Metakognitives Training
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LoslegenSynonym: Metakognitives Training für Psychosen
Englisch: metacognitive training, MCT
Definition
Das metakognitive Training, kurz MKT, ist ein psychoedukativ ausgerichtetes Gruppenverfahren aus dem Spektrum der kognitiven Verhaltenstherapie. Es wurde für Patienten mit Erkrankungen aus dem schizophrenen Formenkreis entwickelt. Ziel ist es, kognitive Verzerrungen bewusst zu erkennen und zu hinterfragen, die zur Entstehung und Aufrechterhaltung von Positivsymptomatik, insbesondere von Wahn, beitragen. Zugleich vermittelt das MKT alternative Denk- und Problemlösestrategien.[1]
Abgrenzung
Vom metakognitiven Training abzugrenzen ist die metakognitive Therapie nach Adrian Wells als eigenständiges Verfahren.[2][1]
Hintergrund
Das MKT wurde von Steffen Moritz (Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, UKE) und Todd Woodward (University of British Columbia, Vancouver) entwickelt.[3][1] Die Entwicklung begann Anfang der 2000er-Jahre. Das Trainingsprogramm wird seitdem am UKE eingesetzt und fortlaufend wissenschaftlich weiterentwickelt.[1] Das MKT setzt an folgenden kognitiven Verzerrungen an:[3][1]
- voreiliges Schlussfolgern
- Überkonfidenz bei fehlerhaften Urteilen und Erinnerungen
- mangelnde Korrigierbarkeit bei Gegenevidenz
- verzerrter Attributionsstil
- soziale Kognition, insbesondere Theory of Mind
Ergänzend werden Stimmung, Selbstwert und Stigma bearbeitet.[1]
Aufbau und Durchführung
Das MKT für Psychosen umfasst in der aktuellen Fassung 10 Module.[4][1] Die ursprüngliche Standardversion bestand aus 8 Modulen. Die erweiterte Version ergänzt Module zu Selbstwert und Stigma.[1] Das MKT wird in offenen Gruppen durchgeführt, häufig zweimal pro Woche, je nach Setting auch seltener.[1][5] Da die Module in sich abgeschlossen sind, ist ein fortlaufender Einstieg möglich.[1]
Die Inhalte werden multimedial, präsentationsgestützt mit Übungen vermittelt.[5] Typische Denkfehler werden zunächst an neutralem Material erlebt. Erst danach werden sie auf eigene Erfahrungen und Symptome übertragen.[5][1] Dabei wird offen vermittelt, warum die Übungen durchgeführt werden. Nach Auffassung der Entwickler wirkt es dabei normalisierend, Denkverzerrungen als Phänomen darzustellen, das alle Menschen betrifft.[1] Dieser "Hintertür-Ansatz" ermöglicht eine wenig konfrontative Auseinandersetzung mit den eigenen Denkverzerrungen.[1]
Das MKT+ ist eine Einzeltherapievariante mit einer stärkeren Komponente der kognitiven Verhaltenstherapie.[4] Die Materialien werden vom UKE in zahlreichen Sprachen bereitgestellt. Ergänzend gibt es E-Learning-Angebote für Anwender.[1]
Adaptionen
Primär dient das MKT der Behandlung von Erkrankungen aus dem schizophrenen Formenkreis mit Wahnsymptomatik. Für weitere Indikationen und Settings existieren angepasste Module:
- Depression (D-MKT)[6]
- Borderline-Persönlichkeitsstörung (B-MKT)[7]
- Zwangsstörung (Z-MKT)[8]
- psychiatrische Akutstationen (MKT-Akut, 7 Module, zweimal pro Woche)[5]
Für B-MKT, Z-MKT und das MKT-Akut liegen bislang (2026) Pilot- bzw. vorläufige Studien vor, für Psychosen dagegen zahlreiche randomisierte Studien und Metaanalysen. In einer randomisierten Studie an stationär behandelten Patienten mit Major Depression (n = 75) war das D-MKT einer aktiven Kontrollintervention hinsichtlich der Depressionsschwere nicht überlegen, wurde von den Patienten aber gut angenommen.[6]
Limitationen
Das MKT ist eine ergänzende Intervention und ersetzt weder die akute psychiatrische Behandlung noch eine leitliniengerechte Psychopharmakotherapie oder Psychotherapie.[5][9][10] Es ist für Patienten mit leichtem bis mäßigem Wahn vorgesehen. Die Entwickler empfehlen es nicht bei:[1]
- schwerem Wahn, wenn sich die Patienten nicht auf eine Auseinandersetzung mit den Inhalten einlassen
- erheblicher formaler Denkstörung
- Feindseligkeit oder dissozialem Verhalten
Bei akuter Exazerbation empfehlen die Entwickler statt des Standard-Gruppen-MKT ein individualisiertes Vorgehen mit dem MKT+ oder das MKT-Akut.[1][4]
