Therapeutic Intervention Scoring System
Synonym: Therapieaufwand-Score, Behandlungsaufwand-Score
Englisch: Therapeutic Intervention Scoring System, TISS
Definition
Das Therapeutic Intervention Scoring System, kurz TISS, ist ein Scoring-System zur Erfassung des diagnostischen und therapeutischen Aufwands bei Patienten auf der Intensivstation. Es dient der Quantifizierung der Pflegebelastung, der Einschätzung des Schweregrades einer Erkrankung sowie der Ressourcenplanung im Bereich der Intensivmedizin.[1]
Hintergrund
Das TISS wurde 1974 von Cullen et al. entwickelt. Es basierte ursprünglich auf 57 therapeutischen Maßnahmen, denen jeweils 1 bis 4 Punkte zugeordnet wurden. Damit war es das erste Score-System, das das Konzept des „patientenbezogenen Punktemanagements pro Pflegeperson" einführte.
1983 wurde das System von Keene auf 76 Interventionen erweitert (TISS-76). Es wurde angenommen, dass eine einzelne Pflegeperson 40–50 Punkte pro Schicht bewältigen kann. Obwohl nie formal validiert, etablierte sich TISS-76 als weit verbreitetes Instrument zur Beurteilung der Behandlungskomplexität und zur Festlegung des Pflegepersonalbedarfs.[2]
Varianten
TISS-28
1996 entwickelten Miranda et al. eine vereinfachte Version, das TISS-28. Es umfasst nur 28 Interventionskategorien, die aus einer multivariaten Analyse von 10.000 TISS-76-Datensätzen gewonnen wurden und 86 % der Varianz des Originals erklären.[3]
Die 28 Items sind in folgende Kategorien gegliedert:
- Grundlegende Aktivitäten (z.B. Monitoring, mechanische Beatmung)
- Unterstützung der Atmung
- Unterstützung des Herz-Kreislaufsystems
- Nierenersatztherapie / Dialyse
- Neurologisches Monitoring / ICP-Messung
- Metabolische Interventionen
- Spezifische Eingriffe auf der Intensivstation (z.B. Bronchoskopie
Merke: Ein TISS-28-Punkt entspricht ca. 10,6 Minuten Pflegezeit pro Schicht. Eine Pflegeperson kann typischerweise 46 TISS-28-Punkte pro Schicht erbringen.
NEMS (Nine Equivalents of Nursing Manpower use Score)
Der NEMS ist eine aus dem TISS-28 abgeleitete Kurzversion mit nur 9 Items, die organbezogene Unterstützungsmaßnahmen abbilden. Er liefert vergleichbare Ergebnisse bei deutlich reduziertem Erfassungsaufwand.
Anwendungsbereiche
Das TISS und seine Varianten werden eingesetzt für:
- Beurteilung des Schweregrades einer Erkrankung im Verlauf
- Planung und Evaluation des Pflegepersonalbedarfs
- Ressourcenerfassung und Kostenanalysen auf der ICU
- Qualitätssicherung und Benchmarking
- Vergleich von Patientenpopulationen in klinischen Studien[4]
Abgrenzung zu anderen Scores
Das TISS unterscheidet sich von allgemeinen Intensivscores (z.B. APACHE-Score, SAPS) dadurch, dass es ausschließlich den Therapieaufwand erfasst und nicht die Abweichung physiologischer Parameter. Es ergänzt diese Systeme und wird häufig parallel eingesetzt. Gegenüber dem Nursing Activities Score (NAS), der 2003 ebenfalls von Miranda entwickelt wurde, erfasst das TISS-28 nur etwa 43 % der tatsächlichen Pflegezeit, während der NAS rund 81 % abdeckt.[5]
Klinische Bedeutung
Studien zeigen, dass ein erhöhter Pflegeaufwand, gemessen mit TISS, mit einer erhöhten Rate an unerwünschten Ereignissen auf der Intensivstation assoziiert ist – darunter nosokomiale Infektionen, Druckgeschwüre und Medikationsfehler.[6] Zudem findet das TISS Verwendung als Grundlage zur Abschätzung von Behandlungskosten auf der ICU, da der tägliche TISS-Punktwert mit dem Ressourcenverbrauch korreliert.[7]
Quellen
- ↑ Unertl K, Kottler BM. Prognostic scores in intensive care. Anaesthesist. 1997;46(6):471-80.
- ↑ Guccione A, Morena A, Pezzi A, Iapichino G. The assessment of nursing workload. Minerva Anestesiol. 2004;70(5):411-6.
- ↑ Miranda DR, de Rijk A, Schaufeli W. Simplified Therapeutic Intervention Scoring System: the TISS-28 items--results from a multicenter study. Crit Care Med. 1996;24(1):64-73.
- ↑ Unertl K, Kottler BM. Prognostic scores in intensive care. Anaesthesist. 1997;46(6):471-80.
- ↑ Guccione A, Morena A, Pezzi A, Iapichino G. The assessment of nursing workload. Minerva Anestesiol. 2004;70(5):411-6.
- ↑ Oliveira AC, Garcia PC, Nogueira LS. Nursing workload and occurrence of adverse events in intensive care: a systematic review. Rev Esc Enferm USP. 2016;50(4):683-694.
- ↑ Turunen H et al. Dexmedetomidine versus standard care sedation with propofol or midazolam in intensive care: an economic evaluation. Crit Care. 2015;19(1):67.