Medizinischer Kannibalismus
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Synonyme: medizinische Anthropophagie, Leichenmedizin
Englisch: medicinal cannibalism, corpse medicine
Definition
Als medizinischer Kannibalismus bezeichnet man die historische therapeutische Verwendung menschlicher Körperbestandteile, insbesondere von Blut, Fleisch, Knochen, Fett und mumifiziertem Gewebe. Die entsprechenden Präparate wurden oral eingenommen oder äußerlich angewendet.
In Europa war die sogenannte Leichenmedizin vor allem in der Frühen Neuzeit verbreitet und erreichte im 16. und 17. Jahrhundert große Bedeutung. Sie war zeitweise Bestandteil der regulären zeitgenössischen Arzneimittellehre und wurde von Patienten ebenso wie von medizinischen Praktikern genutzt.
Abgrenzung
Der Begriff ist deskriptiv und medizinhistorisch zu verstehen. Nicht zum medizinischen Kannibalismus zählen moderne Verfahren wie Bluttransfusionen, Organ- und Gewebetransplantationen oder Zelltherapien. Diese beruhen auf wissenschaftlich etablierten therapeutischen Konzepten sowie standardisierten Spende-, Aufbereitungs- und Sicherheitsverfahren.
Der Begriff Leichenmedizin bezeichnet im engeren Sinne vor allem die medizinische Verwendung von Material Verstorbener. Die historische Verwendung anderer menschlicher Körperflüssigkeiten und Ausscheidungen wird teilweise im weiteren Kontext der damaligen Materia medica behandelt, ist jedoch nicht vollständig mit Leichenmedizin gleichzusetzen.
Geschichte
Antike
Vorläufer des medizinischen Kannibalismus sind bereits aus der Antike bekannt. Plinius der Ältere berichtet beispielsweise, dass Menschen mit Epilepsie das noch warme Blut verwundeter Gladiatoren tranken, da diesem eine heilende Wirkung zugeschrieben wurde.
Auch andere Arzneimittel aus menschlichem Gewebe wurden in der antiken Medizin diskutiert. Ihre Verwendung war jedoch bereits unter zeitgenössischen Ärzten umstritten. So setzte sich Galen kritisch mit entsprechenden Rezepturen auseinander, die unter anderem menschliches Blut, Fleisch und andere Körperbestandteile enthielten.
Mumia
Eines der bedeutendsten Präparate der späteren europäischen Leichenmedizin war die Mumia. Der Begriff bezeichnete ursprünglich natürliche bituminöse bzw. asphaltartige Substanzen, die als Arzneimittel verwendet wurden. Im Verlauf des Mittelalters kam es zu einer Bedeutungsverschiebung: Da bituminöse Materialien mit ägyptischen Mumien und deren Einbalsamierung in Verbindung gebracht wurden, wurde schließlich auch Material aus mumifizierten menschlichen Körpern als Mumia bezeichnet.
Spätestens im 16. Jahrhundert war pulverisiertes Mumienmaterial als Arzneimittel in Europa weit verbreitet. Es wurde unter anderem bei Blutungen, Verletzungen und verschiedenen inneren Erkrankungen eingesetzt und zeitweise als eine Art Universalheilmittel angesehen.
Der hohe Bedarf an Mumia führte zu einem umfangreichen Handel und begünstigte auch Fälschungen. Der französische Arzt Guy de la Fontaine berichtete nach einem Aufenthalt in Alexandria im Jahr 1564 von einem Händler, der angebliche Mumienpräparate aus den Körpern erst kürzlich Verstorbener hergestellt habe.
Frühe Neuzeit
Im 16. und 17. Jahrhundert entwickelte sich die Leichenmedizin zu einem verbreiteten Bestandteil der europäischen Arzneimittelkultur. Neben ägyptischen Mumien wurden auch Körperbestandteile kürzlich Verstorbener oder Hingerichteter verwendet. Menschenfleisch, Fett, Blut, Schädelknochen und sogenanntes Schädelmoos (Usnea) wurden insbesondere in Großbritannien, Frankreich, den deutschsprachigen Ländern und Skandinavien gehandelt und medizinisch eingesetzt.
Eine besondere Rolle spielten paracelsische Vorstellungen, nach denen im menschlichen Körper verbliebene Kräfte oder Wirkprinzipien therapeutisch nutzbar gemacht werden könnten. An der Beschaffung menschlichen Materials waren unter anderem Händler, Henker und teilweise auch Grabräuber beteiligt.
