Gedeihstörung
Englisch: failure to thrive
Definition
Die Gedeihstörung ist ein klinischer Sammelbegriff für eine unzureichende Gewichts- und/oder Längenentwicklung im Kindesalter, insbesondere im Säuglings- und Kleinkindalter. Häufig handelt es sich um ein multifaktorielles Geschehen, das neben somatischen Ursachen auch psychosoziale Faktoren einschließen kann.
Hintergrund
Der Begriff wird vor allem im pädiatrischen Alltag verwendet und entspricht inhaltlich weitgehend dem englischen Konzept des "failure to thrive". Die Gedeihstörung ist keine eigenständige Erkrankung, sondern beschreibt ein pathologisches Wachstumsmuster und fungiert als Leitsymptom, das einer strukturierten differenzialdiagnostischen Abklärung bedarf.
Epidemiologie
Die Prävalenz einer Gedeihstörung variiert je nach Definition, Altersgruppe und Versorgungskontext. So liegt die Prävalenz bei stationären pädiatrischen Kollektiven höher als im ambulanten Bereich; hier sind vor allem Säuglinge und Kleinkinder mit chronischen Erkrankungen oder ungünstigen psychosozialen Rahmenbedingungen betroffen.
Ätiologie
Die Ursachen einer Gedeihstörung sind heterogen und lassen sich grob in nutritive, organische und psychosoziale Faktoren einteilen. In ressourcenarmen Regionen steht häufig eine unzureichende Nahrungsaufnahme im Vordergrund. In Industrienationen dominieren organische und psychosoziale Gründe. Relevante Ursachen sind unter anderem:
- Störungen der Ernährung oder der Nahrungszufuhr
- Malabsorption und chronische Erkrankungen des Gastrointestinaltrakts
- Nahrungsmittelallergien und Nahrungsmittelunverträglichkeiten
- Chronische Systemerkrankungen wie zystische Fibrose oder Zöliakie
- Psychosoziale Belastungsfaktoren, Interaktionsstörungen sowie verhaltensbezogene Essprobleme
- Neuroentwicklungsstörungen, z.B. im Rahmen eines Autismus-Spektrums, meist sekundär über Auffälligkeiten des Essverhaltens
Symptome
Leitsymptom ist eine unzureichende Gewichtszunahme bzw. ein Abfallen über mehrere Perzentile in den altersbezogenen Wachstumskurven. Je nach Ursache können zusätzlich Entwicklungsverzögerungen, muskuläre Hypotonie, verminderte Belastbarkeit sowie Verhaltensauffälligkeiten auftreten. In schweren oder länger andauernden Fällen kann es zu globalen Entwicklungsdefiziten kommen.
Diagnose
Die Diagnose einer Gedeihstörung basiert auf der Beurteilung des Wachstumsverlaufs im Vergleich zu alters- und geschlechtsspezifischen Normwerten, nicht auf Einzelmessungen. Typische Kriterien sind:
- Unterschreiten der 3. Perzentile für Körpergewicht und/oder Körperlänge
- Abfallen über mehrere Perzentilen im zeitlichen Verlauf
- Diskrepanz zwischen Gewicht, Länge und Kopfumfang
Ergänzend erfolgen eine strukturierte Anamnese einschließlich Ernährungs- und Sozialanamnese, eine körperliche Untersuchung sowie entwicklungsdiagnostische Verfahren zur Beurteilung von Kognition und Motorik. Die weiterführende Diagnostik richtet sich nach dem klinischen Verdacht und der vermuteten Grunderkrankung.
Therapie
Die Therapie richtet sich nach der zugrunde liegenden Ursache. Zentrale Elemente sind eine altersgerechte Optimierung der Nahrungszufuhr, die Behandlung identifizierter Grunderkrankungen sowie bei Bedarf psychosoziale Interventionen. In schweren Fällen oder bei unzureichender Aufnahme kann eine temporäre enterale oder parenterale Ernährung erforderlich sein.
Quellen
- Smith et al., Failure to Thrive, StatPearls, 2023
- Merck Manuals - Failure to Thrive, abgerufen am 04.02.2026