Postventrikuläre atriale Refraktärzeit
Definition
Die postventrikuläre atriale Refraktärzeit, kurz PVARP, ist ein programmierbarer Parameter bei dualkammerfähigen Herzschrittmachern. Sie bezeichnet das Zeitintervall nach einem ventrikulären Ereignis, in dem Vorhofsignale vom Aggregat nicht detektiert bzw. nicht zur Auslösung eines ventrikulären Trackings verarbeitet werden.
Hintergrund
Nach einer ventrikulären Depolarisation kann es über eine retrograde Leitung im AV-Knoten zu einer Vorhoferregung kommen (retrograde P-Welle). Ohne Refraktärzeit würde ein dualkammerfähiger Schrittmacher (z.B. im DDD-Modus) dieses Signal als atriales Ereignis interpretieren und eine erneute ventrikuläre Stimulation auslösen. Die PVARP verhindert die Verarbeitung solcher Signale und unterbricht damit mögliche Reentry-Schleifen. Sie wird nach jedem ventrikulären Ereignis neu gestartet.
Von der PVARP abzugrenzen ist die atriale Refraktärzeit nach atrialer Stimulation (postatriale Refraktärzeit), die unabhängig vom ventrikulären Ereignis programmiert wird.
Klinische Relevanz
Eine zu kurze PVARP begünstigt das Tracking retrograder P-Wellen und kann pacemakervermittelte Tachykardien verursachen, insbesondere bei erhaltener retrograder AV-Leitung.
Eine zu lange PVARP kann zur Nichtdetektion physiologischer Sinus-P-Wellen führen. Mögliche Folgen sind funktionelle AV-Dissoziation, erhöhte ventrikuläre Stimulationsanteile und eine scheinbare Vorhofasystolie in der Schrittmacherdiagnostik.
Die PVARP beeinflusst die atriale Ereigniserkennung bei supraventrikulären Tachyarrhythmien und die Unterscheidung zwischen atrialen Rhythmusstörungen und technischen Oversensing-Effekten im Rahmen der Schrittmacherkontrolle.
Geräteprogrammierung
Übliche Standardwerte der PVARP liegen bei etwa 250 bis 320 ms. Die individuelle Einstellung orientiert sich an intrinsischer AV-Leitung, retrograder Leitfähigkeit, Grundrhythmus und klinischem Beschwerdebild.
Eine isolierte Verlängerung der PVARP zur Unterdrückung pacemakervermittelter Tachykardien kann die atriale Synchronisation beeinträchtigen. Moderne Schrittmachersysteme verfügen über frequenzabhängige oder adaptive PVARP-Algorithmen, die eine dynamische Anpassung an die Herzfrequenz oder erkannte Rhythmusmuster erlauben.
Literatur
- Gertsch, Das EKG auf einem Blick und im Detail, 1. Aufl., Springer, 2007
- Fröhlig et al., Herzschrittmacher- und Defibrillator-Therapie, 3. Aufl., Georg Thieme Verlag, 2020
- Volz et al., Herzschrittmacherkontrolle, 2. Aufl., Elsevier, 2011
- Gazarek et al., Herzschrittmacher-Nachsorge für Einsteiger, 2. Aufl., Springer, 2023