Goddard's Drops
Ein bekanntes Beispiel für Arzneimittel auf Basis menschlicher Knochen sind die im 17. Jahrhundert gebräuchlichen Goddard's Drops. Historische Rezepturen enthielten unter anderem destillierte menschliche Knochen bzw. Schädelmaterial und wurden beispielsweise gegen Apoplexie, Lähmungen, Schwindel oder Krampfanfälle eingesetzt.
Das Präparat wird mit dem englischen Arzt Jonathan Goddard und mit König Charles II. in Verbindung gebracht. Charles II. soll das Geheimnis der Rezeptur für eine beträchtliche Geldsumme erworben haben. Die historischen Quellen widersprechen sich jedoch sowohl hinsichtlich der genauen Zusammensetzung als auch hinsichtlich des gezahlten Betrags.
Niedergang
Mit dem Wandel medizinischer Vorstellungen und der zunehmenden naturwissenschaftlichen Ausrichtung der Medizin verlor die Leichenmedizin seit dem 18. Jahrhundert zunehmend an Bedeutung. Einzelne entsprechende Präparate hielten sich jedoch deutlich länger.
Insbesondere Mumia blieb teilweise noch im 19. Jahrhundert im Handel. Das pharmazeutische Unternehmen Merck führte „Mumia vera Aegyptica“ sogar noch im frühen 20. Jahrhundert in einem Warenkatalog, obwohl ihr therapeutischer Nutzen zu diesem Zeitpunkt längst in Zweifel gezogen wurde.
Verwendete Substanzen
Zu den historisch verwendeten menschlichen Materialien gehörten insbesondere:
- Mumia: Pulver oder andere Präparate aus mumifiziertem menschlichem Gewebe, unter anderem gegen Blutungen, Verletzungen und verschiedene innere Erkrankungen.
- Blut: Frisch oder verarbeitet, besonders bekannt als historisches Mittel gegen Epilepsie.
- Schädel und andere Knochen: Pulverisiert oder destilliert und unter anderem bei neurologischen Beschwerden eingesetzt.
- Menschenfett: Vor allem äußerlich bei Schmerzen und verschiedenen Beschwerden des Bewegungsapparats verwendet.
- Usnea: Auf menschlichen Schädeln wachsendes Moos bzw. Flechtenmaterial, dem ebenfalls therapeutische Wirkungen zugeschrieben wurden.
Für diese historischen Anwendungen besteht nach heutigen wissenschaftlichen Maßstäben kein belegter therapeutischer Nutzen.
Medizinische Risiken
Die Verwendung menschlicher Gewebe kann grundsätzlich mit der Übertragung von Krankheitserregern verbunden sein. Besonders eindrücklich ist dies bei Prionenerkrankungen dokumentiert.
Kuru
Kuru ist eine erworbene Prionenerkrankung, die bei den Fore im Hochland von Papua-Neuguinea epidemisch auftrat. Sie wurde durch rituellen Endokannibalismus im Rahmen von Bestattungspraktiken übertragen, insbesondere durch den Verzehr von prionenreichem Nervengewebe.
Kuru ist kein Beispiel für medizinischen Kannibalismus, verdeutlicht jedoch die Möglichkeit einer Übertragung von Prionen durch den Verzehr menschlichen Gewebes. Nach Beendigung der entsprechenden Bestattungspraktiken ging die Erkrankung weitgehend zurück. Aufgrund außergewöhnlich langer Inkubationszeiten wurden einzelne Fälle noch Jahrzehnte später beobachtet.
Verwandtes Phänomen: Plazentophagie
Ein verwandtes, aber vom historischen medizinischen Kannibalismus abzugrenzendes Phänomen ist die Plazentophagie, bei der die eigene Plazenta nach der Geburt roh, gegart, getrocknet oder in Form von Kapseln konsumiert wird.
Für die häufig beworbenen gesundheitlichen Vorteile besteht bislang kein hinreichender wissenschaftlicher Nachweis. Zudem kann die Aufbereitung infektiöse Erreger nicht zuverlässig eliminieren. Die US-amerikanischen Centers for Disease Control and Prevention (CDC) beschrieben 2017 einen Fall rezidivierender neonataler Gruppe-B-Streptokokken-Infektion im Zusammenhang mit dem mütterlichen Konsum kontaminierter Plazentakapseln und rieten von deren Einnahme ab.
Quellen
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