Dynamic Visual Acuity Test
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LoslegenSynonym: dynamische Sehschärfeprüfung
Englisch: dynamic visual acuity test
Definition
Der Dynamic Visual Acuity Test, kurz DVAT, ist ein klinischer Funktionstest zur Beurteilung der Blickstabilisierung bei Kopfbewegungen. Er dient vor allem der Beurteilung der vestibulookulären Reflexfunktion (VOR). Der Test vergleicht die statische Sehschärfe (SVA) bei ruhig gehaltenem Kopf mit der dynamischen Sehschärfe (DVA) während passiver oder aktiver, rascher Kopfbewegung.
Hintergrund
Die DVA ist keine zweite Form der Visusmessung, sondern erfasst die Veränderung der visuellen Auflösung unter definierter Kopfbewegung und damit indirekt die Fähigkeit zur Blickstabilisierung.[1]
Physiologie
Der VOR stabilisiert das Netzhautbild eines fixierten Objekts bei Kopfbewegungen durch kompensatorische Augenbewegungen mit sehr kurzer Latenz. Bei gestörtem VOR – etwa bei uni- oder bilateraler Vestibulopathie – kommt es während Kopfbewegungen zu retinaler Bildinstabilität ("retinal slip"), die sich klinisch als Oszillopsie und als messbare Verschlechterung der Sehschärfe unter Bewegung äußert. Diesen Effekt nutzt der DVAT diagnostisch.[1]
Durchführung
Bedside-Test
Für die einfache klinische Version werden eine Sehprobentafel (Snellen- oder logMAR-Optotypen) in Augenhöhe, üblicherweise in 3–6 m Entfernung, sowie ein Untersucher benötigt, der hinter dem sitzenden Patienten steht.[2]
- Statische Sehschärfe: Der Patient liest bei ruhig gehaltenem Kopf die kleinste noch sicher erkennbare Zeile; diese wird notiert.
- Dynamische Sehschärfe: Der Untersucher rotiert den Kopf des Patienten passiv horizontal, in publizierten Protokollen mit einer Frequenz um etwa 2 Hz, während der Patient weiterhin die kleinste erkennbare Zeile benennt. Entscheidend für die Testgüte ist dabei weniger die Frequenz an sich als eine ausreichende, möglichst konstante Kopfgeschwindigkeit.[2][3]
- Eine vorhandene Brillenkorrektur wird während des gesamten Tests belassen.
Apparative Verfahren
Zur besseren Standardisierung und Kontrolle der Kopfgeschwindigkeit wurden apparative Varianten entwickelt. Beim computerisierten DVAT werden Optotypen erst ab einer sensorisch erfassten Mindestkopfgeschwindigkeit (z.B. >180°/s) präsentiert.[3] Beim Laufband-DVAT wird die Sehschärfe während aktiver Fortbewegung bei unterschiedlichen Gehgeschwindigkeiten geprüft. Bei Patienten mit bilateraler Vestibulopathie zeigt sich dabei ein größerer DVA-Verlust als bei gesunden Kontrollpersonen, der mit zunehmender Gehgeschwindigkeit ausgeprägter wird.[4] Daneben existieren Drehstuhlprotokolle mit sinusoidaler oder unvorhersehbarer transienter Rotation, der funktionelle Kopfimpulstest (fHIT) als Kombination aus Kopfimpulstest und Visusprüfung sowie pädiatrische Adaptationen, etwa im Rahmen des National Institutes of Health Toolbox Vestibular Function Assessment.[5][3] Bei Kindern werden altersgerechte Optotypen verwendet. Ein nicht instrumentierter horizontaler DVAT bei 2 Hz ist in der Regel ab etwa drei Jahren möglich, wobei die Durchführbarkeit ab vier Jahren deutlich zuverlässiger ist.
Auswertung
Als häufig verwendetes Kriterium gilt ein Abfall der dynamischen gegenüber der statischen Sehschärfe um drei oder mehr Zeilen, während ein Unterschied von zwei oder weniger Zeilen als unauffällig gewertet wird.[6] Dieser Cut-off ist protokollabhängig und nicht als universeller Grenzwert für alle DVA-Verfahren zu verstehen, da sich Testaufbau, Bewegungsreiz und Zielgruppe zwischen den Studien unterscheiden.
