Lung Allocation Score
Definition
Der Lung Allocation Score, kurz LAS, ist ein numerisches Priorisierungssystem zur Zuteilung von Spenderlungen bei Patienten auf der Warteliste zur Lungentransplantation. Der Score integriert die geschätzte medizinische Dringlichkeit einer Transplantation mit dem erwarteten Überlebensvorteil durch den Eingriff und dient so einer prognoseorientierten Organallokation.
Hintergrund
Der LAS wurde eingeführt, um die zuvor überwiegend wartezeitbasierte Organvergabe abzulösen. Patienten mit hoher kurzfristiger Mortalität, insbesondere bei schnell progredienten Lungenerkrankungen, wurden durch das reine Wartelistenprinzip benachteiligt. Der LAS berücksichtigt daher sowohl Dringlichkeit als auch potenziellen Nutzen einer Transplantation.
In Europa wird der LAS im Rahmen der Organallokation durch Eurotransplant angewendet. In den USA war der LAS seit 2005 Bestandteil des nationalen Systems, wurde jedoch 2023 durch ein "Continuous Distribution System" mit "Composite Allocation Score" ersetzt, das zusätzliche Parameter und eine stärkere Individualisierung ermöglicht.
Berechnung
Der LAS basiert auf multivariaten Regressionsmodellen zur Schätzung von:
- erwartete 1-Jahres-Mortalität ohne Lungentransplantation
- erwartete 1-Jahres-Mortalität nach Lungentransplantation
Aus der Differenz dieser beiden Schätzungen wird der prognostizierte Überlebensvorteil berechnet, der gemeinsam mit der medizinischen Dringlichkeit in den Score einfließt. Der LAS wird auf eine Skala von 0 bis 100 normiert, wobei höhere Werte eine höhere Priorität bei der Organvergabe anzeigen.
Parameter
In die Berechnung fließen folgende Parameter ein:
- Grunderkrankung (z.B. COPD, idiopathische pulmonale Fibrose, pulmonale Hypertonie)
- Lungenfunktionsparameter (z.B. FVC, FEV₁)
- Sauerstoffbedarf in Ruhe
- Ergebnisse des 6-Minuten-Gehtests
- pulmonalarterieller Mitteldruck (mPAP)
- Herzindex
- Serumkreatinin
- Body-Mass-Index (BMI)
- Notwendigkeit einer invasiven oder nichtinvasiven Beatmung sowie extrakorporaler Unterstützung
Die Gewichtung der einzelnen Parameter erfolgt krankheitsübergreifend und wird regelmäßig anhand aktueller Registerdaten überprüft und angepasst. Für Kinder gelten eigene Kriterien oder Sonderregelungen.
Bedeutung
Die Einführung des LAS führte zu einer signifikanten Reduktion der Mortalität auf der Warteliste und zu einer transparenteren Organvergabe. Besonders Patienten mit schnell progredienten interstitiellen Lungenerkrankungen profitieren von der stärkeren Gewichtung der medizinischen Dringlichkeit. Gleichzeitig ermöglicht der LAS eine kritischere Bewertung von Transplantationen mit schlechter Kurzzeitprognose.
Limitationen
Der LAS bildet individuelle klinische Besonderheiten nur eingeschränkt ab. Er fokussiert auf das 1-Jahres-Überleben und bezieht Langzeitprognose, Lebensqualität und funktionelle Erholung nicht mit ein. Seltene Erkrankungen oder atypische Krankheitsverläufe können daher unterrepräsentiert sein. Deshalb bleibt eine individuelle ärztliche Einschätzung unerlässlich.
Aktuelle Entwicklungen
Der LAS unterliegt einer kontinuierlichen Weiterentwicklung. Aktuelle Anpassungen betreffen insbesondere intensivmedizinische Faktoren, neue Krankheitsentitäten sowie eine verbesserte Modellkalibrierung. Perspektivisch wird eine stärkere Individualisierung der Allokation unter Einbezug zusätzlicher Outcome-Parameter diskutiert.
Literatur
- Eurotransplant, LAS calculator — Lung Allocation Score (LAS), abgerufen am 05.01.2026
- Smits et al., Lung allocation score: the Eurotransplant model versus the revised US model - a cross-sectional study, Transpl Int, 2018