Wound Packing
Definition
Das Wound Packing bezeichnet das gezielte, manuelle Tamponieren tiefer, stark blutender Wunden mit Verbandmaterial. Dabei wird Verbandmaterial bis auf den Wundgrund eingebracht, um eine direkte Kompression der Blutungsquelle zu ermöglichen, wenn äußere Maßnahmen wie Druckverband oder Tourniquet nicht anwendbar sind.
Hintergrund
Unkontrollierte äußere Blutungen zählen zu den häufigsten vermeidbaren Todesursachen nach Trauma. Während Blutungen an den Extremitäten in der Regel durch direkten Druck oder ein Tourniquet kontrolliert werden können, sind Verletzungen in sogenannten Übergangsregionen eine besondere Herausforderung. Dazu gehören insbesondere die Leistenregion, die Axilla sowie der proximale Halsbereich. In diesen anatomischen Zonen liegen relevante Gefäße häufig tief und sind durch umgebendes Weichteilgewebe geschützt, sodass eine wirksame äußere Kompression erschwert oder unmöglich ist.
Das Prinzip des Wound Packings beruht auf einer mechanischen Tamponade in der Tiefe der Wunde. Durch das schichtweise Einbringen von Verbandmaterial wird der Druck gezielt auf die vermutete Blutungsquelle verlagert. Hämostatische Gazen (Hämostyptika) können die lokale Gerinnung unterstützen und die Blutstillung beschleunigen, sind jedoch nicht zwingend erforderlich. Entscheidend für den Erfolg der Maßnahme sind die korrekte Technik und eine ausreichende, kontinuierliche Druckausübung, nicht die Verwendung spezieller Produkte.
Indikation
Wound Packing ist indiziert bei lebensbedrohlichen, äußeren Blutungen aus tiefen Wunden, bei denen eine suffiziente äußere Kompression nicht möglich ist. Typische Szenarien sind penetrierende Verletzungen der Leistenregion, der Axilla oder anderer anatomischer Übergangszonen. Auch bei großflächigen Weichteilverletzungen mit nicht einsehbarer Blutungsquelle kann die Methode sinnvoll sein. Voraussetzung ist eine aktive, relevante Blutung mit hämodynamischer Bedeutung. Wound Packing ist eine Maßnahme der Akutphase und Teil strukturierter Blutungskontrollkonzepte wie xABCDE oder MARCH.
Kontraindikation
Eine Kontraindikation für die Anwendung des Wound Packing besteht bei:
- oberflächlichen Wunden ohne relevante aktive Blutung
- penetrierenden Thoraxverletzungen mit Verdacht auf intrathorakale Organ- oder Gefäßverletzung
- penetrierenden Abdominalverletzungen mit möglicher intraabdomineller Blutung
- offenen Halsverletzungen mit Beteiligung von Trachea oder Atemwegen
- Wunden mit offensichtlicher Organexposition, bei denen keine mechanische Tamponade möglich ist
- prophylaktisches oder routinemäßiges Wound Packing ohne bestehende, relevante Blutung
Abgrenzung
Die notfallmäßige Blutstillung von Organverletzungen durch die Kompression mit Bauchtüchern (z.B. intraabdominell) wird als Packing bezeichnet.
Literatur
- AWMF: Polytrauma/Schwerverletzten-Behandlung S3-Leitlinie, 2022
- NAEMT: Präklinisches Traumamanagement (PHTLS-Kursbuch), Elsevier-Verlag, 2011
- J. Campbell: Präklinische Traumatologie (ITLS-Kursbuch), Pearson-Verlag, 2012
- Dietz-Wittstoch et. al., Versorgung von Schwerverletzten im Schockraum, Springer-Verlag, 2. Auflage, 2025