Patientensicherheit
Definition
Unter Patientensicherheit versteht man einen Zustand, in dem die Schädigung von Patienten bei der medizinischen Versorgung vermieden oder bestmöglich reduziert wird. Die Herstellung der Patientensicherheit umfasst alle Maßnahmen und Strategien zur Reduktion von Behandlungsfehlern und vermeidbaren Risiken.
Hintergrund
Patientensicherheit ist ein zentrales Qualitätsmerkmal eines Gesundheitssystems. Sie überschneidet sich mit dem Qualitätsmanagement und dem klinischen Risikomanagement, fokussiert jedoch speziell die Vermeidung der Patientengefährdung im Behandlungsprozess.
Ursachen und Risikofaktoren
Die Sicherheit von Patienten kann durch eine Vielzahl von Faktoren gefährdet werden. Hierzu zählen unter anderem Kommunikationsprobleme, unklare Zuständigkeiten, organisatorische Mängel, unzureichende Standardisierung, Abweichungen von SOPs und Leitlinien, Dokumentationsfehler sowie Defizite bei der Verfügbarkeit von Personal oder Material. Vermeidbare unerwünschte Ereignisse entstehen meist nicht allein durch individuelles Fehlverhalten, sondern häufig durch systemische Schwächen. Daher beruht Patientensicherheit auf einem systemorientierten Ansatz, der Risiken frühzeitig identifiziert und durch geeignete Maßnahmen reduziert.
Ein Beispiel für systemorientierte Ansätze ist das Schweizer-Käse-Modell. Es beschreibt, dass unerwünschte Ereignisse meist dann entstehen, wenn mehrere Sicherheitsbarrieren gleichzeitig Lücken aufweisen und diese in einer kritischen Situation zusammentreffen.
Maßnahmen
Patientenidentifikation
Zu den grundlegenden Maßnahmen gehören die aktive Abfrage von Name und Geburtsdatum, die Verwendung eines Patientenarmbands sowie die eindeutige Zuordnung von Untersuchungen, Eingriffen und Dokumenten zur richtigen Person.
Arzneimittelgabe
Zur Vermeidung von Medikationsfehlern dient insbesondere die Anwendung der 6-R-Regel. Bei Hochrisikoarzneimitteln sind Doppelkontrollen, eine sichere Lagerung sowie eine eindeutige Kennzeichnung von Arzneimitteln von besonderer Bedeutung.
Vor der Gabe von Blutprodukten sind eine sorgfältige Identitätskontrolle und die Prüfung der Transfusionsunterlagen erforderlich. Während und nach der Transfusion müssen Patienten überwacht und Lagerungs- sowie Anwendungsrichtlinien eingehalten werden.
Versorgungsprozesse
Die Standardisierung von Abläufen durch SOPs, Leitlinien und Checklisten verbessert die Prozesssicherheit. Dies betrifft vor allem die strukturierte Planung, Durchführung und Kontrolle diagnostischer und therapeutischer Maßnahmen.
Dokumentation
Eine vollständige, zeitnahe und standardisierte Dokumentation in der Patientenakte ist eine wesentliche Voraussetzung für sichere Behandlungsabläufe. Sie dient der Informationsweitergabe, der Nachvollziehbarkeit und der rechtlichen Absicherung.
Hygiene
Die Prävention von Nosokomialinfektionen umfasst insbesondere konsequente Hygienemaßnahmen, vor allem die Händedesinfektion, sterile Arbeitsweisen und gegebenenfalls Isolationsmaßnahmen bei infektiösen Patienten.
Ausrüstung
Die sichere Anwendung von Medizingeräten setzt regelmäßige Wartungen, Funktionskontrollen, die sachgerechte Nutzung sowie die Verfügbarkeit von Notfallausrüstung voraus.
Ressourcenverfügbarkeit
Eine bedarfsgerechte Personalplanung sowie die ausreichende Bereitstellung von Betten, Arzneimitteln und Materialien sind wichtige Voraussetzungen, um Überlastungssituationen und daraus resultierende Sicherheitsrisiken zu vermeiden.
Präventionsmodelle
Speak-Up
Das Speak-Up-Konzept fördert eine Sicherheitskultur, in der Mitarbeitende auf Risiken, Unklarheiten oder mögliche Fehler aufmerksam machen können, ohne negative Konsequenzen befürchten zu müssen.
Checklisten
Checklisten reduzieren das Risiko, dass sicherheitsrelevante Prozessschritte übersehen werden. Sie kommen vor allem bei standardisierten und risikobehafteten Abläufen zum Einsatz, beispielsweise im OP oder bei Übergaben.
6-R-Regel und 10-R-Regel
Die 6-R-Regel und die 10-R-Regel dienen der strukturierten Vermeidung von Medikationsfehlern, indem sie zentrale Prüfschritte vor der Arzneimittelgabe festlegen.
Statistik (Deutschland)
Übersicht
Laut dem Medizinischen Dienst Bund wurden im Jahr 2025 insgesamt 12.304 Vorwürfe eines Behandlungsfehlers begutachtet. Davon entfielen:
- 3.731 auf festgestellte Fehler
- 3.301 auf festgestellte Schäden
- 2.825 auf kausale Zusammenhänge zwischen Fehler und Schaden
Die Auswertung zeigt, dass der überwiegende Anteil der geprüften Fälle keinen Behandlungsfehler ergab. Dies verdeutlicht, dass ein Verdacht auf einen Behandlungsfehler nicht mit dessen tatsächlichem Vorliegen gleichzusetzen ist:
- Kein Behandlungsfehler: 69,6 %
- Fehler ohne Schaden : 3,5 %
- Behandlungsfehler mit Schaden: 26,8 %
Im stationären Bereich treten dabei mehr Behandlungsfehler auf als im ambulanten Bereich.
Fachgebiete
Die meisten Vorwürfe entfielen auf folgende Fachgebiete:
- 29,8 % Orthopädie und Unfallchirurgie (3.664)
- 11,5 % Innere Medizin und Allgemeinmedizin (1.402)
- 8,9 % Frauenheilkunde und Geburtshilfe (1.097)
- 8,4 % Zahnmedizin (1.040)
- 7,9 % Allgemein- und Viszeralchirurgie (971)
- 6,7 % Pflege (827)
- 26,8 % weitere Fachgebiete (3.303)
Fehlerarten
Bezogen auf die 3.731 festgestellten Fehler ergab sich folgende Verteilung:
- 40,0 % Maßnahme fehlerhaft durchgeführt
- 40,6 % Maßnahme nicht durchgeführt
- 9,2 % Maßnahme zu spät durchgeführt
- 6,7 % Maßnahme nicht indiziert oder wenig erfolgversprechend
- 2,8 % Kontraindiziert
Schaden bei kausalem Fehler
Bei kausalem Fehler wurden folgende Schadensfolgen beschrieben:
- 32,6 % vorübergehender Schaden mit notwendiger Intervention
- 30,4 % vorübergehender Schaden mit notwendigem oder verlängertem Krankenhausaufenthalt
- 11,1 % leichter Dauerschaden
- 12,5 % mittelschwerer Dauerschaden
- 8,4 % schwerer Dauerschaden
- 2,3 % lebensrettende Maßnahme
- 2,7 % Tod
Quellen
- Behandlungsfehler-Jahresstatistik 2025 – Medizinischer Dienst Bund , abgerufen am 23.3.2026