Hochsensibilität
Synonym: Hochsensitivität
Englisch: sensory processing sensitivity
Definition
Die Hochsensibilität bezeichnet ein psychologisches Persönlichkeitsmerkmal mit erhöhter Sensitivität gegenüber internen und externen Reizen. Sie ist kein eigenständiges Krankheitsbild und wird der Persönlichkeitspsychologie und differentiellen Psychologie zugeordnet.
Hintergrund
Das Konzept der Hochsensibilität wurde in den 1990er-Jahren durch die Psychologin Elaine N. Aron beschrieben. Theoretische Bezugspunkte finden sich in Modellen der sensorischen Reizverarbeitung, der Temperamentsforschung sowie der Neurobiologie. Hochsensibilität wird als dimensional ausgeprägtes Persönlichkeitsmerkmal verstanden. Eine formale Verankerung in diagnostischen Klassifikationssystemen besteht nicht.
Abgrenzung
Hochsensibilität ist von psychischen Störungen abzugrenzen. Überschneidungen bestehen mit Persönlichkeitsdimensionen wie Neurotizismus oder Introversion. Eine Differenzierung zu Autismus-Spektrum-Störungen, Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörungen und Angststörungen ist erforderlich. Hochsensibilität ist nicht mit funktioneller Beeinträchtigung gleichzusetzen.
Epidemiologie
Prävalenzangaben variieren in Abhängigkeit von Definition und Erhebungsmethode. Häufig genannte Schätzungen liegen zwischen 15 und 30 % der Allgemeinbevölkerung. Geschlechtsunterschiede sind nicht konsistent belegt. Kulturelle Einflüsse auf Selbstbeurteilungsverfahren werden diskutiert.
Diagnostik
Es existieren keine standardisierten klinischen Diagnosekriterien. Die Erfassung erfolgt überwiegend mittels Selbstbeurteilungsfragebögen, insbesondere der Highly Sensitive Person Scale, die primär als Forschungsinstrument eingesetzt wird. Diese Instrumente sind kein Bestandteil leitlinienbasierter Diagnostik. Die Einordnung erfolgt im Rahmen der klinisch-psychologischen Beurteilung.
Hochsensibilität ist als eigene Entität weder im ICD-10, noch im ICD-11 enthalten. Eine Aufnahme in das DSM-5 oder DSM-5-TR besteht nicht. Der Begriff findet primär Verwendung in beratungspsychologischen und populärwissenschaftlichen Kontexten. Eine nosologische Anerkennung liegt nicht vor.
Therapie
Für Hochsensibilität bestehen keine spezifischen Therapieempfehlungen. Behandlungsbedürftig sind ausschließlich komorbide psychische Störungen. Psychotherapeutische Interventionen richten sich nach der jeweiligen Diagnose. Psychoedukative Ansätze werden außerhalb leitlinienbasierter Verfahren eingesetzt.
Literatur
- Greven et al. Sensory Processing Sensitivity in the context of Environmental Sensitivity: A critical review and development of research agenda. Neurosci Biobehav Rev. 2019;98:287-305. doi:10.1016/j.neubiorev.2019.01.009
- Aron. The Highly Sensitive Person. New York: Broadway Books; 1997.