Familienbasierte Therapie
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Synonym: Maudsley-Ansatz (historisch)
Englisch: family-based treatment, FBT, anorexia-nervosa-focused family therapy, FT-AN
Definition
Die Familienbasierte Therapie, kurz FBT, ist ein manualisiertes, störungsspezifisches Psychotherapieverfahren zur Behandlung von Essstörungen bei Kindern und Jugendlichen. Sie wurde insbesondere für die Behandlung der Anorexia nervosa entwickelt. Die Eltern bzw. Bezugspersonen werden als zentrale Ressource in die Behandlung einbezogen. Ziel ist es, den Ernährungszustand wiederherzustellen und das Essverhalten zu normalisieren.
Hintergrund
Die FBT geht auf familienbasierte Behandlungsansätze zurück, die seit den 1980er-Jahren unter anderem am Maudsley Hospital in London untersucht wurden (u.a. Russell, Dare). James Lock und Daniel Le Grange entwickelten daraus die heute etablierte manualisierte Form der FBT.
Grundprinzipien
Die FBT beruht auf folgenden Grundprinzipien:
- Agnostische Haltung: Die Therapie legt sich nicht auf eine bestimmte Ursache der Erkrankung fest. Die Ätiologie steht zunächst nicht im Vordergrund. Weder Eltern noch Patient werden für die Erkrankung verantwortlich gemacht.
- Externalisierung: Die Essstörung wird von der Person des Patienten getrennt. Essstörungsbedingtes Verhalten wird nicht als Ausdruck seines Willens oder Charakters verstanden.
- Elterliche Verantwortung: Die Eltern übernehmen vorübergehend die Verantwortung für Nahrungsaufnahme und Mahlzeitenstruktur.
- Pragmatischer Symptomfokus: Im Vordergrund stehen zunächst die Ernährungsrehabilitation, die körperliche Stabilisierung und die Kontrolle essstörungstypischer Verhaltensweisen.
- Nicht-autoritäre therapeutische Haltung: Der Therapeut unterstützt und berät die Eltern und stärkt ihre Kompetenz. Die Verantwortung für die Ernährung übernimmt er nicht selbst.
Ablauf
Die Standardbehandlung umfasst etwa 18 bis 20 Sitzungen über rund 12 Monate und gliedert sich in drei Phasen:[1]
- Phase I: Die Eltern übernehmen die Verantwortung für die Ernährung. Das Gewicht wird zu Beginn der Sitzungen kontrolliert und mit der Familie besprochen. Charakteristisch ist eine gemeinsame Familienmahlzeit in der zweiten Sitzung.[2]
- Phase II: Sobald der Patient körperlich und im Verhalten ausreichend stabil ist, wird die Verantwortung für die Ernährung schrittweise und altersgerecht an ihn zurückgegeben.
- Phase III: Im Mittelpunkt stehen Entwicklungsaufgaben der Adoleszenz, Autonomie und Rückfallprophylaxe. Anschließend wird die Behandlung beendet.
Indikation
Die FBT ist für Kinder und Jugendliche mit Anorexia nervosa indiziert. Die Evidenz ist insbesondere für jüngere Patienten mit kürzerer Erkrankungsdauer gut. Adaptierte familienbasierte Verfahren gibt es auch für die Bulimia nervosa.
Voraussetzungen und Limitationen
Die FBT ist primär ein ambulantes Verfahren. Bei schwerer körperlicher Instabilität ist zunächst eine medizinische Stabilisierung erforderlich, je nach Schweregrad stationär oder teilstationär.
Eine FBT kann ungeeignet sein, wenn die Familie nicht ausreichend in die Behandlung einbezogen werden kann. Dies kann beispielsweise bei Gewalt oder Missbrauch innerhalb der Familie sowie bei erheblichen familiären Belastungen oder fehlenden Ressourcen der Fall sein. Die Eignung wird im Einzelfall beurteilt.
Risiken
Die familienbasierte Therapie kann in der Anfangsphase familiäre Konflikte und eine erhebliche emotionale Belastung verstärken, da Eltern die Verantwortung für die Ernährung des Jugendlichen vorübergehend übernehmen und Mahlzeiten häufig unter Druck und Auseinandersetzungen stattfinden.[3] Die Behandlung kann Bezugspersonen durch die intensive Mahlzeitenbegleitung, die Alltagsorganisation und die emotionale Dauerbelastung überfordern.[3] Bei unzureichender Gewichtszunahme oder medizinischer Verschlechterung ist eine zeitnahe Eskalation der Behandlung erforderlich; verbleibt diese aus, kann sich eine notwendige stationäre oder teilstationäre Stabilisierung verzögern.[4]
Evidenz
In einer randomisierten kontrollierten Studie wurde die FBT bei Jugendlichen mit Anorexia nervosa mit einer adoleszenzfokussierten Einzeltherapie verglichen. Am Ende der Behandlung zeigte sich kein signifikanter Unterschied hinsichtlich der vollständigen Remission. Bei den Nachuntersuchungen nach 6 und 12 Monaten waren die Remissionsraten unter FBT höher als unter adoleszenzfokussierter Einzeltherapie.[5]
Die NICE-Leitlinie empfiehlt bei Kindern und Jugendlichen mit Anorexia nervosa eine anorexia-nervosa-fokussierte Familientherapie (FT-AN) in Betracht zu ziehen.[1] Die deutsche S3-Leitlinie befindet sich derzeit (2026) in Überarbeitung.[6]
Varianten
Zu den Varianten der FBT gehören:
- Elternfokussierte Therapie (parent-focused treatment, PFT): Die therapeutische Arbeit erfolgt überwiegend mit den Eltern. Der Jugendliche nimmt an den Elterngesprächen nicht teil.
- Multifamilientherapie: Mehrere Familien werden gemeinsam behandelt. Sie kann auch mit Einzelfamiliensitzungen kombiniert werden.
Literatur
- Oberdorf N. Treatment Manual For Anorexia Nervosa - A Family- Based Approach. Can Child Adolesc Psychiatr Rev. 2003;12(2):50-51.
- DGPM, DGESS et al. S3-Leitlinie Diagnostik und Therapie der Essstörungen. AWMF-Register-Nr. 051-026, Version 2.2, Stand 31.05.2018. Gültig bis 30.05.2023, derzeit in Überarbeitung.
- National Guideline Alliance (UK). Eating Disorders: Recognition and Treatment. London: National Institute for Health and Care Excellence (NICE); May 2017.
Quellen
- ↑ 1,0 1,1 NICE-Leitlinie NG69: Eating disorders: recognition and treatment, abgerufen am 04.10.2026
- ↑ Lock und Le Grange, Treatment Manual for Anorexia Nervosa: A Family-Based Approach, 3. Auflage, Guilford Press, 2025
- ↑ 3,0 3,1 Thibault, “For me, it's a real pain”: A Foray into the Experience of Parents Involved in Family-Based Treatment, Journal of Family Psychotherapy, 2023
- ↑ Eating Disorders: Recognition and Treatment, abgerufen am 04.10.2026
- ↑ Lock J, Le Grange D, Agras WS, Moye A, Bryson SW, Jo B. Randomized clinical trial comparing family-based treatment with adolescent-focused individual therapy for adolescents with anorexia nervosa. Arch Gen Psychiatry. 2010;67(10):1025-1032.
- ↑ Deutsche Gesellschaft für Essstörungen: Entwicklung der Leitlinien für Essstörungen in Deutschland, abgerufen am 04.10.2026