Mini-ICF-APP
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Englisch: Mini-ICF rating for limitations of activities and participation in psychological disorders
Definition
Das Mini-ICF-APP, kurz für Mini-ICF-Rating für Aktivitäts- und Partizipationsbeeinträchtigungen bei psychischen Erkrankungen, ist ein Fremdbeurteilungsinstrument zur Erfassung und Quantifizierung von Fähigkeitsbeeinträchtigungen bei Menschen mit psychischen Erkrankungen. Es orientiert sich an der Internationalen Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit (ICF) der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und dient insbesondere der Beschreibung von Beeinträchtigungen von Aktivitäten und Teilhabe.
Hintergrund
Das Mini-ICF-APP wurde zur systematischen Erfassung von Fähigkeitsbeeinträchtigungen bei psychischen Erkrankungen entwickelt. Im Mittelpunkt stehen dabei nicht primär psychopathologische Symptome, sondern deren Auswirkungen auf alltags- und berufsrelevante Fähigkeiten.
Das Verfahren ermöglicht eine differenzierte Beschreibung des funktionellen Leistungsvermögens. Es kann dabei helfen, individuelle Fähigkeitsbeeinträchtigungen mit den Anforderungen einer konkreten Lebens- oder Arbeitssituation in Beziehung zu setzen.
Fähigkeitsdimensionen
Das Mini-ICF-APP umfasst 13 Fähigkeitsdimensionen:[1]
- Anpassung an Regeln und Routinen
- Planung und Strukturierung von Aufgaben
- Flexibilität und Umstellungsfähigkeit
- Kompetenz- und Wissensanwendung
- Entscheidungs- und Urteilsfähigkeit
- Proaktivität und Spontanaktivitäten
- Widerstands- und Durchhaltefähigkeit
- Selbstbehauptungsfähigkeit
- Kontaktfähigkeit (zu Dritten)
- Gruppenfähigkeit
- Fähigkeit zu engen dyadischen Beziehungen
- Selbstpflege und Selbstversorgung
- Mobilität und Verkehrsfähigkeit
Die einzelnen Dimensionen erfassen unterschiedliche Bereiche der psychischen Leistungs- und Funktionsfähigkeit. Dadurch können sowohl Einschränkungen bei der Bewältigung alltäglicher Anforderungen als auch Beeinträchtigungen im sozialen und beruflichen Kontext beschrieben werden.
Durchführung und Beurteilung
Die Beurteilung erfolgt als Fremdbeurteilung, beispielsweise auf Grundlage eines klinischen Interviews und der Verhaltensbeobachtung. Für die einzelnen Fähigkeitsdimensionen wird der Grad der Beeinträchtigung eingeschätzt.
Das Verfahren ermöglicht dadurch eine strukturierte Beschreibung des funktionellen Leistungsvermögens über die reine Erfassung psychopathologischer Symptome hinaus. Die erhobenen Fähigkeitsbeeinträchtigungen können anschließend im Zusammenhang mit den konkreten Anforderungen einer Tätigkeit oder Lebenssituation betrachtet werden.
