Kinderosteopathie
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Synonyme: Pädiatrische Osteopathie, Säuglingsosteopathie
Englisch: pediatric osteopathy, osteopathic manipulative treatment in children
Definition
Die Kinderosteopathie ist die Anwendung der Osteopathie bei Kindern, insbesondere bei Säuglingen und Frühgeborenen. Sie umfasst manuelle Techniken, die unter dem Oberbegriff osteopathische manipulative Behandlung (OMT) zusammengefasst werden. Untersucht wurde sie unter anderem bei Säuglingskoliken, Saugschwierigkeiten, Frühgeborenen auf der neonatologischen Intensivstation, Otitis media, Asthma, ADHS und Kopfschmerzen.[1]
Geschichte
Eine zentrale Figur der Kinderosteopathie ist die US-amerikanische Osteopathin Viola Frymann (gestorben 2016 im Alter von 94 Jahren). Sie lernte bei William Garner Sutherland, dem Begründer der Osteopathie im kranialen Bereich. 1982 gründete sie in San Diego das Osteopathic Center for Children, das sich auf die Behandlung von Kindern spezialisierte.[2]
Durchführung
In Studien mit Säuglingen kamen vor allem sanfte Verfahren zum Einsatz: kraniale, viszerale und parietale Techniken. Kraniale Techniken arbeiten mit sehr leichtem Druck auf den Schädel und die angrenzenden Weichteile.[3]
Eine einheitliche Dosierung gibt es nicht. In den beiden osteopathischen Kolik-Studien des Cochrane-Reviews fanden fünf wöchentliche Termine über vier Wochen statt.[3]
Der Berufsverband Osteopathy Australia rät bei Kindern unter 12 Jahren von Manipulationen der Wirbelsäule ab. Als Alternativen nennt er Weichteiltechniken, Lagerungs- und Haltungsberatung sowie Übungs- und Spielprogramme. Die eingesetzten Kräfte müssen dem wachsenden Körper angepasst sein. Behandler sollen die normale und auffällige Entwicklung des Kindes beurteilen können und bei Zweifeln überweisen.[4]
Wirkmechanismus
Ein Wirkmechanismus ist nicht belegt. Kraniale Techniken beruhen auf der Annahme, dass die Schädelknochen durch leichten Druck in ein physiologisches Gleichgewicht gebracht werden können.[3] Ein systematischer Review fand, dass die diagnostischen Verfahren der kranialen Osteopathie in vielen Punkten nicht reliabel sind. Belastbare Studien zur Diagnostik und Wirksamkeit gibt es kaum.[5]
Evidenz
Die Studienlage ist dünn, die Ergebnisse der Übersichtsarbeiten widersprechen sich teilweise.
Säuglingskoliken
Ein Cochrane-Review schloss sechs randomisierte Studien mit 325 Säuglingen ein. Davon untersuchten zwei osteopathische und vier chiropraktische Verfahren. Über alle Verfahren hinweg sank die tägliche Schreidauer um etwa 1,2 Stunden (95-%-KI −1,89 bis −0,51). In den Studien, in denen die Eltern nicht wussten, ob ihr Kind behandelt wurde, war der Effekt nicht mehr signifikant (−0,57 Stunden; 95-%-KI −2,24 bis 1,09). Die Qualität der Evidenz war niedrig. Die Daten zur Sicherheit reichten für Aussagen nicht aus.[3]
Eine Metaanalyse von 2022 zu Magen-Darm-Störungen bei Säuglingen fasste zwei Kolik-Studien mit 82 Säuglingen zusammen. Sie fand eine signifikante Abnahme der Schreidauer, bewertete die Evidenz aber ebenfalls als niedrig.[6]
Frühgeborene
Eine multizentrische randomisierte Studie mit 695 Frühgeborenen (29. bis 37. Schwangerschaftswoche) fand eine um 3,9 Tage kürzere Verweildauer in der Klinik (13,8 gegenüber 17,5 Tagen). Die Gewichtszunahme unterschied sich nicht. Komplikationen traten nicht auf.[7] Eine Metaanalyse von 2017 kam zu dem Ergebnis, dass OMT Verweildauer und Kosten bei Frühgeborenen senkt.[8] Eine andere Metaanalyse fand dagegen keinen oder nur einen sehr geringen Effekt auf die Verweildauer (SMD −0,03; 95-%-KI −0,44 bis 0,39; sehr niedrige Vertrauenswürdigkeit der Evidenz). Bei Frühgeborenen mit sehr niedrigem Geburtsgewicht verlängerte sich in einer Studie sogar die Zeit bis zum vollständigen enteralen Nahrungsaufbau.[1][6]
