Gonarthrose
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Loslegenvon altgriechisch: γόνυ ("gonu") - Knie; ἄρθρον ("arthron") - Gelenk
Synonyme: Kniegelenksarthrose, Kniearthrose
Englisch: knee osteoarthritis
Definition
Die Gonarthrose ist eine chronische, langsam progrediente, degenerative Veränderung (Arthrose) des Kniegelenks, die zu einer progressiven Zerstörung des Gelenkknorpels und anderer Gelenkstrukturen führt. Im Krankheitsverlauf können auch niedriggradige entzündliche Prozesse, insbesondere in der Synovialmembran, auftreten.
Epidemiologie
Die Gonarthrose ist eine der häufigsten Gelenkerkrankungen im höheren Lebensalter. Die radiologische Prävalenz bei über 60-Jährigen wird zwischen 30 und 60 % angegeben. Die Prävalenz der klinisch symptomatischen Gonarthrose liegt in dieser Altersgruppe deutlich niedriger.
Ursachen
- Degenerativer Knorpelabbau
- Entzündungen
- Gelenkfehlstellung
Höheres Lebensalter und erhöhtes Körpergewicht (Adipositas) sind zusätzliche Risikofaktoren für die Entwicklung einer Gonarthrose.
Formen
Das Kniegelenk besteht aus drei Gelenkabschnitten (Kompartments), die einzeln oder in Gruppen betroffen sein können. Entsprechend unterscheidet man:
- Retropatellararthrose: Arthrose des Femoropatellargelenks
- mediale Gonarthrose: Arthrose des medialen Kompartments des Femorotibialgelenks
- laterale Gonarthrose: Arthrose des lateralen Kompartments des Femorotibialgelenks
Sind alle drei Abschnitte betroffen, spricht man von einer Pangonarthrose.
Weitere Formen sind:
- Valgus-Gonarthrose: laterale Gonarthrose bei gleichzeitiger X-Bein-Fehlstellung
- Varus-Gonarthrose: mediale Gonarthrose bei gleichzeitiger O-Bein-Fehlstellung
Symptomatik
Leitsymptom der Gonarthrose sind bei Belastung auftretende Schmerzen und Bewegungseinschränkung im Kniegelenk. Die Beschwerden treten vor allem beim Abwärtsgehen bzw. Absteigen auf Treppen auf und können mit einem Instabilitätsgefühl im Knie einhergehen. Die schmerzfreie Gehstrecke ist abhängig vom Schweregrad der Gonarthrose eingeschränkt. Nach längerer Belastung schwillt das Knie an (Kniegelenkserguss) und der Patient beginnt zu Hinken. Häufig besteht eine Schonhaltung im betroffenen Gelenk.
Diagnostik
Die Diagnose der Gonarthrose wird in erster Linie klinisch anhand von Anamnese und körperlicher Untersuchung gestellt und durch die Bildgebung gesichert bzw. hinsichtlich Schweregrad und Verteilungsmuster eingeordnet. Eine relevante Diskrepanz zwischen radiologischem Befund und subjektivem Beschwerdebild ist dabei häufig – ausgeprägte radiologische Veränderungen können nahezu asymptomatisch verlaufen, während geringgradige Befunde mit starken Schmerzen einhergehen können.
Klinische Untersuchung
- Inspektion: Beurteilung der Beinachsen, Kniekontur (Gelenkschwellung), Muskulatur (Muskelatrophie), Gangbild (Hinken)
- Palpation: Temperatur (Überwärmung), Schwellungen (Kniegelenkserguss), Beweglichkeit, Krepitation, Druckschmerz am Gelenkspalt oder an den Patellafacetten, Zohlen-Zeichen
- Vermessung: Aufspüren einer ggf. vorhandenen Beinlängendifferenz
Labor
Laborchemische Parameter sind für die Diagnose der Gonarthrose selbst nicht wegweisend, dienen aber dem Ausschluss entzündlich-rheumatischer oder metabolischer Differentialdiagnosen. CRP und BSG sind bei der Gonarthrose typischerweise nicht oder nur gering erhöht. Bei deutlich erhöhten Entzündungswerten muss an eine rheumatoide oder septische Arthritis gedacht werden. Bei entsprechendem Verdacht werden ergänzend z.B.Rheumafaktor, Anti-CCP oder Harnsäure bestimmt.
