Kriegszitterer
Englisch: shell shock
Definition
Als Kriegszitterer wurden im deutschsprachigen Raum vor allem im und nach dem Ersten Weltkrieg Soldaten bezeichnet, die nach Front- und Kampferlebnissen ausgeprägte Zitter-, Lähmungs-, Sprach- oder Bewusstseinsstörungen sowie Angst- und Übererregungssymptome entwickelten. Der Ausdruck ist heute obsolet.
Historischer Kontext
Der Militärarzt Charles S. Myers publizierte anfang des 20. Jahrhunderts frühe Fallbeschreibungen in The Lancet. In der damaligen Medizin kursierten neben "Kriegszitterer" Sammelbezeichnungen wie "Kriegsneurose", "Zitterneurose", "Kriegshysterie", "Neurasthenie" oder "Nervenschock". Im Englischen wurde das Phänomen als "shell shock" ("Granatenschock") beschrieben.
Die ursprüngliche Idee, Druckwellen von Explosionen würden physische Läsionen des Nervensystems verursachen, wurde später durch psychologische und neuropsychiatrische Erklärungen ergänzt, da viele Betroffene ohne nachweisbare Verletzungen schwere Symptome zeigten.
Historisch umfasste das Behandlungsspektrum sowohl Erholungsmaßnahmen und Gesprächstherapien als auch teilweise unethische und nicht evidenzbasierte "Schnellheil"-Methoden, wie etwa elektrische Behandlungsverfahren (z.B. die Kaufmann-Kur).
Heutige Terminologie
Aus heutiger Sicht wird das Beschwerdebild je nach Symptomkonstellation mit folgenden Begriffen beschrieben, wobei keine 1:1-Entsprechung vorliegt:
- Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS/PTSD), ggf. auch komplexe PTBS bei länger andauernder/extremer Traumatisierung
- Akute Stressreaktionen (frühe, vorübergehende Reaktionen nach Extrembelastung)
- Dissoziative/funktionelle neurologische Symptome (historisch oft als "Konversionssymptome" beschrieben; z. B. Mutismus, Gangstörung, Lähmung ohne organischen Befund)
Heute gelten bei Trauma- und Stressfolgeerkrankungen evidenzbasierte psychotherapeutische Ansätze als Standard. Die Behandlung richtet sich nach Diagnose, Symptomschwere, Komorbidität und Sicherheitsaspekten.