Habit Reversal Training
Synonyme: Habit Reversal, Habit-Reversal-Therapie
Definition
Das Habit Reversal Training, kurz HRT, ist ein verhaltenstherapeutisches Behandlungsverfahren zur Reduktion oder Eliminierung unerwünschter, meist repetitiver und automatisierter Verhaltensweisen. Verhaltensmuster sollen durch bewusste Wahrnehmung, gezielte Unterbrechung und den Aufbau funktionell inkompatibler Alternativreaktionen nachhaltig verändert werden.
Hintergrund
Das Verfahren wurde Anfang der 1970er-Jahre von Azrin und Nunn entwickelt und basiert auf lerntheoretischen Konzepten der Verhaltenstherapie. Es geht von der Annahme aus, dass viele problematische Gewohnheiten weitgehend automatisiert ablaufen und nur eingeschränkt willentlich kontrolliert werden. Durch eine systematische Schulung der Selbstbeobachtung sowie das aktive Einüben alternativer Reaktionsmuster soll diese Automatisierung unterbrochen und das Verhalten schrittweise verlernt werden.
Ursprünglich zur Behandlung motorischer und vokaler Tics konzipiert, wurde HRT im Verlauf auf weitere körperbezogene repetitive Verhaltensweisen ausgeweitet und methodisch weiterentwickelt. Heute gilt es als etabliertes, evidenzbasiertes Verfahren innerhalb der kognitiven Verhaltenstherapie.
Indikationen
Das Habit Reversal Training wird bei verschiedenen Störungsbildern eingesetzt, die durch repetitive, schwer kontrollierbare Verhaltensweisen gekennzeichnet sind. Dazu zählen insbesondere Tic-Störungen, einschließlich des Tourette-Syndroms, sowie körperbezogene repetitive Verhaltensweisen wie Trichotillomanie, Dermatillomanie oder Onychophagie. Darüber hinaus findet das HRT Anwendung bei funktionellen Gewohnheiten wie Bruxismus oder anderen motorischen Automatismen, sofern eine ausreichende Selbstbeobachtungsfähigkeit und Änderungsmotivation vorliegen. Ein weiteres Anwendungsgebiet ist die Behandlung der Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS).
Methodik
Das klassische Habit Reversal Training besteht aus mehreren aufeinander abgestimmten Komponenten:
Bewusstheitstraining (Awareness Training)
Ziel des Bewusstheitstrainings ist die präzise Wahrnehmung des problematischen Verhaltens. Patienten lernen, das Auftreten der Gewohnheit, deren Häufigkeit, Dauer und Intensität sowie auslösende Situationen und frühe Warnsignale differenziert zu erkennen. Dadurch soll das Verhalten möglichst früh im Entstehungsprozess identifiziert werden.
Training einer konkurrierenden Reaktion
Im nächsten Schritt wird eine alternative Reaktion eingeübt, die mit dem Zielverhalten motorisch oder funktionell inkompatibel ist. Diese konkurrierende Reaktion soll sozial unauffällig, leicht durchführbar und über mehrere Minuten aufrechterhaltbar sein, um das Auftreten des problematischen Verhaltens effektiv zu verhindern.
Motivationstraining
Das Motivationstraining dient der Stärkung der Änderungsbereitschaft. Hierzu gehören psychoedukative Elemente, die Verdeutlichung negativer Konsequenzen des Zielverhaltens sowie die Herausarbeitung persönlicher Therapieziele. Gegebenenfalls werden unterstützende Bezugspersonen in den therapeutischen Prozess einbezogen.
Generalisierungstraining
Im Generalisierungstraining werden die erlernten Strategien gezielt auf unterschiedliche Alltagssituationen übertragen. Ziel ist es, die neuen Verhaltensmuster auch unter variierenden situativen Bedingungen zuverlässig anzuwenden und langfristig zu stabilisieren.
Erweiterte Verfahren
In der klinischen Praxis wird das Habit Reversal Training häufig in multimodale Therapieprogramme integriert. Besonders etabliert ist die Comprehensive Behavioral Intervention for Tics (CBIT), die HRT mit funktionaler Verhaltensanalyse, Psychoedukation und weiteren verhaltenstherapeutischen Elementen kombiniert.
Wirksamkeit
Die Wirksamkeit des Habit Reversal Trainings ist durch zahlreiche kontrollierte Studien belegt. Insbesondere bei Tic-Störungen sowie bei körperbezogenen repetitiven Verhaltensweisen zeigen sich signifikante und klinisch relevante Effekte.[1][2] Nationale und internationale Leitlinien empfehlen HRT als Therapie der ersten Wahl bei chronischen Tic-Störungen im Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalter.[3][4]
Limitationen
Der Therapieerfolg hängt wesentlich von der aktiven Mitarbeit der Patienten sowie der regelmäßigen Anwendung der erlernten Techniken ab. Bei schweren komorbiden psychischen Erkrankungen, eingeschränkter Selbstwahrnehmung oder geringer Motivation ist die Wirksamkeit begrenzt. In solchen Fällen ist eine Kombination mit weiteren therapeutischen Ansätzen sinnvoll.
Literatur
- ↑ Azrin, N. H., & Nunn, R. G. (1973). Habit-reversal: a method of eliminating nervous habits and tics. Behaviour research and therapy, 11(4), 619–628. https://doi.org/10.1016/0005-7967(73)90119-8
- ↑ McGuire, J. F., Piacentini, J., Brennan, E. A., Lewin, A. B., Murphy, T. K., Small, B. J., & Storch, E. A. (2014). A meta-analysis of behavior therapy for Tourette Syndrome. Journal of psychiatric research, 50, 106–112. https://doi.org/10.1016/j.jpsychires.2013.12.009
- ↑ Andrén, P., Jakubovski, E., Murphy, T. L., Woitecki, K., Tarnok, Z., Zimmerman-Brenner, S., van de Griendt, J., Debes, N. M., Viefhaus, P., Robinson, S., Roessner, V., Ganos, C., Szejko, N., Müller-Vahl, K. R., Cath, D., Hartmann, A., & Verdellen, C. (2022). European clinical guidelines for Tourette syndrome and other tic disorders-version 2.0. Part II: psychological interventions. European child & adolescent psychiatry, 31(3), 403–423. https://doi.org/10.1007/s00787-021-01845-z
- ↑ Pringsheim, T., Okun, M. S., Müller-Vahl, K., Martino, D., Jankovic, J., Cavanna, A. E., Woods, D. W., Robinson, M., Jarvie, E., Roessner, V., Oskoui, M., Holler-Managan, Y., & Piacentini, J. (2019). Practice guideline recommendations summary: Treatment of tics in people with Tourette syndrome and chronic tic disorders. Neurology, 92(19), 896–906. https://doi.org/10.1212/WNL.0000000000007466