Bildgebung
Standardverfahren zur Diagnosesicherung ist die Röntgenaufnahme des Kniegelenks in 2 Ebenen (a.p. und seitlich) unter Belastung, da sich die Gelenkspaltweite im Stehen durch den Gewichtsdruck deutlicher darstellt als im Liegen. Typische radiologische Zeichen sind:
- Gelenkspaltverschmälerung als Korrelat des Knorpelverlusts, meist zunächst im medialen Kompartment
- Osteophyten an den Gelenkrändern
- subchondrale Sklerosierung
- subchondrale Geröllzysten
- ggf. Achsfehlstellung (Varus- oder Valgusdeformität) oder Gelenkdeformierung
Zur Einteilung des radiologischen Schweregrads dient die Kellgren-Lawrence-Klassifikation (Grad 0–4), die von fehlenden Veränderungen (Grad 0) über fragliche Gelenkspaltverschmälerung mit möglichen Osteophyten (Grad 1) bis zu ausgeprägter Gelenkspaltverschmälerung mit multiplen Osteophyten, deutlicher Sklerosierung und Deformierung (Grad 4) reicht. Ergänzend kann eine Ganzbeinaufnahme im Stehen zur exakten Bestimmung der Beinachse und Planung einer möglichen Achskorrektur erfolgen.
Weitere bildgebende Verfahren sind z.B.:
- Sonografie: Nachweis eines Kniegelenkergusses, einer Synovitis oder einer Baker-Zyste; ergänzend zur klinischen Untersuchung, ersetzt aber nicht das Röntgenbild.
- MRT: Nicht routinemäßig erforderlich, da die Diagnose meist bereits klinisch-radiologisch gestellt werden kann. Indiziert bei unklarer Beschwerdesymptomatik, Verdacht auf begleitende Meniskus- oder Bandläsionen, Osteonekrose oder wenn ein operatives, gelenkerhaltendes Verfahren geplant ist, da hier auch der Knorpel- und Weichteilstatus direkt beurteilt werden kann.
- ggf. CT, Skelettszintigrafie: Einsatz in Einzelfällen, etwa zur präoperativen Achsplanung (CT) oder bei differentialdiagnostischer Unsicherheit gegenüber ossären Prozessen (Szintigrafie).
Differentialdiagnosen
- Rheumatoide Arthritis
- Septische Arthritis
- Meniskusschaden
- Osteonekrose des Kniegelenks
- Chondrokalzinose
- Bursitis (z.B. Bursitis anserina)
Therapie
Die Gonarthrose ist nicht kausal heilbar. Ziel der Therapie ist die Linderung von Schmerzen, der Erhalt der Funktion und – soweit möglich – die Verzögerung der strukturellen Progression. Die Behandlung folgt einem stufenweisen Konzept, das sich nach dem radiologischen und klinischen Schweregrad richtet. Es wird mit nicht-invasiven Basismaßnahmen begonnen, bevor invasive oder operative Verfahren zum Einsatz kommen.[1]
Allgemeinmaßnahmen
Diese Basismaßnahmen sind bei jedem Patienten unabhängig vom Schweregrad empfohlen, da sie die mechanische Belastung des Gelenks reduzieren und Schmerzen und Funktion nachweislich verbessern:
- Reduktion des Körpergewichts: bereits eine moderate Gewichtsabnahme verringert die Gelenkbelastung deutlich und bessert Schmerzen und Funktionseinschränkung
- Bewegung/Bewegungstherapie: regelmäßige, gelenkschonende Bewegung (z.B. Radfahren, Schwimmen) stärkt die gelenkumgreifende Muskulatur, verbessert die Propriozeption und wirkt Schmerzen und Steifheit entgegen
- Patientenschulung: Aufklärung über Krankheitsverlauf und Selbstmanagement erhöht die Therapieadhärenz
Konservative Therapie
Nicht-invasive Maßnahmen
Physikalische Therapie wie Krankengymnastik und Bewegungstherapie sind in jedem Krankheitsstadium empfohlen. Bei unzureichender Schmerzkontrolle durch die Allgemeinmaßnahmen werden zudem Analgetika eingesetzt. Mittel der ersten Wahl sind topische NSAR, da sie bei vergleichbarer Wirksamkeit zu oralen NSAR ein geringeres systemisches Nebenwirkungsrisiko aufweisen. Erst bei unzureichender Wirkung topischer NSAR erfolgt der Wechsel auf orale NSAR, wobei individuelle gastrointestinale, kardiovaskuläre und hepatorenale Risikofaktoren zu berücksichtigen sind. Die Anwendung erfolgt so kurz wie möglich. Paracetamol und schwach wirksame Opioide sind nur Mittel der Reserve für Einzelfälle mit Kontraindikationen gegen NSAR, da ihre Wirksamkeit bei Gonarthrose geringer ausfällt.
