Mini-ICF-APP
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LoslegenEnglisch: Mini-ICF rating for limitations of activities and participation in psychological disorders, Mini-ICF-APP Social Functioning Scale
Definition
Das Mini-ICF-APP, kurz für "Mini-ICF-Rating für Aktivitäts- und Partizipationsbeeinträchtigungen bei psychischen Erkrankungen", ist ein Fremdbeurteilungsinstrument aus der Psychiatrie. Es dient der systematischen Erfassung von Fähigkeitsbeeinträchtigungen bei psychischen Erkrankungen.
Hintergrund
Das Mini-ICF-APP orientiert sich an der Internationalen Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit (ICF) der WHO.[1] Es erschien 2009 als Handbuch.[2] Bereits 2005 veröffentlichten Linden und Baron das Mini-ICF-P, das Mini-ICF-Rating für psychische Störungen.[3]
Aus der ICF lassen sich die Fähigkeitsbeeinträchtigungen, die auf dem Boden einer psychischen Erkrankung entstehen, nicht ableiten. Das Mini-ICF-APP gibt dafür Fähigkeitsdimensionen vor, die bei psychischen Erkrankungen in der Regel beeinträchtigt sind.[1] Es beschreibt keine psychopathologischen Symptome, sondern deren Auswirkungen auf alltags- und berufsrelevante Fähigkeiten.[4][5] Beurteilt werden die Fähigkeiten, nicht die tatsächlich gezeigte Leistung.[6] Es handelt sich um ein Kurzinstrument mit 13 Items.[6] Es liegen Versionen in deutscher, englischer, französischer und italienischer Sprache vor.[5]
Das Verfahren ermöglicht eine differenzierte Beschreibung des Leistungsvermögens. Es kann dabei helfen, individuelle Fähigkeitsbeeinträchtigungen mit den Anforderungen einer konkreten Lebens- oder Arbeitssituation in Beziehung zu setzen.[4]
Dimensionen
Das Mini-ICF-APP umfasst 13 Fähigkeitsdimensionen:[7]
- Fähigkeit zur Anpassung an Regeln und Routinen
- Fähigkeit zur Planung und Strukturierung von Aufgaben
- Flexibilität und Umstellungsfähigkeit
- Kompetenz- und Wissensanwendung
- Entscheidungs- und Urteilsfähigkeit
- Proaktivität und Spontanaktivitäten
- Widerstands- und Durchhaltefähigkeit
- Selbstbehauptungsfähigkeit
- Konversation und Kontaktfähigkeit zu Dritten
- Gruppenfähigkeit
- Fähigkeit zu engen dyadischen Beziehungen
- Fähigkeit zur Selbstpflege und Selbstversorgung
- Mobilität und Verkehrsfähigkeit
Durchführung
Ein Beurteiler schätzt die Fähigkeiten des Patienten anhand eines klinischen Interviews und der Verhaltensbeobachtung ein. Dabei berücksichtigt er Angaben des Patienten selbst, seiner Angehörigen und anderer Behandler. Er muss den Patienten ausreichend kennen.[6]
Für die Bearbeitung und Auswertung werden rund 10 Minuten angesetzt[7], im Rahmen von Validierungsstudien ist der Zeitaufwand meist höher.[6] Für jede Fähigkeitsdimension wird eingeschätzt, wie stark sie beeinträchtigt ist. Maßgeblich sind die Anforderungen, die sich z.B. aus dem Beruf, der Ausbildung und der sozialen Rollen der Person ergeben..[6] Je nach Fragestellung legt man die Anforderungen des konkreten Arbeitsplatzes oder des allgemeinen Arbeitsmarkts zugrunde.[4]
Auswertung und Interpretation
Die Bewertung erfolgt in der Regel auf einer 5-stufigen Ordinalskala. "0" bedeutet keine Beeinträchtigung, "1" steht für eine leichte, "2" für eine mittelgradige, "3" für eine schwere und "4" für eine vollständige Beeinträchtigung.[6] Bei Stufe 3 besteht Unterstützungsbedarf, bei Stufe 4 ist die Aktivität eigenständig nicht mehr möglich.[5] Jede der 13 Dimensionen wird einzeln eingeschätzt. Zusätzlich kann ein Summenwert über alle Items berechnet werden.[5]
Aus den 13 Dimensionen ergibt sich ein individuelles Profil der Fähigkeitsbeeinträchtigungen. Anders als bei Symptomen lassen sich keine allgemeingültigen Schweregrenzen angeben, da erst die Anforderungen der Umwelt bestimmen, wann eine Einschränkung besteht.[4] Die Ergebnisse sind daher kontextbezogen (Lebens-, Sozial- oder Arbeitssituation) zu interpretieren.[4][5] Eine soziale Phobie kann beispielsweise die Tätigkeit als Lehrer stark, die Arbeit als wissenschaftliche Hilfskraft im Labor dagegen kaum beeinträchtigen.[5]
Gütekriterien
Berichtet werden gute bis sehr gute Kennwerte zur internen Konsistenz, Test-Retest-Reliabilität und Interrater-Reliabilität.[8][6] Die Objektivität wird durch ein strukturiertes Fremdratingschema mit definierten Fähigkeitsdimensionen unterstützt. Für jede Dimension liegen im Manual Ankerdefinitionen und Interviewfragen vor.[6] Die Validität wurde durch Zusammenhänge mit anderen Maßen der Krankheitsschwere und des Funktionsniveaus gestützt.[8]
