Tractus corticoreticularis
Synonym: Kortikoretikuläre Bahn
Englisch: corticoreticular tract, corticoreticular pathway
Definition
Der Tractus corticoreticularis, kurz CRT, ist eine deszendierende Faserbahn des zentralen Nervensystems, die vom Kortex zur Formatio reticularis des Hirnstamms zieht. Er spielt eine wichtige Rolle bei der Steuerung von Motorik, Muskeltonus und Haltungskontrolle und gilt neben dem Tractus corticospinalis als bedeutendste motorische Bahn im menschlichen Gehirn.[1]
Anatomie
Ursprung
Der Tractus corticoreticularis entspringt hauptsächlich aus dem prämotorischen Kortex, erhält jedoch auch Fasern aus dem primären Motorkortex (Area 4). Die kortikalen Ursprungsgebiete sind damit denen des Tractus corticospinalis weitgehend benachbart.[1]
Verlauf
Vom Kortex ziehen die Fasern durch das Crus posterius der Capsula interna in anteroposteriorer Richtung und weiter durch das Tegmentum des Mesencephalons. Anschließend enden sie an Neuronen der pontinen und pontomedullären Formatio reticularis.[1]
Zielprojektionen
Die Fasern des Tractus corticoreticularis enden bilateral in der Formatio reticularis des Hirnstamms. Von dort werden Signale über den Tractus reticulospinalis auf motorische Vorderhornzellen des Rückenmarks fortgeleitet. Diese Verschaltung bildet die sogenannte kortikoretikulospinale Bahn, den funktionellen Gesamtweg vom Kortex bis zum α-Motoneuron.[1]
Funktion
Motorische Kontrolle proximaler Muskeln
Der Tractus corticoreticularis ist vorwiegend für die motorische Steuerung proximaler Gelenkmuskeln verantwortlich, also der Schulter-, Hüft- und Rumpfmuskulatur. Schätzungen zufolge vermittelt er etwa 30–40 % der motorischen Funktion dieser Muskelgruppen.[1]
Gangkontrolle und Haltungsstabilität
Neben der direkten Muskelkontrolle ist die Bahn wesentlich an der Gangmotorik und der posturalen Stabilität beteiligt. Die Formatio reticularis als Zielstruktur steuert über den Tractus reticulospinalis die Aktivität der Streckmuskeln und Anti-Schwerkraft-Muskulatur und koordiniert so das aufrechte Gehen.[2]
Klinik
Diagnostik
Die Darstellung des Tractus corticoreticularis ist mittels Traktographie möglich, die eine In-vivo-Visualisierung weißer Substanzbahnen erlaubt. Aufgrund der engen anatomischen Lagebeziehung zum Tractus corticospinalis ist eine sorgfältige Abgrenzung beider Bahnen erforderlich. Im MRT liegt der Tractus corticoreticularis anteromedial des Tractus corticospinalis in der Capsula interna.[3]
Schlaganfall und motorische Rehabilitation
Bei Patienten nach Schlaganfall kann eine Schädigung des Tractus corticoreticularis zu motorischen Ausfällen der Extremitäten, Gangstörungen und gestörter Haltungskontrolle führen. Studien mittels Diffusions-Tensor-Bildgebung konnten zeigen, dass die Integrität der Bahn mit dem Ausmaß der motorischen Erholung korreliert.[4]
Rolle des kontralateralen Tractus corticoreticularis
Bei kompletter Schädigung des Tractus corticospinalis und Tractus corticoreticularis einer Seite kann der kontralaterale Tractus corticoreticularis als motorischer Kompensationsweg zur motorischen Erholung der paretischen Extremität beitragen. Dies ist möglicherweise relevant für die Erholung der Fußhebermuskulatur, deren Ausfall das Gangbild beeinträchtigt.[4]
Quellen
- ↑ 1,0 1,1 1,2 1,3 1,4 Jang SH, Lee SJ. Corticoreticular Tract in the Human Brain: A Mini Review. Front Neurol. 2019;10:1188.
- ↑ Takakusaki K. Gait control by the frontal lobe. Handb Clin Neurol. 2023;195:103-126.
- ↑ Choo YJ et al. The Essentials of Brain Anatomy for Physiatrists: Magnetic Resonance Imaging Findings. Am J Phys Med Rehabil. 2021;100(2):181-188.
- ↑ 4,0 4,1 Jang SH, Cho MJ. Role of the Contra-Lesional Corticoreticular Tract in Motor Recovery of the Paretic Leg in Stroke: A Mini-Narrative Review. Front Hum Neurosci. 2022;16:896367.
Literatur
- Schünke M, Schulte E, Schumacher U. Prometheus – Lernatlas der Anatomie: Kopf, Hals und Neuroanatomie. 5. Aufl. Thieme; 2018.
- Trepel M. Neuroanatomie: Struktur und Funktion. 7. Aufl. Urban & Fischer; 2021.