S1-Leitlinie
Definition
Eine S1-Leitlinie ist eine von medizinischen Fachgesellschaften erarbeitete Handlungsempfehlung, die auf einem informellen Konsens ausgewiesener Experten basiert. S1-Leitlinien sind die methodisch niedrigste Stufe innerhalb der Leitlinienklassifikation der AWMF.
Hintergrund
Die Entwicklung medizinischer Leitlinien wird in Deutschland durch die Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) koordiniert. Zur Einordnung der methodischen Qualität unterscheidet sie vier Entwicklungsstufen:
- S1-Leitlinien (informeller Expertenkonsens)
- S2k-Leitlinien (strukturierter Konsens)
- S2e-Leitlinien (systematische Evidenzrecherche)
- S3-Leitlinien (beide Ansätze kombiniert)
Diese Klassifikation spiegelt die methodische Strenge und Belastbarkeit der jeweiligen Empfehlungen.
Entwicklungsprozess
Die Erstellung einer S1-Leitlinie erfolgt in der Regel durch eine Arbeitsgruppe innerhalb einer Fachgesellschaft. Grundlage ist der fachliche Austausch erfahrener Expertinnen und Experten. Es findet keine systematische Literaturrecherche und keine formale Evidenzbewertung statt. Auch eine strukturierte Konsensmethodik, etwa in Form von Delphi-Verfahren, ist nicht vorgesehen.
Nach Abschluss wird die Leitlinie durch den Vorstand der verantwortlichen Fachgesellschaft verabschiedet und im Leitlinienregister der AWMF veröffentlicht. Wie alle AWMF-Leitlinien besitzen auch S1-Leitlinien eine definierte Gültigkeitsdauer, die im Leitlinienregister ausgewiesen ist. Eine regelmäßige Aktualisierung wird empfohlen, ist jedoch methodisch weniger strikt geregelt als bei S2- oder S3-Leitlinien.
Anwendungsbereiche
S1-Leitlinien werden vor allem dort eingesetzt, wo eine belastbare Evidenzbasis fehlt und eine rasche Orientierung erforderlich ist. Typische Beispiele sind seltene Erkrankungen oder andere medizinische Themenfelder mit begrenzter Studienlage. In Therapiegebieten, die sich dynamisch verändern, dienen S1-Leitlinien häufig als Übergangslösung und Ausgangspunkt für eine spätere Weiterentwicklung zu methodisch höherwertigen Leitlinien.
Vorteile und Limitationen
Zu den Vorteilen von S1-Leitlinien zählen ihre vergleichsweise schnelle Erstellung, hohe Flexibilität sowie die Möglichkeit, auch bei begrenzter Datenlage Orientierung zu bieten. Demgegenüber stehen Einschränkungen wie ein potenzieller Bias der Empfehlungen und eine fehlende Übertragbarkeit.
Der Stellenwert von S1-Leitlinien in der klinischen Praxis wird kontrovers diskutiert. Einerseits erfüllen sie in evidenzarmen Bereichen eine wichtige Orientierungsfunktion, andererseits besteht die Gefahr einer Überbewertung subjektiver Empfehlungen.
Literatur
- AWMF: Das AWMF-Regelwerk Leitlinien - Version 2.2 Stand 2025, abgerufen am 20.01.2026
- AWMF: AWMF-Leitlinienregister, abgerufen am 20.01.2026