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Muskarin-Syndrom

1 Definition

Das Muskarin-Syndrom ist eine Form der Pilzvergiftung. Nach dem Verzehr der unten genannten Pilze kommt es nach einer extrem kurzen Latenzzeit von wenigen Minuten, spätestens aber nach 3 Stunden zu diversen vegetativen bzw. neurologischen Erscheinungen, die auf eine Störung des autonomen Nervensystems hindeuten. Auch bei dieser Form der Pilzintoxikation ist es zu Todesfällen gekommen, weswegen das Muskarin-Syndrom ebenfalls zu den größten Gefahren des Pilzsammlers gehört.

2 Verursachende Pilze

  • Feldtrichterling (Clitocybe dealbata)
  • weitere Trichterlingsarten (Clitocybe spec.)
  • Ziegelroter Risspilz (Inocybe erubescens)
  • weitere Risspilze (Inocybe spec.)

3 Symptome

Das Muskarin wirkt als ein Neurotoxin und beeinflusst die Funktionalität des vegetativen Nervensystems – hier speziell die Arbeit des Parasympathikus. Daraus resultieren in der Regel folgende Krankheitsanzeichen:

  • Sehstörungen, bedingt durch eine starke Pupillenverengung (Miosis)
  • starke Schweißsekretion (Hyperhidrose)
  • übermäßige Produktion von Speichel und Tränenflüssigkeit
  • Magen-Darm-Symptome
  • Erbrechen
  • Tremor (Zittern)
  • Bradykardie (langsamer Puls)
  • mitunter starker Abfall des Blutdruckes
  • Atembeschwerden durch Verengung der Atemwege (antagonistische Wirkung zum bronchodilatatosischem Effekt des Sympathikus)
  • Panik

4 Relevanter Giftstoff

Wie sich aus dem Namen des Krankheitsbildes bereits ergibt, stellt das Muskarin das Haupttoxin dar. Es handelt sich dabei um ein Parasympathomimetikum. Strukturell weist das Muskarin-Molekül eine sehr große Ähnlichkeit mit Acetylcholin auf, weswegen es auch an die selben Rezeptoren des Parasympathikus binden kann (muskarinische Acetylcholinrezeptoren). Der große und damit krankheitsauslösender Unterschied ist jedoch, dass Muskarin nicht von der Acetylcholinesterase abgebaut werden kann. Es kommt zur Dauerreizung des Parasympathikus und damit zu den teilweise lebensgefährlichen Krankheitserscheinungen.

Im Jahr 1869 wurde die Substanz Muskarin erstmalig in Fliegenpilzen nachgewiesen. Da Vergiftungen mit diesem Fruchtkörper ebenfalls neurologische Symptome hervorrufen ging man jahrelang davon aus, dass auch der Fliegenpilz ein Muskarin-Syndrom auslösen könne. Viel später erst fand man heraus, dass andere Toxine im Fliegenpilz für dessen Giftigkeit verantwortlich sind – Ibutensäure und Muscimol. Die Muskarin-Konzentration im Fliegenpilz ist viel zu gering, um eine nennenswerte Vergiftung auszulösen. Sie beträgt durchschnittlich 200-mal weniger, als in den bekannten Risspilzarten.

5 Diagnose

Aufgrund der großen Gefährlichkeit des Giftes sollte bereits bei Verdacht auf das Muskarin-Syndrom (z. B. bei vorheriger Pilzmahlzeit) mit der Therapie begonnen werden. Insbesondere die oben genannten Symptome dienen der Diagnosefindung und rechtfertigen ein sofortiges ärztliches Handeln. Des Weiteren sollte ein Labortest erfolgen, um das Muskarin im Serum nachzuweisen. Im Liquor kommt es zu einem Anstieg der Serotoninkonzentration. Wie bei allen Pilzvergiftungen empfiehlt es sich auch beim Muskarin-Syndrom evtl. Pilzreste oder Erbrochenes einem erfahrenen Pilzkenner zur Identifizierung vorzulegen.

6 Therapie

  • Herbeiführen von Erbrechen
  • Magenspülung
  • wiederholte Verabreichung von 20 – 40 g Aktivkohle
  • Flüssigkeitsgabe
  • intravenöse Gabe von Atropin als Antagonist von Muskarin (Erwachsene 1 – 2 mg; Kinder 0,02 mg/kg Körpergewicht)
  • EKG-Kontrolle

7 Giftzentralen in Deutschland

  • Berlin

Berliner Betrieb für Zentrale Gesundheitliche Aufgaben Beratungsstelle für Vergiftungserscheinungen Tel.: 0 30 / 1 92 40

  • Göttingen

Giftinformationszentrum-Nord der Länder Bremen, Hamburg, Niedersachsen und Schleswig-Holstein Tel.: 0 55 1 / 1 92 40

  • Mainz

Klinische Toxikologie und Beratungsstelle bei Vergiftungen der Länder Rheinland-Pfalz und Hessen Tel.: 0 61 31 / 1 92 40 oder 23 24 66

Weitere Giftzentralen finden Sie hier.

Fachgebiete: Toxikologie

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