SRY-Translokation
Definition
Als SRY-Translokation bezeichnet man die Verlagerung des SRY-Gens (Sex-determining Region of Y) von seinem physiologischen Ort auf dem Y-Chromosom auf ein anderes Chromosom, meist das X-Chromosom. Dies führt zu einer Diskrepanz zwischen Karyotyp und phänotypischem Geschlecht.
Hintergrund
Das SRY-Gen ist ein zentraler Determinant der männlichen Gonadendifferenzierung. Es kodiert einen Transkriptionsfaktor, der die Entwicklung der Hoden aus der indifferenten Gonadenanlage initiiert, u.a. durch Aktivierung von SOX9.
Im Rahmen einer SRY-Translokation kommt es während der Meiose zu einem aberranten Crossing-over zwischen X- und Y-Chromosom (fehlerhafte Rekombination in der pseudoautosomalen Region). Dadurch wird das SRY-Gen auf das X-Chromosom übertragen.
Die Konsequenzen hängen von der Richtung der Translokation ab:
- SRY-positives 46,XX-Individuum: Entwicklung eines männlichen Phänotyps (XX-Mann)
- SRY-negatives 46,XY-Individuum: gestörte Hodenentwicklung bis hin zur Gonadendysgenesie
Klinik
Klassisch führt eine SRY-Translokation auf ein X‑Chromosom bei 46,XX‑Karyotyp zu einer testikulären Störung der Geschlechtsentwicklung (46,XX testikuläre Störung der Geschlechtsentwicklung, sog. „XX‑Mann“). Betroffene haben einen männlichen Phänotyp mit testikulärer Differenzierung, sind jedoch aufgrund einer Azoospermie in der Regel infertil und weisen häufig kleine Hoden sowie einen hypergonadotropen Hypogonadismus auf. SRY-positive Fälle machen dabei den Großteil der 46,XX testikulären DSD aus, während ein Teil der Fälle SRY-negativ ist und andere genetische Ursachen aufweist.
Der Verlust von SRY vom Y-Chromosom kann ebenfalls zu einer Geschlechtsumkehr mit Entwicklung phänotypischer XY-Frauen (z.B. Swyer-Syndrom) führen, stellt jedoch keine SRY-Translokation, sondern eine differenzialdiagnostisch verwandte Konstellation dar.
Diagnostik
Der Verdacht ergibt sich typischerweise bei Diskrepanz zwischen Karyotyp und Phänotyp, etwa männlichem Phänotyp bei 46,XX oder weiblichem Phänotyp bei 46,XY. Die Abklärung umfasst eine Chromosomenanalyse mit konventioneller Karyotypisierung, ergänzt durch molekulargenetische Verfahren (z.B. FISH oder PCR) zum Nachweis von SRY und zur Lokalisation des translozierten Fragments.