Clichy-Kriterien
Synonym: Clichy-Villejuif-Kriterien
Definition
Die Clichy-Kriterien sind ein prognostischer Score zur Beurteilung der Notwendigkeit einer Lebertransplantation bei akutem Leberversagen. Sie wurden primär für eine fulminante Hepatitis B validiert. Ihre Anwendung bei anderen Ätiologien ist limitiert.
Hintergrund
Die Clichy-Kriterien umfassen zwei Parameter:
- Hepatische Enzephalopathie Grad 3 oder 4 (nach West-Haven-Klassifikation)
- Konzentration von Faktor V < 20% (Patientenalter < 30 Jahre), < 30% (Patienentalter > 30 Jahre)
Wenn diese Kriterien erfüllt sind, ist das Risiko für einen letalen Verlauf erhöht.
Faktor V ist für diese Fragestellung besonders geeignet, weil er eine kurze Halbwertszeit hat und nicht in Prothrombinkomplex-Konzentraten enthalten ist, die bei der Therapie des Leberversagens eingesetzt werden.
Aussagekraft
Die Clichy-Kriterien haben aufgrund ihrer geringeren Spezifität im Vergleich zu anderen Scores (King's College Kriterien, MELD-Score) eine eingeschränktere klinische Anwendung. Gemäß Leitlinien ist eine multimodale Bewertung (Klinik, INR, Laktat, Kreatinin, Ätiologie, Patientenwunsch) für die Entscheidung über eine Transplantationsnotwendigkeit essentiell.
Der Score wurde bei Patienten mit fulminant verlaufender Hepatitis B erstellt. Seine Übertragung auf andere Ursachen eines akuten Leberversagens, insbesondere medikamentös-toxische Ursachen, ist umstritten.
Quellen
- Bernuau J et al, Multivariate Analysis of Prognostic Factors in Fulminant Hepatitis B, Hepatology; 1986
- S2k-Leitlinie Lebertransplantation der DGVS und der DGAV, 2023