Oligodendrozyten-Vorläuferzelle
Trainier deine Lernmuskeln!
Mit Flash Cards, Quiz und mehr
LoslegenSynonyme: NG2-Glia, Oligodendrozyten-Progenitorzelle
Englisch: oligodendrocyte precursor cell, OPC
Definition
Die Oligodendrozyten-Vorläuferzelle, kurz OPC, ist eine Gliazelle des Zentralnervensystems (ZNS), aus der die myelinbildenden Oligodendrozyten hervorgehen. Sie machen etwa 5 % aller Zellen des ZNS aus, zählen zu den teilungsaktivsten Zellen des Nervensystems und bleiben bis ins Erwachsenenalter in grauer und weißer Substanz erhalten.[1]
Histologie
OPC besitzen einen kleinen Zellkörper mit zahlreichen, fein verzweigten Fortsätzen. Zur Identifikation dienen vor allem zwei Marker, die von Neuronen und anderen Gliazellen nicht exprimiert werden:
- das Chondroitinsulfat-Proteoglykan NG2 (CSPG4)
- der Rezeptor PDGFRα (Platelet-derived-growth-factor-Rezeptor α)
Über die gesamte oligodendrogliale Zellreihe werden zusätzlich die Transkriptionsfaktoren OLIG2 und SOX10 exprimiert.
Früher wurden NG2-positive Gliazellen gelegentlich auch als Synantozyten bezeichnet.
Entwicklung
OPC entstehen während der Embryonalentwicklung aus dem Neuroepithel des Neuralrohrs und wandern in das gesamte ZNS ein. Aus ihnen geht über mehrere Reifungsstufen der myelinbildende Oligodendrozyt hervor:
OPC → Präoligodendrozyt → unreifer Oligodendrozyt → reifer, myelinbildender Oligodendrozyt.
Der überwiegende Teil der Oligodendrozyten wird in den ersten Lebenswochen gebildet. Die Neubildung aus OPC setzt sich jedoch – in mit dem Alter abnehmendem Maße – lebenslang fort und bildet die Grundlage der Remyelinisierung nach Myelinschäden. In einzelnen Regionen können OPC möglicherweise auch Astrozyten hervorbringen.
Aufgrund ihrer lebenslangen Proliferations- und Differenzierungsfähigkeit werden sie auch als gewebespezifische unipotente Stammzellen des ZNS eingeordnet.
Funktionen
Oligodendrogenese
Die Hauptaufgabe der OPC ist die Bereitstellung neuer Oligodendrozyten und damit die Bildung und Erneuerung von Myelin im ZNS.
Neuron-OPC-Synapsen
Eine Besonderheit der OPC besteht darin, dass sie als einzige Gliazellen funktionelle Synapsen mit Neuronen ausbilden und sowohl glutamaterge als auch GABAerge Eingänge empfangen. Über diese Synapsen registrieren OPC die neuronale Aktivität, die wiederum ihre Teilung, Differenzierung und die Myelinbildung steuert (aktivitätsabhängige Myelinisierung).[1]
Weitere Funktionen
Über die Oligodendrogenese hinaus werden OPC weitere Aufgaben zugeschrieben, unter anderem eine Beteiligung an der Integrität der Blut-Hirn-Schranke sowie an neuroinflammatorischen Prozessen.
Klinische Relevanz
Bei der Multiplen Sklerose können OPC Axone nach einer Demyelinisierung prinzipiell remyelinisieren. Im Krankheitsverlauf ist ihre Differenzierung zu reifen Oligodendrozyten jedoch häufig gestört, sodass die Remyelinisierung unvollständig bleibt. OPC sind daher ein zentraler Ansatzpunkt remyelinisierender Therapiestrategien.
Darüber hinaus geht ein Teil der Gliome mutmaßlich von Zellen der oligodendroglialen Vorläuferreihe aus.
Quellen´
- ↑ 1,0 1,1 Sakry D, Neitz A, Singh J, et al. Oligodendrocyte precursor cells modulate the neuronal network by activity-dependent ectodomain cleavage of glial NG2. PLoS Biol. 2014;12(11):e1001993.
Literatur
- Lüllmann-Rauch R, Asan E. Taschenlehrbuch Histologie. 6. Aufl. Thieme; 2019.