AO Spine Thoracolumbar Injury Classification
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LoslegenDeutsch: AO Spine-Klassifikation thorakolumbaler Wirbelsäulenverletzungen
Definition
Die AO Spine Thoracolumbar Injury Classification, kurz AOSTSIC, ist ein Assessmentinstrument zur systematischen Klassifikation thorakolumbaler Wirbelsäulenverletzungen anhand von Morphologie, klinischen Symptomen und Bildgebung. Sie dient als Grundlage für die evidenzbasierte Therapieentscheidung zwischen konservativer und chirurgischer Behandlung.
Hintergrund
Die AOSTSIC wurde 2013 von der Arbeitsgemeinschaft für Osteosynthesefragen publiziert. Im Gegensatz zu dem bisherigen Referenzsystem, der Magerl-Klassifikation, integriert sie zentrale neurologische und klinische Aspekte.
Klassifizierung
Die AOSTSIC beruht auf drei Säulen:
- Morphologie der Verletzung (Typ A–C)
- Neurologischer Status (N0–N4/Nx)
- Patientenspezifische klinische Modifikatoren (M1–M2)
Morphologie der Verletzung
Der Verletzungstyp wird nach einem Bewertungsschema klassifiziert, um eine evidenzbasierte Therapieempfehlung abzuleiten. Dafür werden die Wirbelsäulenverletzungen in drei Kategorien unterteilt:
Kompressionsverletzungen (Typ A-Verletzungen)
Als Typ-A-Verletzung sind Kompressionsverletzungen definiert. Je nach Ausmaß der Verletzung und der beteiligten Strukturen kann eine konservative Therapie möglich sein.
| Kennziffer | Verletzungsbezeichnung | Betroffene Endplatten | Wirbelkörper-hinterwand geschädigt | Stabilität | Therapie |
|---|---|---|---|---|---|
| A0 | Unbedeutende Verletzung | 0 | nein | Stabil | Stabil, meist konservativ |
| A1 | Keilfraktur | 1 | nein | In der Regel stabil | Stabil, meist konservativ |
| A2 | Spaltfraktur | 2 | nein | Instabilität möglich | Grenzfall; Operation teilweise indiziert |
| A3 | Inkomplette Berstungsfraktur | 1 | ja | Meist instabil | Operation meist indiziert |
| A4 | Komplette Berstungsfraktur oder Spaltfraktur (A2) mit Beteiligung der Hinterwand | 2 | ja | Instabil | Operation in der Regel notwendig |
Distraktionsverletzungen (Typ B-Verletzungen)
Als Typ-B-Verletzungen sind Distraktionsverletzungen definiert und sind häufig instabil und operationsbedürftig.
| Kennziffer | Verletzungsbezeichnung | Charakteristika | Therapie |
|---|---|---|---|
| B1 | Chance-Fraktur | Rein ossäre Schädigung eines Wirbelkörpers mit monosegmentalem Disruption des posterioren Ligamentkomplexes | Häufig stabil und oft konservativ behandelbar |
| B2 | Schädigung des posterioren Ligamentkomplexes | Schädigung des posterioren Ligamentkomplexes (mit oder ohne knöcherne Beteiligung) | Häufig instabil undoperationsbedürftig |
| B3 | Hyperextensionstrauma | Hyperextension mit Schädigung des vorderen Längsbandes (mit Schädigung von Bandscheiben und/oder Wirbelkörpern) | Operation in der Regel notwendig |
Dislokationsverletzungen (Typ C-Verletzungen)
Als Typ C-Verletzung gilt eine instabile und operationsbedürftige Dislokation von Wirbelkörpern mit Translationsbewegung (anterior, posterior, lateral, rotatorisch) gegenüber benachbarten Wirbelkörpern.
