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Taktische Medizin

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Synonyme: Einsatzmedizin, taktische Verwundetenversorgung
Englisch: tactical combat casuality care (TCCC), tactical medicine

1. Definition

Als taktische Medizin bezeichnet man die Anwendung medizinischer Maßnahmen (Diagnostik und Therapie) in einem taktischen Umfeld. Darunter versteht man die Versorgung von Verwundeten unter Gefechtsbedingungen oder in besonderen Einsatzlagen (z.B. Terroranschlägen). Die taktische Medizin ist damit am Ehesten ein Teil der Notfallmedizin, wobei penetrierende Verletzungen und Verbrennungsverletzungen infolge des Einsatzes von Schuss-, Stich- und Sprengwaffen überproportional häufig vertreten sind.

2. Geschichte

Die taktische Medizin hat sich aus der Feldchirurgie und der Militärmedizin entwickelt. Die englische Bezeichnung "Tactical Combat Casualty Care" existiert seit den 1990er-Jahren.

Das Tourniquet ist eines der wichtigsten Instrumente der taktischen Medizin. Jean-Louis Petit erfand es um 1718, um Blutungen zu stoppen. Johann von Esmarch entwickelte das ursprünglich entwickelte Tourniquet weiter, sodass keine Einzelteile mehr abfallen konnten.

3. Abgrenzung

Im Gegensatz zur zivilen Notfallmedizin ist in der taktischen Medizin die Versorgung von Verwundeten oft nicht die primäre Aufgabe der eingesetzten Einheiten. Die Versorgung ist in den Kontext der militärischen oder polizeilichen Aufgabenerfüllung eingebunden. Während zivil verhältnismäßig schnell Kräfte nachgefordert werden können, erschöpfen sich medizinische Ressourcen im taktischen Einsatz rasch und es kann zu einem länger anhaltenden Missverhältnis zwischen der Anzahl der medizinischen Helfer und der Anzahl der Verwundeten kommen.[1]

Weiterhin kann die Indikationsstellung medizinischer Maßnahmen durch die akute Lage verändert werden und ein Abweichen von Leitlinien der zivilen Notfallmedizin bedeuten. Erschwerend kommt hinzu, dass während der Versorgung oft suboptimale Bedingungen bestehen (z.B. in Bezug auf Hygiene und Lichtbedingungen), die Sicherheit der Einsatzstelle in der Regel nicht garantiert werden kann und es zu langen präklinischen Versorgungs- und Transportzeiten kommen kann.[1]

Die Anwendung medizinischer Maßnahmen in einem taktischen Umfeld kann darüber hinaus mit einer akuten Bedrohung von Behandlern und Patienten einhergehen.

4. Einsatzhelfer

Da nicht alle Truppen über Sanitätspersonal verfügen, spielt die Eigen- und Kameradenhilfe eine wichtige Rolle ("Einsatzhelfer A"). Die nächste Stufe sind "Einsatzhelfer B". Die Soldaten mit dieser Ausbildung werden auch "Medics" genannt und sind in den Bereichen Blutstillung, Atemwegsmanagement und Analgesie ausgebildet. Sie versorgen die Patienten unter Beschuss und sichern die schnelle Verwundetenversorgung.

Die sanitätsdienstliche Ausbildung von Spezialkräften bei der Bundeswehr bezeichnet man als "Combat First Responder". Bei der Polizei werden Patienten in Gefahrenlagen durch sanitätsdienstlich ausgebildete Polizisten behandelt.

5. Phasen

Die taktische Medizin lässt sich in drei Phasen unterteilen:[1]

  • Care Under Fire (bzw. "rote/heiße Zone") - Versorgung am Ort der Verwundung: Diese Phase findet oft unter unmittelbarer Bedrohung statt. Es erfolgt lediglich eine minimale medizinische Versorgung wie beispielsweise die Anlage eines Tourniquets.
  • Tactical Field Care (bzw. "warme Zone") - Versorgung des Verwundeten in Deckung: In dieser Phase erfolgt eine erweiterte medizinische Versorgung nach dem cABCDE-Schema. Dabei wird unter anderem der gesamte Körper des Verwundeten abgesucht und abgestrichen. Sämtliche noch nicht erkannte Blutungen werden gestoppt ("Blood Sweep").
  • Tactical Evacuation Care (bzw. "kalte Zone") - Versorgung während der Evakuierung des Verwundeten

Die aktuelle Gefahrenlage muss kontinuierlich reevaluiert und der Eigenschutz beachtet werden. Für das taktische Vorgehen ist das sogenannte SERVA-Schema (Akronym für Sicherung, Erkundung, Rettung Verwundeter, Verwundetensammelstelle, Aufnahme Verstärkungskräfte) relevant.

6. Versorgungsebenen

Man unterscheidet innerhalb der taktischen Medizin verschiedene Versorgungsebenen:

6.1. ROLE 0

Die erste Stufe der taktischen Verwundetenversorgung erfolgt in der Regel durch Nichtsanitätspersonal (Einsatzhelfer A, Einsatzhelfer B).

6.2. ROLE 1 - Rettungsstation

Die Verwundeten werden in dieser Ebene durch Truppenärzte versorgt.

6.3. ROLE 2 - Rettungszentrum

Die dritte Stufe der taktischen Verwundetenversorgung umfasst den gesicherten militärischen Bereich. Hier findet eine mögliche notfallchirurgische Behandlung statt. Zentral ist ebenfalls die Schockraumbehandlung.

6.4. ROLE 3 - Einsatzlazarett

Bei dieser Ebene kommt die Versorgung durch weitere Fachbereiche hinzu. Die Leistungsfähigkeit des Einsatzlazaretts sollte die einer Uniklinik umfassen.

6.5. ROLE 4 - Bundeswehrkrankenhaus

Die letzte Stufe umfasst die definitive operative Versorgung und Rehabilitation.

7. Ausrüstung

Die Ausrüstung, die zur Anwendung medizinischer Maßnahmen in einem taktischen Umfeld verwendet werden, umfasst z.B. verschiedene Arten von Tourniquets (z.B. Combat Application Tourniquet, Emergency & Military Tourniquet), Verbandsstoffen (z.B. Gaze) und Hämostypika. Darüber hinaus kommen individuelle Erste-Hilfe-Sets, sogenannte IFAKs zum Einsatz.

8. Verletzungsmuster

Es existieren verschiedene typische Verletzungsmuster, die häufig im Rahmen der taktischen Medizin versorgt werden, z.B.:

9. Weblinks

10. Quellen

  1. 1,0 1,1 1,2 Hauer T., Ladehof K., Münzberg M. (2016). Taktische Verwundetenversorgung. In: Präklinisches Traumamanagement: Prehospital Trauma Life Support (PHTLS). National Association of Emergency Medical Technicians (NAEMT). 3.Auflage. München: Urban & Fischer Verlag / Elsevier, S.633, S.636

11. Literatur

  • Christian Neitzel, Karsten Ladehof. Taktische Medizin. In: Notfallmedizin und Einsatzmedizin. 2. Auflage Springer Verlag, 2015
Stichworte: Militär, Polizei, Teilgebiet
Fachgebiete: Notfallmedizin

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