Neuroendokrines Karzinom
Englisch: neuroendocrine carcinoma
Definition
Neuroendokrine Karzinome, kurz NEC, sind schlecht differenzierte, hochgradig maligne neuroendokrine Neoplasien gemäß der aktuellen WHO-Klassifikation (ICO-O). Sie zeichnen sich durch eine hohe Proliferationsaktivität, aggressive biologische Eigenschaften und eine insgesamt ungünstige Prognose aus.
Klassifikation
Neuroendokrine Karzinome werden nach WHO unabhängig vom Ki-67-Index als hochgradig maligne Tumoren klassifiziert. Histologisch werden zwei Hauptsubtypen unterschieden:
Beide Subtypen weisen ein vergleichbares aggressives klinisches Verhalten auf und unterscheiden sich primär in ihrer morphologischen Ausprägung.
Histopathologie
Histologisch zeigen neuroendokrine Karzinome eine ausgeprägte Zellatypie, hohe Mitoseraten und häufig ausgedehnte Nekrosen. Immunhistochemisch exprimieren sie neuroendokrine Marker wie Synaptophysin und Chromogranin A, wobei die Expression von Chromogranin A variabel sein kann. Der Ki-67-Index liegt typischerweise deutlich über 50 % und unterstützt die Abgrenzung zu gut differenzierten neuroendokrinen Tumoren.
Beispiele
- Kleinzelliges Lungenkarzinom (SCLC)
- Großzelliges neuroendokrines Lungenkarzinom (LCNEC)
- Neuroendokrines Pankreaskarzinom (pNEC)
- Neuroendokrines Magenkarzinom
- Neuroendokrines Colonkarzinom
- Neuroendokrines Ösophaguskarzinom
- Neuroendokrines Prostatakarzinom
- Neuroendokrines Harnblasenkarzinom
- Neuroendokrines Zervixkarzinom
Klinik
Neuroendokrine Karzinome manifestieren sich häufig mit unspezifischen Symptomen wie Gewichtsverlust, Leistungsminderung oder tumorbedingten Komplikationen. Im Vergleich zu gut differenzierten neuroendokrinen Tumoren sind hormonelle Funktionssyndrome selten. Aufgrund des aggressiven Wachstums werden NEC häufig erst in fortgeschrittenen Stadien diagnostiziert.
Diagnostik
Die Diagnostik neuroendokriner Karzinome umfasst eine histopathologische Sicherung sowie eine umfassende bildgebende Stadieneinteilung. Neben kontrastmittelgestützten CT- und MRT-Untersuchungen spielt die 18F-FDG-PET aufgrund der hohen metabolischen Aktivität der Tumoren eine zentrale Rolle. Somatostatinrezeptorbasierte Bildgebungsverfahren sind bei NEC von untergeordneter Bedeutung.
Therapie
Die Therapie neuroendokriner Karzinome erfolgt primär systemisch. Standard ist eine platinbasierte Chemotherapie, häufig in Kombination mit Etoposid und in Analogie zur Behandlung kleinzelliger Karzinome anderer Lokalisationen. Chirurgische Verfahren kommen nur in ausgewählten frühen Stadien oder im Rahmen multimodaler Therapiekonzepte zum Einsatz.
Prognose
Die Prognose neuroendokriner Karzinome ist ungünstig und deutlich schlechter als bei gut differenzierten neuroendokrinen Tumoren. Aufgrund der hohen Aggressivität und frühen Metastasierung ist die Überlebenszeit in der Regel deutlich verkürzt.
Abgrenzung
Neuroendokrine Karzinome sind strikt von gut differenzierten neuroendokrinen Tumoren, einschließlich NET G3, abzugrenzen. Trotz teilweise vergleichbarer Proliferationsraten unterscheiden sich diese Entitäten grundlegend in Biologie, Therapieansprechen und Prognose.
Literatur
- Rindi et al., Overview of the 2022 WHO Classification of Neuroendocrine Neoplasms, Endocr Pathol, 2022
- Pavel et al., Gastroenteropancreatic neuroendocrine neoplasms: ESMO Clinical Practice Guidelines for diagnosis, treatment and follow-up, Ann Oncol, 2020