Lost to follow-up
Definition
Lost to follow-up, kurz LTFU, bezeichnet Patienten oder Studienteilnehmer, die im Verlauf einer klinischen Studie oder einer medizinischen Versorgung nicht mehr für geplante Nachbeobachtungen zur Verfügung stehen. Dadurch können keine weiteren Follow-up-Daten zum Krankheitsverlauf oder zu Behandlungsergebnissen erhoben werden.
Hintergrund
Die kontinuierliche Nachbeobachtung ist eine wichtige Voraussetzung für valide Studienergebnisse und für eine gute Patientenversorgung. Der Verlust von Patienten im Follow-up kann methodische Probleme und Versorgungsprobleme aufwerfen. In der klinischen Forschung sind vor allem prospektive Studien, randomisierte kontrollierte Studien und Kohortenstudien anfällig für ein LTFU. In der Versorgung kommt es in erster Linie bei chronischen Erkrankungen, komplexen Therapien und Systemübergängen zum LTFU.
Ursachen
Die Ursachen für das LTFU sind multifaktoriell und lassen sich in patientenbezogene und systembezogene Faktoren unterteilen.
Patientenbezogene Faktoren sind unter anderem:
- Umzug oder Wechsel der Kontaktinformationen
- mangelnde Motivation oder fehlendes Verständnis für die Bedeutung der Nachsorge
- Unzufriedenheit mit der Behandlung
- soziale Vulnerabilität (z.B. niedriges Einkommen, geringe Bildung, Sprachbarrieren)
- psychische Erkrankungen oder kognitive Einschränkungen
- eingeschränkter Zugang zur medizinischen Versorgung (z.B. lange Anfahrtswege, organisatorische Hürden)
Systembezogene Faktoren umfassen beispielsweise:
- häufige Wechsel des Behandlungsteams
- unzureichende Kommunikation zwischen Behandlern und Patienten
- mangelnde Kontinuität der Betreuung oder organisatorische Defizite innerhalb von Studien oder Versorgungseinrichtungen
Klinische Relevanz
In klinischen Studien führen LTFUs zu einem Verlust an statistischer Power und Präzision. Eine ungleiche Verteilung der Verluste zwischen den Studienarmen kann z.B. systematische Verzerrungen verursachen. Das beeinträchtigt sowohl die interne Validität als auch die Generalisierbarkeit der Studienergebnisse.
In der klinischen Versorgung ist das LTFU mit relevanten Risiken verbunden. Fehlende Nachsorge kann zu Versorgungslücken, verzögerter Erkennung von Komplikationen und schlechteren Langzeitergebnissen führen, vor allem bei Chronikern oder komplexen Therapieregimes.
Prävention
Zur Reduktion von LTFU werden in Forschung und Versorgung verschiedene Strategien empfohlen:
- Erhebung mehrerer Kontaktoptionen (z.B. Telefonnummern, E-Mail-Adressen, Kontaktpersonen)
- Einsatz elektronischer Kommunikationsmittel und digitaler Follow-up-Instrumente
- flexible Terminvergabe und organisatorische Entlastung der Patienten
- Anreize wie Fahrtkostenerstattung oder Aufwandsentschädigungen
- gezielter Einsatz von Personal zur aktiven Nachverfolgung
- Reduktion des Nachsorgeaufwands (z.B. kurze Fragebögen, wohnortnahe Follow-up-Strukturen)
In der klinischen Versorgung sind zudem eine stabile Arzt-Patienten-Beziehung, niederschwellige Zugangswege und kultursensible Kommunikation von Bedeutung.
Dokumentation
Eine konsequente Dokumentation und transparente Berichterstattung von LTFUs ist essenziell, um deren Auswirkungen auf Studienergebnisse und Versorgungsqualität beurteilen zu können. In der Literatur wird häufig eine pragmatische Orientierungsregel genannt, wonach Verlustraten unter 5 % als unproblematisch gelten, während Verlustraten über 20 % als kritisch für die Validität der Ergebnisse angesehen werden.
Quellen
- Skogby S et al. Discontinuation of Follow-Up Care for Young People With Complex Chronic Conditions: Conceptual Definitions and Operational Components. BMC Health Services Research. 2021;21(1):1343. doi:10.1186/s12913-021-07335-x.
- Amat M, et al. Patient Lost to Follow-Up: Opportunities and Challenges in Delivering Primary Care in Academic Medical Centers. Journal of General Internal Medicine. 2022;37(11):2678–2683. doi:10.1007/s11606-021-07216-3.
- Salzler M et al. Lost but Not Forgotten: How to Manage Follow-Up Loss in Clinical Research. Arthroscopy. 2025. doi:10.1016/j.arthro.2025.07.038.
- Grimes DA, Schulz KF. Cohort Studies: Marching Towards Outcomes. Lancet. 2002;359(9303):341–345. doi:10.1016/S0140-6736(02)07500-1.
- Schulz KF, Grimes DA. Sample Size Slippages in Randomised Trials: Exclusions and the Lost and Wayward. Lancet. 2002;359(9308):781–785. doi:10.1016/S0140-6736(02)07882-0.