Leukozytenzahl
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LoslegenEnglisch: white blood cell count, WBC count, leukocyte count
Definition
Die Leukozytenzahl bezeichnet die Anzahl der weißen Blutkörperchen (Leukozyten) in einem definierten Volumen einer Körperflüssigkeit. Sie wird insbesondere im Blut, aber auch im Urin und Liquor bestimmt.
Hintergrund
Leukozyten sind kernhaltige Zellen der Immunabwehr, die im Knochenmark gebildet werden. Die Gesamtleukozytenzahl fasst mehrere funktionell unterschiedliche Subpopulationen zusammen:
Da sich diese Populationen gegenläufig verändern können, ist die Gesamtleukozytenzahl für sich genommen nur begrenzt aussagekräftig und wird gemeinsam mit dem Differentialblutbild beurteilt.[1]
Leukozytenzahl im Blut
Indikation
Die Bestimmung erfolgt routinemäßig im Rahmen des Blutbildes, unter anderem bei:
- Verdacht auf Infektion oder Entzündung
- Verdacht auf hämatologische Neoplasien, z.B. Leukämie
- Verlaufskontrolle unter Chemotherapie oder Immunsuppression
- Überwachung von Arzneimitteln mit Risiko für eine Agranulozytose, z.B. Metamizol, Clozapin oder Thyreostatika
- präoperativer Diagnostik und allgemeiner Verlaufsbeurteilung
Messverfahren
Die Bestimmung erfolgt in der Regel automatisiert durch hämatologische Analysegeräte, meist mittels Durchflusszytometrie bzw. impedanzbasierter oder optischer Messverfahren.
Bei auffälligen Messergebnissen oder Hinweisen auf pathologische Zellpopulationen kann eine ergänzende mikroskopische Beurteilung des Blutausstrichs erforderlich sein.
Material
Die Analyse erfolgt aus EDTA-Blut. Die Messung sollte zeitnah nach der Blutentnahme erfolgen, da längere Lagerung die Zellmorphologie und damit die automatisierte Differenzierung beeinflusst.
Referenzbereiche
Die Referenzbereiche sind altersabhängig und variieren zwischen Laboren. Orientierende Anhaltswerte sind:
| Altersgruppe | Leukozytenzahl |
|---|---|
| Neugeborene | ca. 9.000–30.000/µl |
| Säuglinge | ca. 6.000–18.000/µl |
| Kleinkinder | ca. 5.000–15.000/µl |
| Schulkinder | ca. 4.500–13.500/µl |
| Erwachsene | ca. 4.000–10.000/µl bzw. 4–10 × 109/l |
Hinweis: Referenzwerte sind häufig vom Messverfahren abhängig und können von den o.a. Werten abweichen. Ausschlaggebend sind die Referenzwerte, die vom Labor angegeben werden, das die Untersuchung durchführt.
Laborabhängig wird die obere Referenzgrenze bei Erwachsenen auch bei 11.000/µl angesetzt. In der Schwangerschaft sind höhere Werte physiologisch.[2]
Einflussgrößen
Die Leukozytenzahl reagiert rasch auf physiologische Reize, da im Knochenmark und im marginalen Pool große Granulozytenreserven bereitstehen. Zu einer passageren Erhöhung führen unter anderem:
- körperliche Belastung, akuter Stress, Schmerz
- Operationen und Traumata
- Glukokortikoide, Adrenalin, Lithium, G-CSF
- Rauchen, Adipositas, Asplenie bzw. Zustand nach Splenektomie
Erniedrigte Werte finden sich unter anderem bei Knochenmarkschädigung, Virusinfektionen und medikamentös-toxischen Einflüssen. Eine konstitutionell niedrigere Neutrophilenzahl ohne Krankheitswert kommt bei einem Teil der Bevölkerung vor und darf nicht als Neutropenie fehlgedeutet werden.
Interpretation
Ein Abfall der Leukozytenzahl unter den Referenzbereich wird als Leukopenie, ein Anstieg als Leukozytose bezeichnet. Werte zwischen etwa 50.000 und 100.000/µl ohne zugrunde liegende Neoplasie werden als leukämoide Reaktion bezeichnet, Werte über 100.000/µl als Hyperleukozytose.
