Delphi-Methode
Definition
Die Delphi-Methode ist ein strukturiertes, mehrstufiges Konsensverfahren zur systematischen Einholung und Verdichtung von Expertenmeinungen. Sie wird insbesondere in Bereichen eingesetzt, in denen wissenschaftliche Evidenz begrenzt, widersprüchlich oder nicht vorhanden ist. Ziel ist es, konsensbasierte Aussagen, Handlungsempfehlungen oder Entscheidungsgrundlagen zu formulieren.
Hintergrund
In der Medizin besteht häufig die Notwendigkeit, Entscheidungen zu treffen, obwohl keine robuste Evidenz aus randomisierten kontrollierten Studien oder Metaanalysen vorliegt. Dies betrifft insbesondere die Notfall- und Intensivmedizin, seltene Erkrankungen, neue Therapieverfahren oder organisatorische Fragen.
Leitlinienentwickler und Expertengremien greifen daher auf formalisierte Verfahren der Konsensfindung zurück. Ursprünglich in der militärischen Zukunftsforschung entwickelt, hat sich die Delphi-Methode heute als etabliertes Verfahren in zahlreichen wissenschaftlichen und klinischen Kontexten durchgesetzt.
Gemäß dem Regelwerk der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) spielt die Delphi-Methode hauptsächlich in der Entwicklung von S2k- und S3-Leitlinien eine zentrale Rolle. Während S1-Leitlinien ausschließlich auf informellem Expertenkonsens beruhen, verlangen S2k-Leitlinien eine strukturierte Konsensfindung. S3-Leitlinien integrieren zusätzlich eine systematische Evidenzrecherche.
Ein formaler Konsens wird in vielen Delphi-Prozessen ab einer Zustimmung von ≥ 75 % der Teilnehmenden angenommen, wobei die exakte Schwelle studienabhängig ist und im Vorfeld definiert werden sollte.
Methodik
Die Delphi-Methode folgt einem klar definierten Ablauf.
Panelbildung
Auswahl eines interdisziplinären, repräsentativen und fachlich qualifizierten Expertengremiums. Die Zusammensetzung sollte interdisziplinär und unabhängig erfolgen, um Verzerrungen zu minimieren.
Fragendefinition
Präzise Formulierung der Fragestellung in Form konkreter Thesen, Empfehlungen oder Szenarien.
Erste Bewertungsrunde
Anonyme Bewertung der Aussagen, meist mittels Likert-Skalen oder Prozentangaben. Zusätzlich können Freitextkommentare abgegeben werden.
Feedback und Auswertung
Zusammenfassung der Ergebnisse der vorherigen Runde mit statistischer Aufbereitung und anonymer Rückmeldung an die Teilnehmer.
Weitere Runden
Wiederholte Bewertung der Aussagen unter Berücksichtigung des Gruppenfeedbacks. Ziel ist eine Annäherung der Meinungen.
Konsensdefinition
Festlegung der Kriterien für starken Konsens (z. B. ≥ 95 %) und Konsens (≥ 75 %), wobei keine einheitlichen Standards bestehen.
Dokumentation
Vollständige, transparente Darstellung der Methodik, Panelzusammensetzung, Bewertungen und verbleibenden Dissense.
Einsatzgebiete
Die Delphi-Methode wird in der Medizin unter anderem eingesetzt für:
- Entwicklung konsensbasierter Leitlinienempfehlungen
- Festlegung diagnostischer Kriterien bei seltenen oder neuen Krankheitsbildern
- Definition von Qualitätsindikatoren und Strukturvorgaben
- Priorisierung von Forschungsfragen und klinischen Endpunkten
- Standardisierung organisatorischer Abläufe (z. B. Schockraumstrukturen)
Vorteile
- Anonymität reduziert dominierende Einzelmeinungen und gruppendynamische Effekte
- Mehrstufiges Verfahren erlaubt systematische Reflexion und Abwägung
- Praktikabel auch für geografisch verteilte Expertengruppen
- Hohe Transparenz und Reproduzierbarkeit bei standardisierter Durchführung
Limitationen
- Keine einheitliche Definition von "Experten"; Panelzusammensetzung beeinflusst Ergebnis
- Konsensdefinitionen variieren stark und müssen vorab festgelegt werden
- Gefahr methodischer Intransparenz ohne klare Berichtsstandards
- Ergebnisse sind konsensbasiert, nicht evidenzbasiert, und dürfen nicht gleichgesetzt werden
- Potenzielle Verzerrungen durch Rückmeldemechanismen und Feedbackdarstellung