Orthosomnie
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LoslegenEnglisch: orthosomnia
Definition
Orthosomnie bezeichnet ein Verhaltensmuster, bei dem Personen eine übersteigerte gedankliche Beschäftigung mit dem eigenen Schlaf entwickeln. Das Phänomen tritt im Zusammenhang mit der Nutzung kommerzieller Wearables zur Schlafüberwachung auf. Im Zentrum steht das Streben nach einem als ''perfekt" empfundenen Schlaf anhand der von den Geräten gelieferten Kennzahlen – unabhängig davon, ob objektiv eine Schlafstörung vorliegt.[1]
Hintergrund
Der Begriff ist in Analogie zur Orthorexie gebildet und bislang (2026) kein offiziell anerkanntes Krankheitsbild nach ICD oder DSM. Es handelt sich um ein von der Schlafmedizin geprägtes, deskriptives Konzept.[2]
Mit der zunehmenden Verbreitung von Aktigraphie-basierten Armbändern, Ringen und Smartphone-Apps zur Erfassung von Schlafdauer, Schlafphasen und Herzfrequenzvariabilität hat sich die Selbstvermessung des Schlafs im Alltag etabliert.[3] Diese Geräte erreichen jedoch nicht die Genauigkeit der Polysomnographie und liefern insbesondere bei der Klassifikation von Schlafphasen teils erhebliche Abweichungen.[4]
Ein relevanter Anteil der Nutzer interpretiert die angezeigten Werte trotz fehlender klinischer Validierung als verlässliches Abbild der eigenen Schlafqualität. Befragungen unter Schlafmedizinern zeigen, dass diese die Verbreitung kommerzieller Schlaftechnologien regelmäßig mit einer Zunahme orthosomnischer Beschwerden in Verbindung bringen.[5] Eine aktuelle bevölkerungsbasierte Erhebung aus Norwegen bestätigt die breite Nutzung entsprechender Anwendungen: 46,0 % der Befragten gaben eine aktuelle oder frühere Nutzung von Schlaf-Apps an, wobei insbesondere Personen mit vorbestehender Insomnie vermehrt negative Effekte der Rückmeldungen berichteten.[6]
Epidemiologie
Eine bevölkerungsbasierte Querschnittsstudie mit 523 Teilnehmern schätzte die Prävalenz der Orthosomnie anhand eines Vier-Kriterien-Algorithmus:
- Nutzung eines Wearables
- Athens Insomnia Scale ≥ 6
- Generalized Anxiety Disorder Scale ≤ 14
- sowie ein Cutoff-abhängiger Wert der Anxiety and Preoccupation about Sleep Questionnaire (APSQ)
Je nach Cutoff lag dabei eine Prävalenz von 3,0 %, 8,6 % beziehungsweise 14,0 % vor.[7] Alter und Geschlecht standen in dieser Untersuchung in keinem relevanten Zusammenhang mit dem Vorliegen einer Orthosomnie. Betroffene zeigten jedoch über alle APSQ-Cutoffs hinweg konsistent ausgeprägtere insomnische Symptome. Eine US-amerikanische Erhebung unter Nutzern kommerzieller Schlaftechnologien fand mit 12,3 % einen ähnlichen Anteil an selbstberichteter schlafbezogener Sorge im Sinne einer Orthosomnie.[8]
Besonders häufig beschrieben wird die Orthosomnie bei Sportlern, die Schlaftracker gezielt zur Optimierung von Regeneration und Leistung einsetzen.[9]
Begünstigende Faktoren
Als begünstigende Persönlichkeitsmerkmale gelten Perfektionismus, Kontrollbedürfnis und eine Tendenz zu ''health-anxiety-artigen'' Denkmustern. Eine Skalierungsstudie zur Entwicklung der Bergen Orthosomnia Scale (BOS) identifizierte zwei Faktoren:
- eine ''Interferenz"-Komponente (Beeinträchtigung durch die Sorge um den Schlaf)
- und eine ''Rigiditäts"-Komponente (starres Festhalten an schlafbezogenen Routinen).
Beide Faktoren korrelierten positiv mit Schlafanstrengung, dysfunktionalen Überzeugungen zum Schlaf sowie Merkmalen von Zwangsstörungen und Krankheitsangst. Die Interferenz-Komponente zeigte zusätzlich Zusammenhänge mit Neurotizismus.[10]
Mögliche Mechanismen
Als zugrunde liegender Mechanismus wird ein Rückkopplungsprozess angenommen: Auffällige oder als unzureichend empfundene Trackingdaten lösen Besorgnis über die eigene Schlafqualität aus, die wiederum die subjektive Schlafwahrnehmung und die tatsächliche Einschlaffähigkeit verschlechtert, ein Muster, das strukturell dem der Insomnie ähnelt, jedoch primär durch Gerätedaten statt durch tagsüber empfundene Erschöpfung getriggert wird.
