Piriformis-Syndrom
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LoslegenSynonyme: Pyriformis-Syndrom, Piriformis-Kompressionssyndrom, Wallet-Syndrom
Englisch: piriformis syndrome
Definition
Als Piriformis-Syndrom bezeichnet man ein Engpasssyndrom des Nervus ischiadicus im Bereich des Musculus piriformis. Es gilt als mögliche Ursache einer Ischialgie, die nicht auf eine Bandscheibenläsion zurückzuführen ist und wird dem Deep-Gluteal-Syndrom zugeordnet.[1]
Hintergrund
Das Piriformis-Syndrom wurde erstmals 1947 von Daniel Robinson beschrieben, um Ischialgien zu bezeichnen, die nicht auf eine Bandscheibenläsion zurückzuführen sind, sondern im Rahmen eines extrapelvinen Engpasssyndroms auftreten.[2] In der neueren Literatur wird häufig der weiter gefasste Begriff "Deep-Gluteal-Syndrom" verwendet, da Schmerzen im tiefen Gesäßraum mit Irritation des Nervus ischiadicus auch durch andere Strukturen verursacht werden können.[1]
Ätiopathogenese
Das Piriformis-Syndrom entsteht durch eine Irritation oder Kompression des Nervus ischiadicus im Bereich des Musculus piriformis. Anatomische Varianten der Lagebeziehung zwischen Nervus ischiadicus und Musculus piriformis können nach der Beaton-und-Anson-Klassifikation in sechs Typen eingeteilt werden. Neuere systematische Auswertungen zeigen, dass insbesondere Typ C, Typ D sowie eine Morphologievariante von Typ A ätiologische Faktoren sind.[3]
Weitere mögliche Ursachen des Piriformis-Syndroms sind:
- traumatische Verletzungen im Bereich der tiefen Glutealmuskulatur
- muskulärer Spasmus oder Hypertrophie des Musculus piriformis
- posttraumatische Fibrose oder narbige Adhäsionen
- wiederholte Mikrotraumata oder Überlastung
- externe Druckbelastung, z.B. durch langes Sitzen
Eine Sonderform ist das sogenannte Wallet-Syndrom, bei dem die Beschwerden durch längeres Sitzen auf einem Portemonnaie begünstigt werden.
Symptome
Typisch sind Schmerzen im Gesäß, die in den dorsalen Oberschenkel und teilweise bis in das Knie ausstrahlen. Die Beschwerden nehmen häufig beim Sitzen, Treppensteigen oder bei Bewegungen mit Flexion, Adduktion und Innenrotation der Hüfte zu.
Weitere mögliche Symptome sind:
- Druckschmerz im Verlauf des Musculus piriformis
- ischialgieforme Ausstrahlung
- Schmerzen bei Drehbewegungen der Hüfte
- Parästhesien oder Sensibilitätsstörungen im Bein
Motorische Ausfälle oder ausgeprägte neurologische Defizite sprechen eher für eine radikuläre oder andere neurologische Ursache und sollten weiter abgeklärt werden.
Diagnostik
Die Diagnose des Piriformis-Syndroms ist primär klinisch. Sie wird durch typische Beschwerden, Provokationstests und den Ausschluss anderer Ursachen gestellt.[4]
Hinweisende klinische Tests sind:
- FAIR-Test: Provokation der Beschwerden durch Flexion, Adduktion und Innenrotation der Hüfte
- Freiberg-Zeichen: Schmerz bei passiver Innenrotation des gestreckten Beins
- Pace-Zeichen: Schmerz bei Abduktion und Außenrotation gegen Widerstand
- Beatty-Test: Schmerzprovokation durch aktive Abduktion des flektierten Beins in Seitenlage
Eine Magnetresonanztomographie der Lendenwirbelsäule kann eingesetzt werden, um spinale Ursachen wie einen Bandscheibenvorfall oder eine Spinalkanalstenose auszuschließen. Sonographie, MRT des Beckens, MR-Neurographie oder diagnostische Infiltrationen können in unklaren Fällen ergänzend hilfreich sein. In ausgewählten Fällen kann auch eine Neurographie oder Elektromyographie zur Differenzierung radikulärer Ursachen beitragen.
Differentialdiagnosen
Wichtige Differentialdiagnosen sind:
- lumbale Radikulopathie
- Bandscheibenvorfall im lumbosakralen Bereich der Wirbelsäule
- Spinalkanalstenose
- Dysfunktion des Sakroiliakalgelenks
- Femoroazetabuläres Impingement
- Ischiofemorales Impingement
- proximale Hamstring-Tendinopathie
- Pudendusneuralgie
- Raumforderungen im kleinen Becken oder tiefen Glutealraum
Therapie
Die Therapie erfolgt in der Regel konservativ. Sie richtet sich nach Beschwerdeausprägung, auslösenden Faktoren und funktionellen Defiziten.
Konservative Maßnahmen sind:
- Physiotherapie mit Dehnung, Mobilisation und Kräftigung der Hüft- und Glutealmuskulatur
- Nervenmobilisation
- manuelle Therapie und Triggerpunktbehandlung
- Anpassung belastender Sitz- und Bewegungsgewohnheiten
- nichtsteroidale Antirheumatika bei entzündlicher oder schmerzhafter Reizung
Bei therapierefraktären Beschwerden können bildgestützte Injektionen mit Lokalanästhetika und Glukokortikoiden erwogen werden. In ausgewählten Fällen kommt auch Botulinumtoxin infrage, vorzugsweise unter Ultraschallführung.[5] Operative Verfahren mit Dekompression des Nervus ischiadicus sind selten erforderlich und bleiben therapierefraktären Fällen vorbehalten.[6]
Prognose
Die Prognose ist bei frühzeitiger Diagnose und konsequenter konservativer Therapie meist günstig. Chronische Verläufe können auftreten, wenn auslösende Belastungen fortbestehen oder relevante Differentialdiagnosen übersehen werden.
Quellen
- ↑ 1,0 1,1 Martin HD, Reddy M, Gómez-Hoyos J. Deep gluteal syndrome. J Hip Preserv Surg. 2015;2(2):99-107.
- ↑ Robinson DR. Piriformis syndrome in relation to sciatic pain. Am J Surg. 1947;73(3):355-358.
- ↑ Lopez Castellanos F, Feipel V. Exploring the anatomical basis of piriformis syndrome: A systematic review. Morphologie. 2026;110(369):101114.
- ↑ Kirschner JS, Foye PM, Cole JL. Piriformis syndrome, diagnosis and treatment. Muscle Nerve. 2009;40(1):10-18.
- ↑ Llorente Peris J, Miranda Bautista J, Menéndez Fernández-Miranda P. Uses and technique of ultrasound-guided botulinum toxin infiltration. Radiologia (Engl Ed). 2025;67(6):501695.
- ↑ Chang A, Ly N, Varacallo M. Piriformis Syndrome. StatPearls. Treasure Island (FL): StatPearls Publishing; 2023.