| Kennziffer | Verletzungsbezeichnung | Charakteristika | Therapie |
|---|---|---|---|
| C | Translation | Reine Dislokationsverletzung | Operation grundsätzlich indiziert |
Neurologischer Status
Der neurologische Status wird klinisch erhoben:
| Grad | Beschreibung | Therapie |
|---|---|---|
| N0 | Neurologisch intakt | Therapie abhängig vom Verletzungstyp |
| N1 | Transiente neurologische Symptome, die nicht länger vorliegen | Therapie abhängig vom Verletzungstyp |
| N2 | Symptome, die auf Läsion der Nervenwurzel schließen lassen | Therapie abhängig vom Verletzungstyp |
| N3 | Inkomplette Rückenmarksverletzung oder Cauda-equina-Syndrom | Operation indiziert |
| N4 | Komplette Rückenmarksverletzung | Operation zur mechanischen Stabilisierung der Querschnittsläsion |
| Nx | Neurologischer Status nicht beurteilbar (z. B. auf Grund von Sedierung oder Schädelhirntrauma) | Therapie abhängig vom Verletzungstyp |
| + | Bestehende Nervenkompression | Operation indiziert |
Modifikatoren
Modifikatoren werden genutzt, um relevante Komorbiditäten und Grenzfälle zu kennzeichnen, bei denen die Indikation für eine Operation unklar ist:
| Modifikator | Bedeutung |
|---|---|
| M1 | Der Modifikator wird für mögliche Verletzungen des posterioren Ligamentkomplexes genutzt, die mit bildgebenden Verfahren nicht beurteilbar sind und weist insbesondere auf die Notwendigkeit von weiterer Diagnostik hin. |
| M2 | Der Modifikator wird für Fälle genutzt, bei denen operationsrelevante Komorbiditäten vorliegen (z.B. Osteoporose, Spondylitis ankylosans oder Brandverletzungen des Rückens). |
Grenzfall
Distraktionsverletzungen sind grundsätzlich als B-Typ Verletzungen zu klassifizieren. Liegen Schäden sowohl anterior als auch posterior an Wirbelkörpern und Haltebändern vor, handelt es sich definitionsgemäß um eine Typ C-Verletzung. Dies gilt auch, wenn in der Bildgebung keine Dislokation zu erkennen ist.
Thoracolumbar AOSpine Injury Score
Auf Grundlage der AOSTSIC wird der "Thoracolumbar AOSpine Injury Score" (TL AOSIS) berechnet. Dabei handelt es sich um einen Punktwert, der als Empfehlung für Therapieoptionen zu verstehen ist.
Punktwerte
| Verletzungstyp | Neurologischer Status | Modifikatoren |
|---|---|---|
| A0 = 0 Punkte | N0 = 0 Punkte | M1 = 1 Punkt |
| A1 = 1 Punkt | N1 = 1 Punkt | M2 = 0 Punkte |
| A2 = 2 Punkte | N2 = 2 Punkte | |
| A3 = 3 Punkte | N3 = 4 Punkte | |
| A4 = 5 Punkte | N4 = 4 Punkte | |
| B1 = 5 Punkte | NX = 3 Punkte | |
| B2 = 6 Punkte | +* | |
| B3 = 7 Punkte | ||
| C = 8 Punkte |
* Eine akute Nervenkompression ist in der Regel eine absolute OP Indikation. Im TL AOSIS ist kein Punktwert zugeordnet.
Therapieempfehlung
Der TL AOSIS wird zur klinischen Orientierung genutzt. Bei der Wahl des Therapieverfahrens müssen relevante Vorerkrankungen (z.B. Osteoporose), Medikamentierung (z.B. Blutverdünner) und die Fähigkeit zur Ruhigstellung (z.B. bei Demenz oder Drogenentzug) beachtet werden.
| Gesamtpunktzahl | Therapieempfehlung |
|---|---|
| 0–3 Punkte | Konservative Therapie |
| 4–5 Punkte | Fallspezifische Entscheidung |
| ≥ 6 Punkte | Chirurgische Intervention |
Abgrenzung
In der Klassifizierung thorakolumbaler Wirbelsäulenverletzungen wird neben der AOSTSIC auch der einfachere Thoracolumbar Injury Classification and Severity Score (TLICS) verwendet. Beide Systeme haben jeweils eine gute Interrater-Reliabilität, ergänzen sich und können parallel angewendet werden. Die AOSTSIC nutzt eine feinere morphologische Unterteilung, während die TLICS auf einem einfachen Punktesystem basiert.
Bei der Bewertung von Berstungsfrakturen ist der AOSTSIC besser geeignet und zeigt eine höhere Korrelation mit chirurgischen Entscheidungen.
Weblinks
- AO Spine Thoracolumbar Injury Classification System (Poster)
- AO Spine Thoracolumbar Injury Classification System (Kittelkarte)
- AO Spine classification of thoracolumbar injuries (Fälle und CT-Aufnahmen der Verletzungstypen)
Quellen
- Vaccaro et al.: AOSpine thoracolumbar spine injury classification system: fracture description, neurological status, and key modifiers, 2013
- Vaccaro et al.: The surgical algorithm for the AOSpine thoracolumbar spine injury classification system, 2016
- Mostoufi et al.: Clinical Guide to Musculoskeletal Medicine, 2022
- Pidd et al.: Which is the Superior Thoracolumbar Injury Classification Tool? TLICS Versus AOSpine 2013: A Systematic Review, 2024
- AO Spine classification of thoracolumbar injuries, Radiopaedia