Das MKT-Akut war in einer unkontrollierten Pilotstudie auf geschlossenen Akutstationen durchführbar. Ausgewertet wurden nur 37 von 75 Patienten, rund die Hälfte der Sitzungen wurde nicht besucht. Vom Personal beurteilte unerwünschte Ereignisse wurden nicht auf das Training zurückgeführt. Teilnehmer bemängelten selbst unter anderem, dass ihre Bedürfnisse zu wenig berücksichtigt wurden. Ausschlusskriterien der Studie waren unzureichende Deutschkenntnisse, Intelligenzminderung und Demenz.[5]
Wirksamkeit
Metaanalysen zeigen moderate Effekte auf Positivsymptomatik und Wahn sowie kleinere Effekte auf Halluzinationen, Negativsymptomatik, Selbstwert und kognitive Verzerrungen. Das Funktionsniveau verbesserte sich ebenfalls, die Effekte waren bis zu einem Jahr nachweisbar.[11] Auch auf die Krankheitseinsicht zeigen neuere Metaanalysen Effekte.[1] In einer randomisierten Studie mit einem neuropsychologischen Training als Kontrollbedingung waren nach drei Jahren Wahnsymptomatik, Selbstwert und Lebensqualität stärker gebessert, der Effekt auf den Wahn war klein. Selbstwert und Lebensqualität zeigten sich erst zu diesem späten Zeitpunkt ("sleeper effects“).[9] Die Akzeptanz des MKT ist hoch.[12]
Einschränkend ist die Qualität der Evidenz: Ein Meta-Review fand keine Metaanalyse mit moderater oder hoher methodischer Qualität.[13] Eine internationale Bewertung der Evidenz kommt trotz teils erhöhtem Verzerrungsrisiko der Studien zu einer starken Empfehlung für das MKT bei Positivsymptomatik, Wahn und Gesamtsymptomatik unmittelbar nach der Behandlung.[4]
Die S3-Leitlinie Schizophrenie spricht zur Reduktion der Positivsymptomatik eine starke Empfehlung für das MKT aus.[10]
Quellen
- ↑ 1,00 1,01 1,02 1,03 1,04 1,05 1,06 1,07 1,08 1,09 1,10 1,11 1,12 1,13 1,14 1,15 1,16 Moritz S, Menon M, Balzan R, Woodward TS. Metacognitive training for psychosis (MCT): past, present, and future. Eur Arch Psychiatry Clin Neurosci. 2023;273(4):811-817.
- ↑ Lysaker PH, Gagen E, Moritz S, Schweitzer RD. Metacognitive approaches to the treatment of psychosis: a comparison of four approaches. Psychol Res Behav Manag. 2018;11:341-351.
- ↑ 3,0 3,1 Moritz S, Woodward TS. Metacognitive training in schizophrenia: from basic research to knowledge translation and intervention. Curr Opin Psychiatry. 2007;20(6):619-625.
- ↑ 4,0 4,1 4,2 4,3 Goncalves A, Ochoa S, Moritz S, et al. Metacognitive training (MCT) for psychosis: a systematic review and grade recommendations. Eur Psychiatry. 2025;68(1):e80.
- ↑ 5,0 5,1 5,2 5,3 5,4 5,5 Fischer R, Nagel M, Schöttle D, Lüdecke D, Lassay F, Moritz S, et al. Metacognitive training in the acute psychiatric care setting: feasibility, acceptability, and safety. Front Psychol. 2023;14:1247725.
- ↑ 6,0 6,1 Hauschildt M, Arlt S, Moritz S, Yassari AH, Jelinek L. Efficacy of metacognitive training for depression as add-on intervention for patients with depression in acute intensive psychiatric inpatient care: A randomized controlled trial. Clin Psychol Psychother. 2022;29(5):1542-1555.
- ↑ Schilling L, Moritz S, Kriston L, Krieger M, Nagel M. Efficacy of metacognitive training for patients with borderline personality disorder: preliminary results. Psychiatry Res. 2018;262:459-464.
- ↑ Miegel F, Demiralay C, Sure A, Moritz S, Hottenrott B, Cludius B, et al. The metacognitive training for obsessive-compulsive disorder: a pilot study. Curr Psychol. 2022;41:7114-7124.
- ↑ 9,0 9,1 Moritz S, Veckenstedt R, Andreou C, et al. Sustained and "sleeper" effects of group metacognitive training for schizophrenia: a randomized clinical trial. JAMA Psychiatry. 2014;71(10):1103-1111.
- ↑ 10,0 10,1 DGPPN. S3-Leitlinie Schizophrenie – Living Guideline, Langfassung, Version 5.0. AWMF-Registernummer 038-009. Stand 13.06.2026. Verfügbar unter: S3-Leitlinie Schizophrenie, abgerufen am 05.10.2026
- ↑ Penney D, Sauvé G, Mendelson D, Thibaudeau É, Moritz S, Lepage M. Immediate and Sustained Outcomes and Moderators Associated With Metacognitive Training for Psychosis: A Systematic Review and Meta-analysis. JAMA Psychiatry. 2022;79(5):417-429.
- ↑ Eichner C, Berna F. Acceptance and efficacy of metacognitive training (MCT) on positive symptoms and delusions in patients with schizophrenia: a meta-analysis taking into account important moderators. Schizophr Bull. 2016;42(4):952-962.
- ↑ Meinhart A, Sauvé G, Schmueser A, et al. Metacognitive training for psychosis (MCT): a systematic meta-review of its effectiveness. Transl Psychiatry. 2025;15(1):156.