Weitere Therapieoptionen sind z.B.:
- Thermotherapie (Wärmebehandlung, Kältebehandlung) und Elektrotherapie
- Traktion
- Orthesen: Bei Betreff nur eines Kompartments können Knieorthesen mit Gurtsystemen das betroffene Kompartment entlasten, Schmerzen lindern und eine Operation im Sinne des Patienten hinauszögern. Sind beide Kompartments betroffen, ist eine Knieführungsorthese in Betracht zu ziehen. Bietet das klinische Bild starke Abweichungen der Kniestatik, besteht die Möglichkeit einer individuellen Maßversorgung mit Knieorthese. Darüber hinaus kommen orthopädische Einlagen zur Entlastung des Kniegelenks sowie ggf. Spezialschuhe in Betracht.
- Röntgenreizbestrahlung (3-6 Gy): vor allem bei älteren Patienten mit persistierenden Schmerzen, wenn medikamentöse Optionen ausgeschöpft, unwirksam oder kontraindiziert sind
Invasive Maßnahmen
- Intraartikuläre Injektion von Glukokortikoiden: zur kurzfristigen Schmerzlinderung, insbesondere um die Teilnahme an physikalischen Therapien zu ermöglichen oder wenn orale Analgetika unwirksam bzw. ungeeignet sind. Aufgrund möglicher Risiken bei wiederholter Anwendung (u.a. Infektionsrisiko, mögliche Knorpelschädigung) erfolgt die Anwendung zeitlich begrenzt.
- Intraartikuläre Injektion von Hyaluronsäure: bei Versagen anderer konservativer Maßnahmen; die Studienlage zur Wirksamkeit ist jedoch heterogen, weshalb der Nutzen im Einzelfall gegen andere Optionen abzuwägen ist
Operative Therapie
Operative Verfahren kommen zum Einsatz, wenn konservative Maßnahmen ausgeschöpft sind und der Leidensdruck des Patienten fortbesteht. Die Wahl des Verfahrens richtet sich nach Alter, Aktivitätsniveau, Ausmaß der Fehlstellung und Lokalisation des Knorpelschadens:
- Korrektur von Fehlstellungen (z.B. Hohe tibiale Osteotomie): gelenkerhaltendes Verfahren vor allem für jüngere, aktive Patienten mit Achsfehlstellung (Varus-/Valgusgonarthrose) und auf ein Kompartment begrenztem Schaden; Ziel ist die Entlastung des betroffenen Kompartments und die Verzögerung eines Gelenkersatzes.
- Autologe Chondrozytentransplantation (ACI) und autologe osteochondrale Transplantation (OATS): kommen bei umschriebenen, meist traumatisch bedingten Knorpeldefekten vorwiegend jüngerer Patienten infrage, nicht bei flächiger degenerativer Arthrose
- Abrasionsarthroplastik mit Mikrofrakturierung: Gelenkerhaltendes Verfahren zur Stimulation eines Faserknorpelersatzgewebes bei kleineren, umschriebenen Defekten
- Gelenkersatz (Knie-TEP): Mittel der Wahl bei fortgeschrittener Gonarthrose mit strukturellem Schaden und ausgeprägtem, therapierefraktärem Leidensdruck, wenn konservative und gelenkerhaltende Optionen nicht mehr ausreichen.
Experimentelle Behandlungsansätze
Derzeit ist keine krankheitsmodifizierende Therapie zugelassen, die das Fortschreiten der Gonarthrose zuverlässig aufhalten oder umkehren kann. Die aktuelle Leitlinie (Stand 2026) ordnet die im Folgenden genannten Verfahren nicht der Standardversorgung zu; sie werden daher außerhalb kontrollierter Studien nicht routinemäßig eingesetzt.[2] Experimentell untersucht werden unter anderem:
- Krankheitsmodifizierende Arzneistoffe wie Sprifermin und Lorecivivint, die auf den Knorpelstoffwechsel beziehungsweise zelluläre Signalwege wirken. Für Sprifermin blieb der strukturelle Effekt auf die Knorpeldicke über 5 Jahre nachweisbar, ohne dass sich hieraus eine gegenüber Placebo überlegene klinische Schmerz- oder Funktionsverbesserung ableiten ließ.[3][4] Für Lorecivivint verfehlten beide bisher publizierten Phase-3-Studien ihren primären Endpunkt (Schmerzreduktion), lediglich in nicht präspezifizierten Post-hoc-Subgruppenanalysen zeigten sich vereinzelte Signale.[5][6]
- Gentherapien wie PCRX-201, welche Gelenkzellen zur lokalen Produktion des antiinflammatorischen Interleukin-1-Rezeptorantagonisten (IL-1Ra) befähigen sollen. Bisherige Daten stammen aus einer offenen, unkontrollierten Phase-1-Studie ohne Placebo-Arm und sind daher rein explorativ zu werten.[7]
- Zellbasierte Therapien, beispielsweise mit mesenchymalen Stromazellen. Ihre Wirksamkeit und langfristige Sicherheit sind aufgrund uneinheitlicher Präparate und Studienergebnisse noch nicht abschließend geklärt.
