Strukturniveau
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LoslegenSynonyme: Strukturintegrität, psychische Struktur, Persönlichkeitsorganisation
Englisch: structural level, structural integration
Definition
Das Strukturniveau beschreibt im psychotherapeutischen, vor allem im psychodynamischen Kontext, das Ausmaß der Integration zentraler psychischer Funktionen wie Selbstwahrnehmung, Objektwahrnehmung, Affektregulation, Realitätsprüfung und Steuerungsfähigkeit sowie der eingesetzten Abwehrmechanismen. Es dient der Einschätzung der Ich-Struktur eines Individuums und ist diagnostisch bedeutsam für die Behandlungsplanung.
Hintergrund
Das Konzept entstammt der psychoanalytischen Ich-Psychologie. Es wurde durch Otto Kernberg im Rahmen seiner Theorie der Persönlichkeitsorganisation systematisiert. Im deutschsprachigen Raum ist das Strukturniveau insbesondere in der Operationalisierten Psychodynamischen Diagnostik (OPD-3) verankert. Es dient dort der Einschätzung der psychischen Struktur, unabhängig von der aktuellen Symptomatik.
Einteilung
In der OPD-3 erfolgt die Einschätzung des Strukturniveaus auf einer Achse mit vier Hauptgraden sowie Zwischenstufen:
- Gut integriert
- Mäßig integriert
- Gering integriert
- Desintegriert
Diese Einteilung basiert auf der Bewertung von fünf Strukturdimensionen. Davon werden alle – mit Ausnahme der Dimension Abwehr – in Selbst- und Objektbezug differenziert:
- Wahrnehmung: Selbstwahrnehmung und Objektwahrnehmung
- Steuerung: Selbstregulierung und Regulierung des Objektbezugs (z. B. Affekttoleranz, Impulssteuerung, Selbstwertregulierung)
- Emotionale Kommunikation: innerpsychische Kommunikation über Affekte und Fantasien sowie Kommunikation mit anderen (u.a. Empathie, Affektausdruck)
- Bindung: Fähigkeit, innere Objekte zur Selbstregulation zu nutzen, sowie Fähigkeit zur Bindung und Ablösung im Außenbezug
- Abwehr: wird in der OPD-3 anhand dreier Facetten operationalisiert
- Ausmaß, in dem Abwehrprozesse Lebens- und Erlebensmöglichkeiten einschränken oder erhalten
- Intrapsychische vs. interpersonelle Ausprägung der Abwehr
- Vorrangig eingesetzte spezifische Abwehrmechanismen
Ein niedriges Strukturniveau ist häufig mit sogenannten Strukturpathologien assoziiert, wie sie bei schweren Persönlichkeitsstörungen oder frühkindlich bedingten Ich-Defiziten vorkommen. Der Begriff Strukturpathologie verweist hierbei auf eine tiefgreifende Beeinträchtigung struktureller Ich-Funktionen, die unabhängig von der akuten Symptomatik bestehen kann.
Klinische Bedeutung
Die Einschätzung des Strukturniveaus hat wesentlichen Einfluss auf die psychotherapeutische Indikationsstellung sowie die Wahl und Modifikation des Therapieverfahrens. Bei Patienten mit niedrigem Strukturniveau sind Ich-stützende Maßnahmen, eine hohe therapeutische Strukturierung und eine begrenzte Deutungsarbeit indiziert. In höher integrierten Bereichen können dagegen übertragungsfokussierte und konfrontative Techniken genutzt werden.
Abgrenzung zur Symptomdiagnostik
Im Gegensatz zur klassischen Symptomerfassung (z.B. depressive oder ängstliche Beschwerden) erfasst das Strukturniveau die zugrunde liegende psychische Funktionsfähigkeit. Es kann so eine Unterscheidung zwischen akuten, behandelbaren Störungen und tieferliegenden Strukturdefiziten (Strukturpathologie) ermöglichen, die eine längerfristige und modifizierte Therapie erfordern.
Diagnostische Instrumente
Zur differenzierten Erfassung des Strukturniveaus stehen folgende Verfahren zur Verfügung:
- OPD-3 (Operationalisierte Psychodynamische Diagnostik)
- STIPO (Structured Interview of Personality Organization)
- LPFS (Level of Personality Functioning Scale) nach DSM-5 AMPD
- Selbstbeurteilungsfragebögen (z.B. OPD-SQS)
Literatur
- Arbeitskreis OPD (Hrsg.), OPD-3 – Operationalisierte Psychodynamische Diagnostik. Das Manual für Diagnostik und Therapieplanung, Hogrefe, Göttingen, 2023
- Rudolf, Strukturbezogene Psychotherapie: Leitfaden zur psychodynamischen Therapie struktureller Störungen, Schattauer, Stuttgart, 2004