Antenatale Kortikosteroidtherapie
Trainier deine Lernmuskeln!
Mit Flash Cards, Quiz und mehr
LoslegenSynonym: Lungenreifeinduktion, Lungenreifeförderung, ACS (antenatale Corticosteoride)
Englisch: antenatal corticosteroids for fetal lung maturity, induced lung maturation
Definition
Die antenatale Kortikosteroidtherapie, kurz ANS, bezeichnet die Gabe von Glukokortikoiden bei drohender Frühgeburt zur Anregung der fetalen Surfactant-Produktion und damit der Lungenreifung. Sie erfolgt zur Prophylaxe des Atemnotsyndrom des Frühgeborenen (IRDS).
Hintergrund
Die Surfactant-Produktion der Lunge reift im Verlauf der Schwangerschaft kontinuierlich heran; eine klinisch ausreichende Auskleidung des Alveolarepithels liegt in der Regel erst gegen Ende der 34.–35. Schwangerschaftswoche (SSW) vor. Bei einer Frühgeburt und noch unreifer Lunge besteht somit die Gefahr kollabierender Alveolen beziehungsweise einer unzureichenden Entfaltung der Lunge und des daraus resultierenden IRDS.
Geschichte
1972 zeigten G. C. Liggins und R. N. Howie erstmals positive Effekte einer Lungenreifeinduktion bei Föten durch die pränatale Gabe von Glukokortikoiden an Schwangere.[1] Ein Cochrane-Review von 2017 bestätigte auf Basis von 30 randomisierten kontrollierten Studien den Nutzen eines Einzelkurses ANS zur Reduktion perinataler Morbidität und Mortalität.[2]
Wirkmechanismen
Eine Lungenreifeinduktion mit Glukokortikoiden beschleunigt die Entwicklung und Differenzierung von Pneumozyten Typ I und Typ II. Sie fördert die Produktion von Phospholipiden zur Bildung von Surfactant sowie die Freisetzung von Antioxidantien. Dies führt zu einer Maximierung des Lungenvolumens und der Compliance der Lunge.
Indikationen
- bei drohender Frühgeburt vor der SSW 34 + 0[3]
- bei drohender Frühgeburt in der SSW < 24 + 0 (ab SSW 22 + 0), wenn eine neonatal-intensivmedizinische Maximaltherapie geplant ist[3]
- wenn vor der SSW 29 + 0 bereits vor über sieben Tagen eine Kortikosteroidgabe erfolgt ist und nun ein zunehmendes Risiko für eine unmittelbare Frühgeburt besteht (selektiver Wiederholungskurs)[3][2]
Nicht empfohlene Anwendungen
Folgende Maßnahmen sind nicht empfohlen:[3]
- Kortikosteroidgabe bei drohender Frühgeburt zwischen der SSW 34 + 1 und 36 + 5 (unklare Langzeitfolgen, u.a. erhöhtes Risiko für neonatale Hypoglykämie)
- "Schnellreifung" durch Verkürzung des Abstands auf 12 statt 24 Stunden (Gefahr der nekrotisierenden Enterokolitis)
Vorgehen
Zur Induktion der Lungenreife werden der Schwangeren zweimal im Abstand von 24 Stunden 12 mg Betamethason intramuskulär injiziert. Alternativ ist auch die intramuskuläre Gabe von 6 mg Dexamethason insgesamt viermal im Abstand von jeweils 12 Stunden zur Lungenreifebehandlung geeignet. Allerdings gibt es Hinweise auf ein schlechteres neurologisches Outcome der Neugeborenen, sodass Dexamethason in Deutschland nur noch selten eingesetzt wird.[3]
Hinweis: Diese Dosierungsangaben können Fehler enthalten. Ausschlaggebend ist die Dosierungsempfehlung in der Herstellerinformation.
Quellen
- ↑ Liggins GC, Howie RN. A controlled trial of antepartum glucocorticoid treatment for prevention of the respiratory distress syndrome in premature infants. Pediatrics. 1972;50(4):515-25.
- ↑ 2,0 2,1 Roberts D, Brown J, Medley N, Dalziel SR. Antenatal corticosteroids for accelerating fetal lung maturation for women at risk of preterm birth. Cochrane Database Syst Rev. 2017;3(3):CD004454.
- ↑ 3,0 3,1 3,2 3,3 3,4 AWMF. S2k-Leitlinie Prävention und Therapie der Frühgeburt. AWMF-Registernummer 015-025. 2022. Verfügbar unter: S2k-Leitlinie Prävention und Therapie der Frühgeburt.