Kinder allgemein
Ein systematischer Review von 2022 schloss 13 randomisierte Studien ein, neun davon mit Säuglingen. Nur eine Studie hatte ein niedriges Verzerrungsrisiko. Sie fand keinen Effekt auf das ausschließliche Stillen nach einem Monat. Die methodische Qualität der Studien hat sich seit 2013 verbessert. Insgesamt ist die Evidenz aber niedrig bis sehr niedrig, die Wirksamkeit der OMT bei Kindern gilt als nicht belegt. Nebenwirkungen wurden schlecht dokumentiert.[1]
Sicherheit und Kontraindikationen
Ein Literaturreview zu manuellen Therapien bei Kindern beschreibt schwere Komplikationen als äußerst selten. Er fand 15 schwere Ereignisse in 12 Publikationen, darunter eine schwere Verletzung nach osteopathischer Behandlung. Bei osteopathisch behandelten Kindern wurden 35 leichte bis mittelschwere Ereignisse wie lokale Schmerzen oder vorübergehende Kopfschmerzen berichtet. Bei den meisten schweren Fällen bestand eine Vorerkrankung. Die Autoren empfehlen deshalb vor jeder Behandlung eine gründliche Anamnese und Untersuchung.[9] Weil Nerven-, Gefäß- und Gelenksystem bei Säuglingen noch unreif sind, gilt besondere Vorsicht. Behandler sollen Warnzeichen (Red Flags) und die Kontraindikationen manueller Therapie kennen, diese den Eltern erklären und die Überweisungswege kennen.[4]
Quellen
- ↑ 1,0 1,1 1,2 Posadzki P, Kyaw BM, Dziedzic A, Ernst E. Osteopathic Manipulative Treatment for Pediatric Conditions: An Update of Systematic Review and Meta-Analysis. J Clin Med. 2022;11(15):4455. doi:10.3390/jcm11154455
- ↑ Osteopathic Center for Children / Osteopathy's Promise to Children. Viola M. Frymann, D.O., F.A.A.O., F.C.A., Internationally Recognized And Pioneering Osteopathic Physician, Dies At 94. Pressemitteilung, San Diego, 26.01.2016.
- ↑ 3,0 3,1 3,2 3,3 Dobson D, Lucassen PLBJ, Miller JJ, Vlieger AM, Prescott P, Lewith G. Manipulative therapies for infantile colic. Cochrane Database Syst Rev. 2012;(12):CD004796. doi:10.1002/14651858.CD004796.pub2
- ↑ 4,0 4,1 Osteopathy Australia. Osteopathic Clinical Management for Babies, Infants and Children. Positionspapier, 2016, aktualisiert 2021 und 2025. osteopathy.org.au (abgerufen 25.10.2026)
- ↑ Guillaud A, Darbois N, Monvoisin R, Pinsault N. Reliability of Diagnosis and Clinical Efficacy of Cranial Osteopathy: A Systematic Review. PLoS One. 2016;11(12):e0167823. doi:10.1371/journal.pone.0167823
- ↑ 6,0 6,1 Buffone F, et al. Osteopathic Treatment for Gastrointestinal Disorders in Term and Preterm Infants: A Systematic Review and Meta-Analysis. Healthcare (Basel). 2022;10(8):1525. doi:10.3390/healthcare10081525
- ↑ Cerritelli F, Pizzolorusso G, Renzetti C, et al. A multicenter, randomized, controlled trial of osteopathic manipulative treatment on preterms. PLoS One. 2015;10(5):e0127370. PMID 25974071
- ↑ Lanaro D, Ruffini N, Manzotti A, Lista G. Osteopathic manipulative treatment showed reduction of length of stay and costs in preterm infants: A systematic review and meta-analysis. Medicine (Baltimore). 2017;96(12):e6408. doi:10.1097/MD.0000000000006408
- ↑ Todd AJ, Carroll MT, Robinson A, Mitchell EKL. Adverse Events Due to Chiropractic and Other Manual Therapies for Infants and Children: A Review of the Literature. J Manipulative Physiol Ther. 2015;38(9):699–712. PMID 25439034