Einschränkungen
Wie andere Fremdbeurteilungsverfahren ist das Mini-ICF-APP von der Erfahrung der Beurteiler abhängig.[6][9] Die Beurteilung wird durch den jeweiligen Kontext, etwa die untersuchte Tätigkeit und die soziale Bezugsgruppe, beeinflusst. Uneinheitliche oder unklar definierte Referenzkontexte können zu einer geringen Übereinstimmung der Beurteiler führen.[4][9] Das Instrument beschreibt funktionelle Beeinträchtigungen auf den Ebenen Aktivität und Teilhabe und ersetzt weder die Diagnose nach ICD oder DSM noch die Beurteilung der Leistungsfähigkeit im Abgleich mit dem Anforderungsprofil.[4] Trotz mehrerer Validierungsstudien wird die Evidenz für den klinischen Nutzen und die Interpretation des Summenwerts als begrenzt beschrieben.[10]
Anwendungsbereiche
Das Mini-ICF-APP wird insbesondere in folgenden Bereichen eingesetzt:[7][5]
- Psychiatrie
- Psychotherapie
- psychosomatische Rehabilitation
- Sozialmedizin
- berufliche Rehabilitation
- Begutachtung
- Beurteilung der Arbeitsfähigkeit und beruflichen Leistungsfähigkeit
Eine besondere Bedeutung hat das Verfahren in der sozialmedizinischen Beurteilung. Individuelle Fähigkeitsbeeinträchtigungen können den konkreten Anforderungen einer Tätigkeit gegenübergestellt werden.[4] In der psychiatrischen Rehabilitation dient es häufig der Beurteilung des Behandlungsverlaufs und der Einschätzung der Rückkehr an den Arbeitsplatz.[5]
Varianten
Es existieren weitere Varianten des Verfahrens. Hierzu gehören insbesondere die Selbstrating-Version Mini-ICF-APP-S[11] sowie die Version zur Erfassung von Arbeitsanforderungen (Mini-ICF-APP-W). Für die Beschreibung der Fähigkeit zum selbständigen Leben gibt es zudem eine Variante zur Haushaltsführung (Mini-ICF-APP-H).[1]
Quellen
- ↑ 1,0 1,1 1,2 Linden M, Baron S, Muschalla B, Ostholt-Corsten M. Fähigkeitsbeeinträchtigungen bei psychischen Erkrankungen. Diagnostik, Therapie und sozialmedizinische Beurteilung in Anlehnung an das Mini-ICF-APP. 2., überarb. u. erw. Aufl. Bern: Hogrefe; 2022. S. 9.
- ↑ Linden M, Baron S, Muschalla B. Mini-ICF-Rating für Aktivitäts- und Partizipationsstörungen bei psychischen Erkrankungen (Mini-ICF-APP). Bern: Hans Huber; 2009.
- ↑ Linden M, Baron S. Das Mini-ICF-Rating für Psychische Störungen (Mini-ICF-P). Ein Kurzinstrument zur Beurteilung von Fähigkeitsstörungen bei psychischen Erkrankungen. Rehabilitation (Stuttg). 2005;44(3):144–151.
- ↑ 4,0 4,1 4,2 4,3 4,4 4,5 4,6 4,7 AWMF. S2k-Leitlinie Begutachtung psychischer und psychosomatischer Störungen. AWMF-Registernummer 051-029. Stand 01.12.2019 (Teil I Kap. 2.5.2, Teil II Kap. 2.1). Im AWMF-Register als abgelaufen gekennzeichnet, in Überarbeitung. Abgerufen am 07.10.2026.
- ↑ 5,0 5,1 5,2 5,3 5,4 5,5 5,6 5,7 Jaeger S, Uhlmann C, Bichescu-Burian D, Flammer E, Steinert T, Schmid P. One-year follow-up of functional impairment in inpatients with mood and anxiety disorders – Potentials of the Mini-ICF-APP. BMC Psychiatry. 2022;22:334.
- ↑ 6,0 6,1 6,2 6,3 6,4 6,5 6,6 6,7 6,8 Balestrieri M, Isola M, Bonn R, Tam T, Vio A, Linden M, Maso E. Validation of the Italian version of Mini-ICF-APP, a short instrument for rating activity and participation restrictions in psychiatric disorders. Epidemiol Psychiatr Sci. 2013;22(1):81–91.
- ↑ 7,0 7,1 7,2 Mini-ICF-Rating für Aktivitäts- und Partizipationsbeeinträchtigungen bei psychischen Erkrankungen. Hogrefe, abgerufen am 07.10.2026
- ↑ 8,0 8,1 Molodynski A, Linden M, Juckel G, Yeeles K, Anderson C, Vazquez-Montes M, Burns T. The reliability, validity, and applicability of an English language version of the Mini-ICF-APP. Soc Psychiatry Psychiatr Epidemiol. 2013;48:1347–1354.
- ↑ 9,0 9,1 Burri M, Werk LP, Berchtold A, Pugliese M, Muschalla B. Mini-ICF-APP inter-rater reliability and development of capacity disorders over the course of a vocational training program – a longitudinal study. J Psychosoc Rehabil Ment Health. 2021;8(2):159–169.
- ↑ Egger ST, Weniger G, Müller M, Bobes J, Seifritz E, Vetter S. Assessing the severity of functional impairment of psychiatric disorders: equipercentile linking the mini-ICF-APP and CGI. Health Qual Life Outcomes. 2019;17:174.
- ↑ Linden M, Keller L, Noack N, Muschalla B. Self-rating of capacity limitations in mental disorders: the "Mini-ICF-APP-S". Praxis Klinische Verhaltensmedizin und Rehabilitation. 2018;101:14–22.