Musculus puboanalis
von lateinisch: pubis – Schambein; analis – zum After gehörig
Synonym: Pars analis musculus pubococcygeus
Englisch: puboanalis muscle
Definition
Der Musculus puboanalis ist ein Faseranteil des Musculus pubococcygeus und damit Teil des Musculus levator ani. Er ist kein eigenständiger, standardisierter Muskel, sondern ein funktioneller oder beschreibender Begriff.
Geschichte
Die grobe Beschreibung der zum Analkanal ziehenden Fasern des Musculus levator ani findet sich bereits in klassischen anatomischen Werken des 19. Jahrhunderts, ohne dass diesen Fasern ein eigenständiger Name zugewiesen wurde. Eine systematische Unterteilung des Musculus pubococcygeus in benannte Unteranteile – darunter der Musculus puboanalis – wurde maßgeblich durch die funktionell-morphologischen Arbeiten von John O. L. DeLancey und Kollegen (University of Michigan) in den 1990er und 2000er Jahren vorangetrieben. Der Begriff Musculus puboanalis ist nicht in der Terminologia Anatomica verankert.
Anatomie
Ursprung
Der Musculus puboanalis entspringt an der Innenfläche des Corpus ossis pubis (Schambeinkörper). Sein Ursprung liegt unmittelbar lateral der Symphysis pubica und umfasst zudem angrenzende Anteile der Fascia obturatoria. Die Fasern verlaufen bogenförmig nach kaudodorsal.
Ansatz
Der Muskel setzt an der lateralen Wand des Analkanals an. Seine Fasern verflechten sich mit der Längsmuskulatur des Analkanals, dem Musculus longitudinalis ani, und erreichen teilweise das Corpus perineale.
Innervation
Die Innervation erfolgt über Rami musculares des Plexus sacralis, überwiegend aus den Segmenten S3 bis S4. Zusätzlich wird der Muskel durch Äste des Nervus pudendus versorgt.
Funktion
Der Musculus puboanalis hebt den Analkanal in Richtung des Os pubis und verkürzt ihn dabei geringfügig. Diese Zugrichtung wirkt der durch intraabdominellen Druck bedingten kaudalen Deszensus des Analkanals entgegen. In Kooperation mit dem Musculus sphincter ani externus und dem Musculus puborectalis trägt er zur Aufrechterhaltung der analen Kontinenz bei. Bei der Defäkation kommt es – analog zur Relaxation des Musculus puborectalis – zu einer koordinierten Tonusminderung, welche die Passage durch den Analkanal erleichtert.
Klinik
Eine Schädigung des Musculus puboanalis, etwa im Rahmen eines geburtstraumatischen Levatorabrisses (Levator-Avulsion), geht mit einer Schwächung der Analkanalelevation einher und kann zur Stuhlinkontinenz sowie zur Descensus-Symptomatik beitragen. Sonographisch und im MRT ist er als eigenständige Struktur abgrenzbar. Seine isolierte Darstellung gelingt zuverlässig mittels hochauflösender perinealer oder endoanaler Sonographie sowie der 3D-Beckenbodens-MRT. Im Rahmen der Levatortrauma-Diagnostik nach vaginaler Geburt wird er zunehmend als eigenständige Risikostruktur erfasst.
Quellen
- Kearney et al., Levator ani muscle anatomy evaluated by origin-insertion pairs, 2004
- Lawson et al., Pelvic floor muscles, 1974
- Stoker, Anorectal and pelvic floor anatomy, 2009
- Fritsch H et al., Taschenatlas Anatomie, Band 2: Innere Organe, 2013
- Terminologia Anatomica, abgerufen am 28.4.2026