Klinische Bedeutung
Ein auffälliger DVAT spricht für eine gestörte VOR-Funktion. Er findet sich typischerweise bei unilateraler Vestibulopathie (z.B. Neuritis vestibularis, Zustand nach Labyrinthektomie), bei bilateraler Vestibulopathie – hier häufig besonders ausgeprägt[4] – sowie bei zerebellärer Ataxie mit begleitender VOR-Beeinträchtigung. Dabei korreliert das Ausmaß der DVA-Verschlechterung eher mit dem Grad der vestibulären Störung als mit dem Schweregrad der Ataxie.[7] Auch bei vestibulärer Migräne kann die DVA beeinträchtigt sein und als ergänzender funktioneller Parameter dienen.
Die Sensitivität für unilaterale Läsionen ist am höchsten bei unvorhersehbaren, transienten Kopfbewegungen: Bei vorhersehbaren, rhythmischen Bewegungen können zentrale prädiktive Augenbewegungsstrategien VOR-Defizite teilweise kompensieren und so falsch-negative Ergebnisse begünstigen.[5]
Der DVAT eignet sich außerdem zur Verlaufskontrolle unter vestibulärer Rehabilitation: Nach gezieltem Gleichgewichtstraining zeigt sich bei Patienten mit bilateraler Vestibulopathie eine signifikante Verbesserung der DVA-Werte, was den Test zu einem geeigneten Outcome-Parameter in Physiotherapie und Neurootologie macht.[8]
Limitationen
Als einfacher Bedside-Test ist der DVAT rasch durchführbar und benötigt keine apparative Ausstattung, ist jedoch untersucherabhängig und weniger standardisiert als apparative Verfahren wie der Video-Kopfimpulstest (vHIT) oder computerisierte DVAT-Systeme. Bei der Interpretation sollten zudem Einflussfaktoren wie Lebensalter, statische Sehschärfe, unkorrigierte Refraktionsfehler bzw. Brillenkorrektur[9] sowie Koffein- und Alkoholkonsum[1] berücksichtigt werden. Auch die Entfernung des Blickziels beeinflusst das Ergebnis. Für Verlaufsuntersuchungen müssen Zielentfernung und Testaufbau konstant gehalten werden.
Passive Kopfrotationen sollten bei instabilen oder akuten Verletzungen der Halswirbelsäule, ausgeprägten Nackenschmerzen oder deutlich eingeschränkter Beweglichkeit vermieden oder angepasst werden.
Quellen
- ↑ 1,0 1,1 1,2 Chen G, Zhang J, Qiao Q, et al. Advances in dynamic visual acuity test research. Front Neurol. 2023;13:1047876. Published 2023 Jun 23.
- ↑ 2,0 2,1 Camet ML, Hayashi SS, Sinks BC, et al. Determining the prevalence of vestibular screening failures in pediatric cancer patients whose therapies include radiation to the head/neck and platin-based therapies: A pilot study. Pediatr Blood Cancer. 2018;65:e26992.
- ↑ 3,0 3,1 3,2 Rine RM, Schubert MC, Whitney SL, et al. Vestibular function assessment using the NIH Toolbox. Neurology. 2013;80(11 Suppl 3):S25-S31.
- ↑ 4,0 4,1 Starkov D, Snelders M, Lucieer F, et al. Bilateral vestibulopathy and age: experimental considerations for testing dynamic visual acuity on a treadmill. J Neurol. 2020;267(Suppl 1):265-272.
- ↑ 5,0 5,1 Tian JR, Shubayev I, Demer JL. Dynamic visual acuity during passive and self-generated transient head rotation in normal and unilaterally vestibulopathic humans. Exp Brain Res. 2002;142(4):486-495.
- ↑ Pinninti S, Christy J, Almutairi A, Cochrane G, Fowler KB, Boppana S. Vestibular, Gaze, and Balance Disorders in Asymptomatic Congenital Cytomegalovirus Infection. Pediatrics. 2021;147(2):e20193945.
- ↑ Dankova M, Jerabek J, Jester DJ, et al. Clinical dynamic visual acuity in patients with cerebellar ataxia and vestibulopathy. PLoS One. 2021;16(7):e0255299. Published 2021 Jul 29.
- ↑ Herdman SJ, Hall CD, Schubert MC, Das VE, Tusa RJ. Recovery of dynamic visual acuity in bilateral vestibular hypofunction. Arch Otolaryngol Head Neck Surg. 2007;133(4):383-389.
- ↑ Wang Y, et al. Binocular Dynamic Visual Acuity in Eyeglass-Corrected Myopic Patients. Journal of Visualized Experiments. 2022.