- Die transarterielle periartikuläre Embolisation (TAPE), bei der periartikuläre Gefäße verschlossen werden, um Entzündung und Schmerzen zu reduzieren. Kontrollierte Studien zeigen bislang widersprüchliche Ergebnisse.[8][9]
Diese Verfahren gehören nicht zur Standardtherapie und werden in der Regel nur im Rahmen von klinischen Studien oder individueller Heilversuche eingesetzt.[2]
Prognose
Die Gonarthrose verläuft chronisch-progredient; ein spontaner Stillstand oder eine Rückbildung der strukturellen Knorpelschäden ist nicht zu erwarten. Der Verlauf ist individuell sehr unterschiedlich und hängt unter anderem von Gewicht, Beinachse, Aktivitätsniveau und Ausmaß der Gelenkfehlstellung ab. Konservative Maßnahmen können Beschwerden lindern und das Fortschreiten verlangsamen, ersetzen jedoch keine kausale Therapie. Bei fortgeschrittener Gonarthrose mit ausgeprägtem Leidensdruck bietet der endoprothetische Gelenkersatz in der Regel eine gute Schmerzlinderung und Funktionsverbesserung.
ICD-Codes
ICD-10 Codes
- M17.0 – Primäre Gonarthrose, beidseitig
- M17.1 – Sonstige primäre Gonarthrose, primäre Gonarthrose einseitig
- M17.2 – Posttraumatische Gonarthrose, beidseitig
- M17.3 – Sonstige posttraumatische Gonarthrose, posttraumatische Gonarthrose, einseitig
- M17.4 – Sonstige sekundäre Gonarthrose, beidseitig
- M17.5 – Sonstige sekundäre Gonarthrose, sekundäre Gonarthrose, einseitig
- M17.9 – Gonarthrose, nicht näher bezeichnet
ICD-11 Codes
- FA01 – Gonarthrose
- FA01.0 – Primäre Gonarthrose
- FA01.1 – Sonstige sekundäre Gonarthrose
- FA01.Z – Gonarthrose, nicht näher bezeichnet
Podcast
Bildquelle
- Bildquelle für Podcast: © greg. Mélow / Pexels
Quellen
- ↑ DGOU. S3-Leitlinie: Prävention und Therapie der Gonarthrose. AWMF-Registernummer 187-050. 2024. Verfügbar unter: S3-Leitlinie Gonarthrose.
- ↑ 2,0 2,1 DGOU. S3-Leitlinie: Prävention und Therapie der Gonarthrose. AWMF-Registernummer 187-050. 2024. Verfügbar unter: S3-Leitlinie Gonarthrose.
- ↑ Hochberg MC et al. Effect of intra-articular sprifermin vs placebo on femorotibial joint cartilage thickness in patients with osteoarthritis. JAMA. 2019;322(14):1360-1370.
- ↑ Eckstein F et al. Long-term structural and symptomatic effects of intra-articular sprifermin in patients with knee osteoarthritis: 5-year results from the FORWARD study. Ann Rheum Dis. 2021;80(8):1062-1069.
- ↑ Yazici Y et al. A Phase 3, 28-week, multicentre, randomised, double-blind, placebo-controlled trial (OA-10) to evaluate the efficacy and safety of a single injection of lorecivivint in the target knee joint of moderately to severely symptomatic osteoarthritis patients. Clin Exp Rheumatol. 2025;43(5):847-853.
- ↑ Yazici Y et al. A Phase 3, 56-week, multicenter, randomized, double-blind, placebo-controlled trial of lorecivivint in patients with knee osteoarthritis. Clin Exp Rheumatol. 2025;43(5):854-860.
- ↑ Cohen S et al. Safety, biodistribution, and exploratory clinical outcomes of a novel intra-articular IL-1Ra gene therapy (PCRX-201) in moderate-to-severe knee osteoarthritis: 2-year results of a phase 1 study. Ann Rheum Dis. 2026.
- ↑ van Zadelhoff TA et al. Genicular artery embolisation compared with sham embolisation for symptomatic osteoarthritis of the knee. BMJ Open. 2024;14.
- ↑ van Zadelhoff TA et al. Genicular artery embolization for knee osteoarthritis - When the hype doesn't match the evidence. Osteoarthr Imaging. 2025;5(4):100376.