Global Assessment of Functioning
Definition
Das Global Assessment of Functioning, kurz GAF, ist eine eindimensionale 0–100-Skala zur Einschätzung des allgemeinen psychischen, sozialen und beruflichen Funktionsniveaus einer Person. Sie wurde im DSM-IV auf Achse V der multiaxialen Diagnostik eingesetzt.
Hintergrund
Das GAF basiert auf der Global Assessment Scale (GAS) und wurde im DSM-IV als Standardinstrument zur globalen Funktionsbeurteilung etabliert. Mit Einführung des DSM-5 entfiel die Skala zugunsten differenzierterer Funktionsmaße wie dem WHODAS 2.0. In der klinischen Praxis, insbesondere in Psychiatrie, Psychosomatik, Rehabilitation und im gutachterlichen Kontext, wird sie jedoch weiterhin routinemäßig genutzt.
Struktur und Bewertung
Die Skala ist in Zehnerschritte gegliedert. Höhere Werte stehen für ein hohes Funktionsniveau und geringe Symptomatik, niedrigere Werte für deutliche funktionelle Einschränkungen oder Gefährdung. Bewertet wird in der Regel das aktuelle Funktionsniveau der letzten Tage. Bei unterschiedlichen Befunden ist der niedrigste angemessene Wert maßgeblich.
| GAF-Bereich | Beschreibung |
|---|---|
| 91–100 | Hervorragende Leistungsfähigkeit in allen Bereichen; keine Symptome; hohe Belastbarkeit; positives soziales und berufliches Funktionieren. |
| 81–90 | Keine oder minimale Symptome (z. B. leichte Prüfungsangst); gute Funktionsfähigkeit in allen Lebensbereichen. |
| 71–80 | Vorübergehende, situationsabhängige Symptome (z. B. nach Belastungen); höchstens geringfügige Beeinträchtigungen im sozialen oder beruflichen Bereich. |
| 61–70 | Leichte Symptome (z. B. depressive Verstimmung, milde Angst) oder leichte Beeinträchtigungen im sozialen, beruflichen oder schulischen Funktionsniveau; insgesamt gute Funktionsfähigkeit. |
| 51–60 | Moderate Symptome (z. B. Affektverflachung, Panikattacken) oder mäßige Schwierigkeiten im sozialen oder beruflichen Bereich. |
| 41–50 | Schwere Symptome (z. B. Suizidgedanken, schwere Zwangssymptome) oder erhebliche Beeinträchtigungen in Arbeit, Schule oder sozialen Beziehungen. |
| 31–40 | Beeinträchtigung der Realitätsprüfung oder Kommunikation (z. B. inkohärente Sprache) oder schwerwiegende Einschränkungen in mehreren Lebensbereichen. |
| 21–30 | Verhalten stark durch Wahn, Halluzinationen oder schwere Denkstörungen bestimmt oder Unfähigkeit, in fast allen Bereichen zu funktionieren. |
| 11–20 | Deutliche Selbst- oder Fremdgefährdung oder grobe Beeinträchtigung der Kommunikation oder nahezu vollständige soziale Funktionsunfähigkeit. |
| 1–10 | Anhaltende schwere Selbst- oder Fremdgefährdung oder völlige Unfähigkeit, minimale persönliche Bedürfnisse zu erfüllen. |
| 0 | Unzureichende Information zur Einschätzung. |
Die Bewertung integriert drei Funktionsbereiche:
Psychische Symptomatik
Erfasst wird der Schweregrad klinischer Symptome wie depressiver, ängstlicher, manischer oder psychotischer Merkmale und deren Einfluss auf Erleben und Alltagsbewältigung.
Soziale Kompetenz und Beziehungsgestaltung
Bewertet werden soziale Interaktionen, Beziehungsgestaltung und Konfliktregulation. Beeinträchtigungen zeigen sich z. B. in Rückzug, Kommunikationsstörungen oder instabilen Beziehungen.
Berufliche bzw. leistungsbezogene Funktionsfähigkeit
Umfasst die Fähigkeit, berufliche, schulische oder häusliche Aufgaben zuverlässig und den Anforderungen angemessen zu erfüllen. Auch Motivation, Ausdauer und Belastbarkeit gehen in die Einschätzung ein.
Durchführung
Die Einschätzung erfolgt klinisch anhand von Anamnese, psychischem Befund, Verhaltensbeobachtung und ggf. Fremdberichten. Das GAF eignet sich für Einmalbewertungen und Verlaufsbeurteilungen in ambulanten und stationären Settings.
Klinische Bedeutung
Das GAF dient als globales Maß zur Einschätzung des Schweregrads psychischer Störungen und ihrer funktionellen Auswirkungen. Es wird zur Behandlungsplanung, zur Dokumentation des Therapieverlaufs sowie in Rehabilitations- und Rentenverfahren verwendet. In Forschungsstudien fungiert es häufig als unspezifisches Outcome-Kriterium.
Kritik
Begrenzte Interrater-Reliabilität, die Vermischung von Symptomschwere und Funktionsniveau sowie die eindimensionale Struktur zählen zu den wesentlichen Kritikpunkten. Aufgrund dieser Einschränkungen empfehlen neuere Leitlinien stärker operationalisierte Funktionsinstrumente.
Literatur
- American Psychiatric Association. (1994). Diagnostic and statistical manual of mental disorders (4th ed.). American Psychiatric Publishing, Inc.. https://psycnet.apa.org/record/1994-97698-000
- Jones, S. H., Thornicroft, G., Coffey, M., & Dunn, G. (1995). A brief mental health outcome scale-reliability and validity of the Global Assessment of Functioning (GAF). The British journal of psychiatry : the journal of mental science, 166(5), 654–659. https://doi.org/10.1192/bjp.166.5.654
- American Psychiatric Association, DSM-5 Task Force. (2013). Diagnostic and statistical manual of mental disorders: DSM-5™ (5th ed.). American Psychiatric Publishing, Inc.. https://doi.org/10.1176/appi.books.9780890425596