Nebenniereninsuffizienz
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LoslegenSynonyme: Nebennierenrindeninsuffizienz, NNI, NNR-Insuffizienz
Englisch: adrenal insufficiency
Definition
Als Nebenniereninsuffizienz, kurz NNI, bezeichnet man die ungenügende Hormonproduktion (Insuffizienz) der Nebennierenrinde (NNR). Diese hat vor allem einen Mangel an Cortisol zur Folge (Hypocortisolismus) – bei der primären Form liegt zusätzlich ein Mangel an Aldosteron vor.
Hintergrund
Die primäre NNI ist mit einer Prävalenz von etwa 10–14 Fällen pro 100.000 Einwohner selten, die sekundäre Form durch häufigere Ursachen (z.B. Glukokortikoidtherapie) insgesamt deutlich häufiger.[1] Adrenale Krisen treten mit einer Inzidenz von ca. 5–9 Ereignissen pro 100 Patientenjahre auf und sind mit einer relevanten Mortalität verbunden.[2]
Ätiologie
Die Ursachen werden nach dem Ort der Störung eingeteilt:
Primäre Nebenniereninsuffizienz
Bei der primären NNI (Synonym: Morbus Addison) liegt die Störung in der Nebenniere selbst. Mögliche Ursachen sind:
- Autoimmunadrenalitis – häufigste Ursache in Industrieländern
- Polyendokrine Autoimmunerkrankungen in Form des Schmidt-Syndroms
- Hämorrhagischer Infarkt (Sepsis, Waterhouse-Friderichsen-Syndrom, arterielle Hypertonie, Hämorrhagische Diathesen)
- Tuberkulose der Nebenniere
- Hämochromatose
- Adrenogenitales Syndrom
- Metastasen eines Primärtumors
siehe Hauptartikel: Morbus Addison
Sekundäre Nebenniereninsuffizienz
Bei der sekundären NNI kommt es zu einem Ausfall der ACTH-Produktion in der Hypophyse, z.B. durch:
- Hypophyseninsuffizienz (z.B. durch Hypophysenadenom oder Sheehan-Syndrom)
- Hypophysäre Apoplexie
- Hypophysitis
Tertiäre Nebenniereninsuffizienz
Bei der tertiären NNI liegt eine hirnorganische Störung des Hypothalamus mit vermindeter CRH-Sekretion vor. Das klinische Bild entspricht wegen des konsekutiven ACTH-Mangels dem der sekundären Form. Häufigste Ursache ist die langfristige Glukokortikoidtherapie mit nachfolgender Suppression der HPA-Achse; nach abruptem Absetzen kann eine sekundäre bzw. tertiäre NNI auftreten.[3]
Pathophysiologie
Die Cortisolproduktion wird über die HPA-Achse reguliert:
- Der Hypothalamus setzt CRH (Corticotropin-Releasing-Hormon) frei.
- CRH stimuliert die Hypophyse zur Ausschüttung von ACTH (Adrenocorticotropes Hormon).
- ACTH wirkt auf die Zona fasciculata der Nebennierenrinde und steigert dort die Cortisolproduktion.
- Cortisol hemmt im Sinne einer negativen Rückkopplung die CRH- und ACTH-Ausschüttung.
Bei primärer NNI entfällt diese Rückkopplung, ACTH ist kompensatorisch erhöht; bei sekundärer/tertiärer NNI sind Cortisol und ACTH gleichermaßen erniedrigt.
Symptome
Die Symptome bei NNI sind häufig unspezifisch, sodass die Diagnose oft erst spät gestellt wird:
- Müdigkeit, Muskelschwäche, Hypotonie und Leistungsabnahme
- Gewichtsverlust und Anorexie
- Gastrointestinale Beschwerden (Übelkeit, Erbrechen, Diarrhö)
- Hypoglykämie
- Veränderungen des Blutbildes, insbesondere Eosinophilie
Nur bei primärer Form treten zudem folgende Symptome auf:
- verstärkte Hautpigmentierung durch erhöhte ACTH-/POMC-Ausschüttung und gesteigerte Biosynthese von Melanin
- Hyperkaliämie durch zusätzlichen Aldosteronmangel
- Salzhunger
Bei allen Formen ist weiterhin eine gesteigerte ADH-Sekretion mit vermehrter Aquaporin-Expression und Hyponatriämie möglich.
Cave: Lebensbedrohliche Komplikation ist die Addison-Krise mit Schock, schweren Elektrolytstörungen und Bewusstseinsstörungen.
Diagnostik
Labor
- Basales Serum-Cortisol (8 Uhr) erniedrigt
- ACTH: erhöht bei primärer, erniedrigt bei sekundärer/tertiärer NNI
- Elektrolyte: Hyponatriämie, Hyperkaliämie (primär)
- Blutzucker: mögliche Hypoglykämie
Hinweis: Referenzwerte sind häufig vom Messverfahren abhängig und können von den o.a. Werten abweichen. Ausschlaggebend sind die Referenzwerte, die vom Labor angegeben werden, das die Untersuchung durchführt.
Stimulationstests
- ACTH-Stimulationstest – Goldstandard
- CRH-Test zur Differenzierung sekundär/tertiär
- Insulin-Hypoglykämie-Test bei unklarer HPA-Achsen-Funktion
Bildgebung
Therapie
Die Behandlung besteht in einer lebenslangen Hormonsubstitution.
Glukokortikoidsubstitution
- Hydrocortison 15–25 mg/Tag in 2–3 Einzeldosen, größte Dosis morgens (Nachahmung des zirkadianen Rhythmus)
Hinweis: Diese Dosierungsangaben können Fehler enthalten. Ausschlaggebend ist die Dosierungsempfehlung in der Herstellerinformation.
Mineralokortikoidsubstitution
- Bei primärer NNI zusätzlich Fludrocortison 0,05–0,2 mg/Tag
Notfallmanagement
- Bei Addison-Krise: i.v. 100 mg Hydrocortison
- Volumensubstitution mit isotoner Kochsalzlösung
- Behandlung einer Hypoglykämie
Für Kinder mit Hydrocortison-Substitution existiert ein Rote-Hand-Brief zu Alkindi®, der auf das Risiko einer akuten Nebenniereninsuffizienz bei Präparatewechsel hinweist und engmaschiges Monitoring empfiehlt.[4]
Patientenschulung
Prognose
Unter adäquater Substitution ist die Lebenserwartung annähernd normal. Unbehandelt verläuft die Erkrankung tödlich. Die größte Gefahr ist eine Addison-Krise bei fehlender Stressdosisanpassung.
Quellen
- ↑ Husebye et al., Adrenal insufficiency, Lancet, 2021
- ↑ Kienitz und Meyer, Neue Aspekte der Glukokortikoidsubstitution bei Nebennierenrindeninsuffizienz, Internist (Berl), 2022
- ↑ Beuschlein et al., European Society of Endocrinology and Endocrine Society Joint Clinical Guideline: Diagnosis and therapy of glucocorticoid-induced adrenal insufficiency, Eur J Endocrinol, 2024
- ↑ Bfarm - Rote-Hand-Brief zu Alkindi®, abgerufen am 28.07.2026