist am HCA2-Rezeptor wirkt. Die Aktivierung dieses G-Protein-gekoppelten Rezeptors vermindert Adhäsion und Chemotaxis neutrophiler Granulozyten und reduziert so deren Einwandern in das ZNS.[2] Neuere Arbeiten (2026) zeigen zudem, dass Dimethylfumarat die Bildung sogenannter Neutrophil Extracellular Traps (NETs) hemmt – vermittelt über den Nrf2-Signalweg, das antiinflammatorische Annexin A1 und eine veränderte mitochondriale Dynamik.[3]
Indikationen
Dimethylfumarat wird aufgrund seiner immunmodulatorischen Eigenschaften bei zwei Autoimmunerkrankungen eingesetzt:
- schubförmig remittierende Multiple Sklerose (RRMS) bei Erwachsenen und Jugendlichen ab 13 Jahren – bei mildem bis moderatem Verlauf zählt der Wirkstoff zur Erstlinientherapie
- mittelschwere bis schwere Plaque-Psoriasis
Über die zugelassenen Indikationen hinaus wird die Nrf2-aktivierende Wirkung von Dimethylfumarat aktuell präklinisch bei neurodegenerativen Erkrankungen wie der Alzheimer-Krankheit[4] und der Parkinson-Krankheit[5] untersucht. Klinische Daten liegen hierzu bislang nicht vor.
Dosierung
Bei Multipler Sklerose beträgt die Erhaltungsdosis 240 mg oral 2-mal täglich, einschleichend beginnend mit 120 mg 2-mal täglich über die ersten 7 Tage. Die Einnahme erfolgt mit einer Mahlzeit, um gastrointestinale Nebenwirkungen und Flush zu reduzieren.
Hinweis: Diese Dosierungsangaben können Fehler enthalten. Ausschlaggebend ist die Dosierungsempfehlung in der Herstellerinformation.
Nebenwirkungen
Zu den häufigsten unerwünschten Wirkungen zählen:
- Flush (Gesichtsrötung, Wärmegefühl) – sehr häufig, vor allem zu Therapiebeginn
- gastrointestinale Beschwerden (Diarrhö, Übelkeit, Abdominalschmerzen)
- Lymphopenie und Leukopenie
- Pruritus
Flush und gastrointestinale Beschwerden sind die häufigsten Ursachen für einen Therapieabbruch.[6]
Als seltene, aber schwerwiegende Komplikation ist die progressive multifokale Leukenzephalopathie (PML) bekannt.
Kontraindikationen
Tecfidera® ist bei vermuteter oder bestätigter PML sowie bei schwerer Lymphopenie kontraindiziert. Für Skilarence® gelten zusätzlich schwere Erkrankungen des Gastrointestinaltrakts, schwere Leber- oder Nierenfunktionsstörungen sowie Schwangerschaft und Stillzeit als Gegenanzeigen. Im Tierversuch wirkt Dimethylfumarat reproduktionstoxisch.
Pharmakoökonomie
Mit 7,8 Millionen DDD zulasten der GKV war Dimethylfumarat im Jahr 2021 der am häufigsten verordnete Wirkstoff zur Behandlung der Multiplen Sklerose in Deutschland. Dies entsprach einem Anstieg von 7,2 % gegenüber dem Vorjahr.[7] Ein Zusatznutzen von Dimethylfumarat gegenüber der zweckmäßigen Vergleichstherapie wurde durch den Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) nicht als belegt anerkannt.
Nach Ablauf des Patent- und Vermarktungsschutzes von Tecfidera® (Patentschutz Februar 2024, EU-Vermarktungsschutz Februar 2025) sind Generika verfügbar und werden als wirtschaftliche Verordnungsalternative empfohlen. Dadurch sind die Jahrestherapiekosten von rund 11.900 Euro auf etwa 7.300–8.300 Euro (Generika) gesunken.
Nichtmedizinische Verwendung
Außerhalb der Medizin wurde Dimethylfumarat als Biozid gegen Schimmelpilzbefall eingesetzt. Seit 2009 gilt in der EU allerdings ein Verwendungsverbot, da es gehäuft allergische Kontaktreaktionen auslöste.
Zulassung
Das früher gebräuchliche Kombinationspräparat (Dimethylfumarat plus Ethylhydrogenfumarat) ist seit April 2025 außer Vertrieb.[8]
Quellen´
- ↑ Yadav SK et al. Insight into the mechanism of action of dimethyl fumarate in multiple sclerosis. J Mol Med (Berl). 2019;97(4):463-472.
- ↑ Chen H et al. Hydroxycarboxylic acid receptor 2 mediates dimethyl fumarate's protective effect in EAE. J Clin Invest. 2014;124(5):2188-92.
- ↑ Burczyk G, Kolaczkowska E. Fumarate inhibits the formation of neutrophil extracellular traps (NETs) in a Nrf2-controlled and Annexin-A1-dependent manner associated with mitochondrial fusion. Front Immunol. 2026;17:1770063.
- ↑ Mouaimi M, Metaxas A, Kourti M. The Emerging Role of Dimethyl Fumarate in Alzheimer's Disease – A Systematic Review of Available Preclinical Studies. Int J Mol Sci. 2026;27(10):4227.
- ↑ García-Yagüe AJ et al. NRF2 at the crossroads of Parkinson's disease and aging. Free Radic Biol Med. 2026;246:760-779.
- ↑ Liang G et al. Safety of dimethyl fumarate for multiple sclerosis: A systematic review and meta-analysis. Mult Scler Relat Disord. 2020;46:102566.
- ↑ Wolf-Dieter Ludwig, Bernd Mühlbauer, Roland Seifert (2023): Arzneiverordnungs-Report 2022, Springer-Verlag GmbH, Berlin
- ↑ Pharmazeutische Zeitung. Steckbrief Dimethylfumarat. 2025.