Die Evidenz für diesen Mechanismus ist nicht einheitlich. Eine kontrollierte Untersuchung bei Insomnie-Patienten fand keinen signifikanten Unterschied in schlafbezogener Sorge zwischen Wearable-Nutzern und einer Kontrollgruppe ohne Gerätenutzung, sodass eine Verstärkung der Schlafsorge durch Tracking nicht bei allen Betroffenen zwangsläufig eintritt.[11]
Klinik
Im Vordergrund stehen:
- übersteigerte gedankliche Beschäftigung mit Schlafdauer, Schlafphasenanteilen und ''Schlafscores" der Trackingsoftware
- Diskrepanz zwischen subjektivem Wohlbefinden und den angezeigten Gerätewerten
- zunehmende Tagesmüdigkeit und Anspannung infolge des ständigen Kontrollierens der Daten
- kompensatorische Verhaltensweisen wie exzessiv verlängerte Bettzeiten oder starre Schlafrituale, um bessere Trackingwerte zu erzielen
- sekundäre insomnische Beschwerden durch die schlafbezogene Anspannung selbst
Die Beschwerden können eine eigenständige Insomnie vortäuschen oder eine bestehende Insomnie unterhalten, obwohl die zugrunde liegenden Gerätedaten keine valide diagnostische Grundlage darstellen.
Diagnostik
Es existiert keine etablierte klinische Diagnosekategorie. Die Einordnung erfolgt anamnestisch anhand der Nutzung von Schlaftrackern in Kombination mit ausgeprägter schlafbezogener Besorgnis.
Zur Erfassung eignen sich standardisierte Fragebögen:
| Instrument | Erfasste Dimension | Bemerkung |
|---|---|---|
| Anxiety and Preoccupation about Sleep Questionnaire (APSQ) | schlafbezogene Angst und Sorge | in mehreren Sprachversionen validiert, hohe interne Konsistenz[12] |
| Bergen Orthosomnia Scale (BOS) | Interferenz- und Rigiditätsfaktor der Orthosomnie | spezifisch für Orthosomnie entwickelt, zwei Faktoren mit je sechs Items |
| Athens Insomnia Scale (AIS) | insomnische Symptomatik | dient zur Abgrenzung/Ko-Erfassung einer begleitenden Insomnie |
Ergänzend sollte eruiert werden, welches Gerät verwendet wird und wie die betroffene Person die gelieferten Daten interpretiert, da die Fehleinschätzung der Gerätegenauigkeit ein zentrales Element des beschriebenen Verhaltensmusters darstellt.
Therapie
Eine spezifische, evidenzbasierte Therapie der Orthosomnie ist nicht etabliert. In der klinischen Praxis wird empfohlen, die Prinzipien der kognitiven Verhaltenstherapie für Insomnie (KVT-I) anzuwenden, die auch nach aktueller Leitlinie Mittel der ersten Wahl bei Insomnie ist,[13] und dabei gezielt:
- die Grenzen der Messgenauigkeit von Wearables zu vermitteln
- die Nutzung des Trackers zeitweise auszusetzen oder auf eine reine Diary-Funktion zu reduzieren
- dysfunktionale Überzeugungen über ''perfekten" Schlaf zu bearbeiten
- schlafbezogene Kontroll- und Vermeidungsverhalten abzubauen
Erste Falldarstellungen berichten von einer Besserung der Beschwerden nach Integration dieser Elemente in eine KVT-I, wiesen jedoch auf die Herausforderung hin, Betroffene für einen Verzicht auf ihre gewohnten Gerätedaten zu motivieren.[1]
Prognose
Zur Prognose liegen bislang nur begrenzte Daten aus Querschnittsuntersuchungen und Fallbeschreibungen vor. Die verfügbare Evidenz spricht dafür, dass die Beschwerden bei fortgesetzter unkritischer Gerätenutzung anhalten oder sich verstärken können, während eine Reduktion der Trackingfixierung im Rahmen einer KVT-I mit einer Besserung einhergehen kann.
Quellen
- ↑ 1,0 1,1 Baron et al., Orthosomnia: Are Some Patients Taking the Quantified Self Too Far?, J Clin Sleep Med, 2017
- ↑ Jahrami et al., The Tale of Orthosomnia: I Am so Good at Sleeping that I Can Do It with My Eyes Closed and My Fitness Tracker on Me, Nat Sci Sleep, 2023
- ↑ Driller et al., Pyjamas, Polysomnography and Professional Athletes: The Role of Sleep Tracking Technology in Sport, Sports (Basel), 2023
- ↑ Topalidis et al., From Pulses to Sleep Stages: Towards Optimized Sleep Classification Using Heart-Rate Variability, Sensors (Basel), 2023
- ↑ Addison et al., Sleep medicine provider perceptions and attitudes regarding consumer sleep technology, J Clin Sleep Med, 2023
- ↑ Lundekvam Berge et al., Sleep in the age of technology: the use of sleep apps and perceived impact on sleep and sleep habits, Front Psychol, 2026
- ↑ Jahrami et al., Prevalence of Orthosomnia in a General Population Sample: A Cross-Sectional Study, Brain Sci, 2024
- ↑ Kress et al., Perspectives regarding consumer sleep technology and barriers to its use or adoption among adults in the United States, Sleep Med, 2025
- ↑ Trabelsi et al., The good, the bad, and the ugly of consumer sleep technologies use among athletes: A call for action, J Sport Health Sci, 2023
- ↑ Guldbrandsen et al., Development of a scale for measuring orthosomnia: the Bergen Orthosomnia Scale (BOS), Front Sleep, 2025
- ↑ Ojalvo et al., A useful tool or a new challenge? Hand-wrist-worn sleep trackers in patients with insomnia, J Sleep Res, 2023
- ↑ Jahrami et al., Screening for orthosomnia: a reliability generalization meta-analysis of the Anxiety and Preoccupation about Sleep Questionnaire (APSQ), Sleep Biol Rhythms, 2024
- ↑ S3-Leitlinie Insomnie bei Erwachsenen, abgerufen am 09.07.2026