Mowat-Wilson-Syndrom
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Loslegennach den australischen Pädiatern D.R. Mowat und M.J. Wilson
Englisch: Mowat-Wilson syndrome
Definition
Das Mowat-Wilson-Syndrom, kurz MWS, ist ein seltenes, genetisch bedingtes Fehlbildungssyndrom. Es ist gekennzeichnet durch eine charakteristische Gesichtsdysmorphie, mittelschwere bis schwere Intelligenzminderung, Epilepsie und variable Fehlbildungen.
Epidemiologie
Die Prävalenz des MWS wird auf etwa 1:50.000 bis 1:70.000 Lebendgeburten geschätzt. Vermutlich liegt sie aufgrund von Unterdiagnostik höher. In der Literatur sind bisher rund 340 Fälle publiziert, das Geschlechterverhältnis ist etwa ausgeglichen.
Ätiologie
Ursächlich für das MWS sind Mutationen des ZEB2-Gens in der Chromosomenregion 2q22.3.
ZEB2 kodiert einen Transkriptionsfaktor, der mit SMAD-Proteinen interagiert und eine zentrale Rolle bei der Entwicklung der Neuralleiste spielt. Pathogenetisch entscheidend ist eine Haploinsuffizienz. Heterozygote pathogene ZEB2-Varianten werden bei etwa 84 % der Betroffenen nachgewiesen, Deletionen von 2q22.3 bei etwa 15 % und ZEB2-disruptierende Chromosomenrearrangements bei etwa 1 %.
Der Erbgang ist autosomal-dominant. Nahezu alle bisher beschriebenen Fälle sind Einzelfälle infolge einer De-novo-Veränderung. Bei nicht nachweisbarer pathogener Variante bei den Eltern liegt das Wiederholungsrisiko für Geschwister aufgrund der Möglichkeit eines elterlichen Keimzellmosaiks bei etwa 2 %.
Missense-, Splice-site- und In-frame-Varianten machen weniger als 5 % aller berichteten Fälle aus und können mit einem milderen oder atypischen Phänotyp einhergehen, einschließlich nichtsyndromaler Intelligenzminderung.
Klinik
Charakteristisch ist eine progredient deutlicher werdende Gesichtsdysmorphie mit aufgestellten Ohrläppchen mit zentraler Delle, breiten medial ausgestellten Augenbrauen, weitem Augenabstand (Hypertelorismus), breiter Nasenwurzel, runder Nasenspitze, prominentem Nasensteg und offenem Mund mit spitzem, prominentem Kinn.
Neurologisch bestehen nahezu obligat eine mittelschwere bis schwere Intelligenzminderung, Entwicklungsverzögerung, ausgeprägte Sprachstörung, muskuläre Hypotonie sowie häufig Epilepsie. Typisch sind ein breitbasiges Gangbild, später ggf. Spastik, sowie ein fröhliches Wesen mit häufigem Lachen, repetitivem/oralem Verhalten und verminderter Schmerzreaktion. Häufig besteht eine erworbene Mikrozephalie sowie strukturelle ZNS-Anomalien, insbesondere des Corpus callosum.
Weitere häufige Manifestationen sind angeborene Herzfehler (v.a. Septumdefekte, persistierender Ductus arteriosus), Morbus Hirschsprung und chronische Obstipation, Strabismus, Nierenfehlbildungen bzw. vesikoureteraler Reflux und Hydronephrose, Hypospadie und Kryptorchismus sowie Kleinwuchs.
Diagnose
Formale klinische Diagnosekriterien existieren nicht. Die Kombination der charakteristischen Gesichtsdysmorphie mit weiteren typischen Manifestationen kann jedoch zu einer klinischen Verdachtsdiagnose führen.
Molekulargenetisch erfolgt bei entsprechendem Verdacht eine Analyse des ZEB2-Gens. Für das klassische MWS wurde eine spezifische DNA-Methylierungssignatur in Leukozyten beschrieben. Diese kann insbesondere bei klinischem Verdacht ohne Nachweis einer pathogenen ZEB2-Variante oder zur zusätzlichen Einordnung einer Variante unklarer Signifikanz (VUS) hilfreich sein.
Nach Diagnosestellung sollte eine initiale Abklärung möglicher Organmanifestationen erfolgen, einschließlich Echokardiografie, Nieren- und Abdomen-Sonografie sowie – abhängig von der klinischen Situation – augenärztlicher, audiologischer und gastrointestinaler Untersuchung.
Therapie
Eine kausale Therapie existiert nicht. Die Betreuung erfolgt multidisziplinär und symptomorientiert.
Quellen
- Adam MP, Conta J, Bean LJH: Classic Mowat-Wilson Syndrome. GeneReviews, letzte Revision 30.06.2026.
- Ivanovski I et al.: Phenotype and genotype of 87 patients with Mowat-Wilson syndrome and recommendations for care. Genet Med 2018;20:965–75.
- Orphanet: Mowat-Wilson-Syndrom. Abgerufen am 04.09.2026
- Caraffi SG et al.: DNA methylation signature in Mowat-Wilson syndrome. 2024.