Auswertung und Interpretation
Die Bewertung erfolgt in der Regel auf einer ordinalen Skala von 0 bis 4, wobei höhere Werte stärkere Fähigkeitsbeeinträchtigungen anzeigen.[2] Aus den 13 Fähigkeitsdimensionen wird ein Profil der funktionellen Beeinträchtigungen gebildet; die Einzelwerte werden nicht als Symptomschwere, sondern als Ausmaß der Einschränkung in spezifischen Aktivitäts- und Partizipationsbereichen verstanden.[2] Die Ergebnisse sind kontextbezogen zu interpretieren, da die Bedeutung einer Beeinträchtigung von den konkreten Anforderungen einer Lebens-, Sozial- oder Arbeitssituation abhängt.[2]
Gütekriterien
Für das Mini-ICF-APP liegen für verschiedene Sprachversionen gute bis sehr gute Kennwerte zur internen Konsistenz, Test-Retest-Reliabilität und Interrater-Reliabilität vor.[3][4] Die Objektivität wird durch ein strukturiertes Fremdratingschema und definierte Fähigkeitsdimensionen unterstützt.[2] Die Validität wurde durch Zusammenhänge mit funktionellen Einschränkungen und klinischen Variablen sowie durch die Einordnung in das ICF-Konzept gestützt.[3][5]
Einschränkungen
Wie andere Fremdbeurteilungsverfahren ist das Mini-ICF-APP von der Qualität der Informationen, der klinischen Erfahrung und der Schulung der Beurteiler abhängig.[2] Die Beurteilung kann durch den jeweiligen Kontext, etwa die untersuchte Tätigkeit, die aktuelle Belastungssituation und die soziale Einbettung, beeinflusst sein.[2] Das Instrument dient der Beschreibung funktioneller Beeinträchtigungen und ersetzt weder eine psychopathologische Diagnostik noch eine eigenständige arbeitsmedizinische oder sozialmedizinische Leistungsbeurteilung.[2]
Anwendungsbereiche
Das Mini-ICF-APP wird insbesondere in folgenden Bereichen eingesetzt:
- Psychiatrie
- Psychotherapie
- psychosomatische Rehabilitation
- Sozialmedizin
- berufliche Rehabilitation
- Beurteilung der Arbeitsfähigkeit und beruflichen Leistungsfähigkeit
Eine besondere Bedeutung hat das Verfahren in der sozialmedizinischen Beurteilung. Dabei können individuelle Fähigkeitsbeeinträchtigungen den konkreten Anforderungen einer Tätigkeit gegenübergestellt werden. Das Instrument ermöglicht somit eine tätigkeits- und anforderungsbezogene Betrachtung funktioneller Einschränkungen. Die Nationale VersorgungsLeitlinie Unipolare Depression weist darauf hin, dass Instrumente wie das Mini-ICF-APP vorwiegend für die Begutachtung und rehabilitative Bedarfsermittlung entwickelt wurden und für die klinische Praxis bei depressiven Erkrankungen nur bedingt geeignet erscheinen.[6]
Varianten
Neben der Fremdbeurteilung mit dem Mini-ICF-APP existieren weitere Varianten des Verfahrens. Hierzu gehören insbesondere die Selbstrating-Version Mini-ICF-APP-S sowie die Version zur Erfassung von Arbeitsanforderungen (Mini-ICF-APP-W).
Literatur
- Linden M, Baron S, Muschalla B: Mini-ICF-Rating für Aktivitäts- und Partizipationsbeeinträchtigungen bei psychischen Erkrankungen (Mini-ICF-APP). 2., überarbeitete und erweiterte Auflage. Hans Huber, 2015.
- Linden M, Baron S, Muschalla B, Ostholt-Corsten M: Fähigkeitsbeeinträchtigungen bei psychischen Erkrankungen. Diagnostik, Therapie und sozialmedizinische Beurteilung in Anlehnung an das Mini-ICF-APP. Hogrefe, 2022.
Quellen
- ↑ Hogrefe: Mini-ICF-Rating für Aktivitäts- und Partizipationsbeeinträchtigungen bei psychischen Erkrankungen, 2., überarbeitete und erweiterte Auflage 2015, abgerufen am 06.10.2026
- ↑ 2,0 2,1 2,2 2,3 2,4 2,5 2,6 Linden, Mini-ICF-Rating für Aktivitäts- und Partizipationsbeeinträchtigungen bei psychischen Erkrankungen, 2., überarbeitete und erweiterte Auflage, Hans Huber, 2015
- ↑ 3,0 3,1 Molodynski et al., The reliability, validity, and applicability of an English language version of the Mini-ICF-APP, Soc Psychiatry Psychiatr Epidemiol, 2013
- ↑ Ružička, Validation of the Italian version of Mini-ICF-APP, a short instrument for rating activity and participation restrictions in psychiatric disorders, 2012, abgerufen am 06.10.2026
- ↑ MINI-ICF-APP - Mini-ICF-Rating für Aktivitäts- und Partizipationsbeeinträchtigungen bei psychischen Erkrankungen, abgerufen am 06.10.2026
- ↑ Nationale VersorgungsLeitlinie Unipolare Depression – Langfassung, Version 3.2, 2022, AWMF-Registernummer nvl-005, abgerufen am 06.10.2026