Azzopardi-Phänomen
Trainier deine Lernmuskeln!
Mit Flash Cards, Quiz und mehr
Loslegennach dem maltesisch-britischen Pathologen John G. Azzopardi (1929–2013)
Synonym: Azzopardi-Effekt
Englisch: Azzopardi phenomenon
Definition
Das Azzopardi-Phänomen ist die intensiv basophile Anfärbung von Gefäßwänden durch Ablagerung von DNA aus nekrotischen Tumorzellen. Es gilt als klassischer histopathologischer Befund beim kleinzelligen Lungenkarzinom (SCLC), tritt aber auch bei anderen hochproliferativen Tumoren mit ausgeprägter Nekrose auf.
Hintergrund
John G. Azzopardi beschrieb das Phänomen 1959 anhand von 100 Fällen des sogenannten Oat-Cell-Karzinoms (kleinzelliges Lungenkarzinom). In 32 Fällen zeigte sich eine bläulich-graue bis bläulich-schwarze Verfärbung der Wände kleiner Venolen.[1] Zuvor war diese basophile Gefäßwandveränderung nur vereinzelt beschrieben und fälschlich einer Kalzifikation zugeschrieben worden.[2] Mittels positiver Feulgen-Reaktion sowie negativer Von-Kossa- und Alizarinrot-Färbung konnte Azzopardi zeigen, dass es sich um DNA und nicht um Calcium handelt.
Pathogenese
Der genaue Mechanismus ist bis heute (2026) nicht vollständig geklärt. Durch ausgedehnte Nekrose zerfallen die Zellkerne der Tumorzellen. Dabei werden große Mengen an Nukleinsäuren freigesetzt, die sich in den Wänden kleiner Blutgefäße ablagern, insbesondere in Venolen und Kapillaren.[1] Tumornekrose allein ist jedoch keine hinreichende Bedingung: In einer Untersuchung an Burkitt-Lymphomen zeigte sich in mehreren Fällen eine ausgeprägte Nekrose, ohne dass ein Azzopardi-Phänomen nachweisbar war.[3] Diskutiert werden deshalb zusätzliche Einflussfaktoren wie der lokale pH-Wert, die Permeabilität und Löslichkeit an der Gefäßwand sowie die Funktion des Endothels.
Vorkommen
Das Azzopardi-Phänomen ist nicht spezifisch für eine einzelne Tumorentität. Es wurde bei zahlreichen hochmalignen Neoplasien mit rascher Zellumsatzrate beschrieben:
- Kleinzelliges Lungenkarzinom – Erstbeschreibung, in ca. 32 % der ursprünglich untersuchten Fälle[1]
- Medulloblastom/primitiver neuroektodermaler Tumor – in ca. 4 % der untersuchten Fälle[4]
- Merkelzellkarzinom – selten und umstritten (siehe Differentialdiagnose)[5]
- Burkitt-Lymphom und andere hochmaligne Lymphome[3]
- Kleinzellige Karzinome weiterer Organe, u.a. der Gallenblase und der Harnblase
Vereinzelt wurde das Phänomen auch außerhalb maligner Erkrankungen beschrieben, etwa in periprothetischen Pseudotumoren nach Metall-auf-Metall-Hüftendoprothetik.
Diagnostische Bedeutung
Der Nachweis des Azzopardi-Phänomens kann differentialdiagnostisch hilfreich sein, ist aber kein beweisendes Kriterium. Bei kleinzelligen Tumoren der Haut gilt sein Vorkommen als Hinweis auf ein metastasiertes kleinzelliges Lungenkarzinom statt eines primären Merkelzellkarzinoms, da es in primären Merkelzellkarzinomen in mehreren Fallserien nur selten nachgewiesen wurde. Ein fehlendes Azzopardi-Phänomen schließt weder ein kleinzelliges Lungenkarzinom noch andere assoziierte Tumoren aus.
Quellen
- ↑ 1,0 1,1 1,2 Azzopardi JG. Oat-cell carcinoma of the bronchus. J Pathol Bacteriol. 1959;78(2):513–519.
- ↑ Pritt BS, Cooper K. The Azzopardi phenomenon. Arch Pathol Lab Med. 2003;127(9):1231.
- ↑ 3,0 3,1 Peng SL, Cheng CN, Chang KC. Burkitt lymphoma with Azzopardi phenomenon. Arch Pathol Lab Med. 2007;131(5):682–3.
- ↑ Takei H, Adesina AM, Bhattacharjee MB. The Azzopardi phenomenon. Arch Pathol Lab Med. 2007;131(4):518.
- ↑ Vazmitel M, Michal M, Kazakov DV. Merkel cell carcinoma and Azzopardi phenomenon. Am J Dermatopathol. 2007;29(3):314–5.