Für die weitere Einordnung ist häufig das Differentialblutbild erforderlich, da Veränderungen einzelner Subpopulationen trotz normaler Gesamtleukozytenzahl vorliegen können. Besondere Bedeutung haben unter anderem:
- Neutrophilie bzw. Neutropenie
- Lymphozytose bzw. Lymphopenie
- Monozytose
- Eosinophilie
- Basophilie
- Linksverschiebung
Maßgeblich sind dabei die Absolutwerte der Subpopulationen, nicht deren prozentualer Anteil.
Die Leukozytenzahl ist ein unspezifischer Laborparameter. Veränderungen treten sowohl bei infektiösen als auch bei nichtinfektiösen Erkrankungen auf. Umgekehrt schließt eine normale Leukozytenzahl eine klinisch relevante Infektion oder Entzündung nicht aus.
Einschränkungen
Automatisierte Messverfahren sind störanfällig. Falsch erhöhte Werte (Pseudoleukozytose) können entstehen durch Erythroblasten, Kryoglobuline, Thrombozytenaggregate, ausgeprägte Hyperlipidämie oder unvollständig lysierte Erythrozyten. Falsch erniedrigte Werte (Pseudoleukopenie) entstehen unter anderem durch EDTA-induzierte Leukozytenaggregation.[3]
In der Regel weisen die Analysegeräte durch Warnhinweise auf solche Konstellationen hin. Die Bestätigung erfolgt mikroskopisch am Blutausstrich.[4]
Leukozytenzahl im Urin
Indikation
Die Untersuchung erfolgt bei Verdacht auf eine Harnwegsinfektion sowie bei entzündlichen und interstitiellen Nierenerkrankungen.
Messverfahren
Die Bestimmung kann semiquantitativ mittels Urinteststreifen durch Nachweis der Granulozytenesterase oder quantitativ bzw. mikroskopisch im Urinsediment erfolgen.
Material
Verwendet wird in der Regel frischer Spontanurin, vorzugsweise Mittelstrahlurin.[5]
Referenzbereiche
Der Referenzbereich hängt vom Untersuchungsverfahren ab. Mikroskopisch gelten bis zu 5 Leukozyten pro Hauptgesichtsfeld bei 400-facher Vergrößerung bzw. bis zu 10 Leukozyten/µl als physiologisch.
Interpretation
Eine erhöhte Leukozytenzahl im Urin wird als Leukozyturie bezeichnet und tritt insbesondere bei entzündlichen Erkrankungen der ableitenden Harnwege auf, etwa bei Zystitis oder Pyelonephritis. Eine Leukozyturie ohne Bakteriennachweis (sterile Leukozyturie) findet sich unter anderem bei Urethritis durch Chlamydia trachomatis, bei Urogenitaltuberkulose und bei interstitieller Nephritis.
Die weitere Einordnung erfolgt unter Berücksichtigung der klinischen Symptomatik sowie gegebenenfalls weiterer Urinbefunde und einer Urinkultur.
Einschränkungen
Der Teststreifennachweis erfasst nur esterasehaltige Granulozyten – eine überwiegend lymphozytäre Leukozyturie kann falsch negativ ausfallen. Weitere Fehlerquellen sind stark konzentrierter Urin, hohe Glukose- oder Proteinkonzentrationen sowie eine verzögerte Verarbeitung der Probe mit Zellzerfall. Bei Frauen ist eine Kontamination durch Vaginalsekret zu bedenken.
Leukozytenzahl im Liquor
Im Liquor cerebrospinalis finden sich bei Erwachsenen physiologisch nur vereinzelte Zellen. Eine erhöhte Zellzahl (Pleozytose) weist auf einen entzündlichen Prozess des Zentralnervensystems hin.
siehe: Zellzahl im Liquor
Quellen
- ↑ Mank und Killeen, Leukocytosis, StatPearls, 2025
- ↑ Riley und Rupert, Evaluation of Patients with Leukocytosis, Am Fam Physician, 2015
- ↑ Zandecki et al., Spurious counts and spurious results on haematology analysers: a review. Part II, Int J Lab Hematol, 2007
- ↑ Chabot-Richards und George, Leukocytosis, Int J Lab Hematol, 2014
- ↑ AWMF, S3-Leitlinie: Epidemiologie, Diagnostik, Therapie, Prävention und Management unkomplizierter, bakterieller, ambulant erworbener Harnwegsinfektionen bei Erwachsenen, AWMF-Registernummer 043-044, Aktualisierung 2024