Ingwer
Handelsname(n): Zintona©
Synonyme: Imber, Immerwurzel, Ingwerwurzel
Botanisch: Zingiber officinale Roscoe
Englisch: ginger
Definition
Ingwer ist eine Pflanzenart aus der Familie der Ingwergewächse (Zingiberaceae). Der unterirdische Wurzelstock (Zingiberis rhizoma) wird als pflanzliche Droge arzneilich genutzt und zählt zu den bedeutendsten Gewürz- und Heilpflanzen der traditionellen wie auch der rationalen Phytotherapie.
Botanik
Ingwer ist eine ausdauernde, krautige Pflanze mit schilfartigem Wuchs die je nach Standort Wuchshöhen von etwa 50 bis 150 cm erreicht. Die Pflanze vermehrt sich ausschließlich vegetativ über ihr unterirdisches, horizontal wachsendes, knollig gegliedertes Rhizom, das als Speicher-, Überdauerungs- und Vermehrungsorgan fungiert.
Aus dem Rhizom treiben sterile, scheinstängelartige Sprosse, die morphologisch durch die röhrenförmig ineinandergreifenden Blattscheiden entstehen. Die lineal-lanzettlichen, ganzrandigen Blätter sind wechselständig angeordnet und können Längen bis zu 20 cm erreichen. Die generativen Sprosse bleiben kürzer und tragen dichte, zapfenartige Blütenstände. Die Einzelblüten sind gelb gefärbt und besitzen eine charakteristische purpurfarbene Lippe. In Kultur bildet Zingiber officinale nur selten fertile Samen.
Nomenklatur
Der Gattungsname "Zingiber" leitet sich vom Sanskrit śṛṅgavera ("geweihartig") ab und beschreibt die verzweigte, fingerförmige Gestalt des Rhizoms. Das Artepitheton "officinale" kennzeichnet Pflanzen mit historisch belegter medizinischer Nutzung in der Offizin.
Herkunft und Geschichte
Ingwer ist ursprünglich in Südostasien beheimatet und wird heute in zahlreichen tropischen und subtropischen Regionen kultiviert. Bereits in der Antike gelangte Ingwer über arabische Handelsrouten nach Europa. Im Mittelalter zählte er zu den wichtigsten Importdrogen der Klostermedizin. Im 13. Jahrhundert wurde Ingwer nach Ostafrika eingeführt, im 16. Jahrhundert durch portugiesische Seefahrer nach Westafrika verbreitet.
Die kontinuierliche Nutzung als Gewürz- und Arzneipflanze macht Ingwer zu einer der kulturhistorisch am besten dokumentierten Heilpflanzen.
Pharmakognosie
Arzneilich verwendet wird ausschließlich der getrocknete Wurzelstock (Zingiberis rhizoma ) sowie das daraus gewonnen Öl (Zingiberis aetheroleum). Nach der Ernte werden die Rhizome von anhaftenden Nebenwurzeln befreit, gereinigt, teilweise von der äußeren Korkschicht geschält und anschließend haltbar gemacht (traditionell durch Sonnentrocknung).
Die Qualitätsanforderungen an Identität, Reinheit und Gehalt sind im Europäischen Arzneibuch (Ph. Eur.) monographiert. Ingwertinkturen (Zingiberis tinctura) sind zusätzlich im Deutschen Arzneimittel-Codex (DAC) beschrieben.
Inhaltsstoffe
Der pharmakologisch wirksame Inhaltsstoffkomplex ist das Oleoresin, ein Gemisch aus flüchtigen und nicht-flüchtigen Sekundärmetaboliten. Es enthält insbesondere:
- ätherische Öle (1–3 %), v.a. Sesquiterpene wie Zingiberen, β-Bisabolen, Zingiberol
- nichtflüchtige Scharfstoffe vom Gingerol- und Shogaol-Typ (u.a. (6)-Gingerol, (8)-Gingerol, (6)-Shogaol)
- Stärke
- Lipide, Proteine und Mineralstoffe (in geringen Mengen)
Die Gingerole gelten als wirksamkeitsmitbestimmende Inhaltsstoffe, während Shogaole als thermische Abbauprodukte bei der Trocknung entstehen und eine höhere pharmakologische Potenz aufweisen.
Medizinische Wirkung
Ingwer wirkt primär auf den Verdauungstrakt und das Brechzentrum. Klinisch relevante Effekte sind:
- Steigerung des Speichelflusses
- Anregung der Magensaftsekretion
- Förderung der Magen- und Darmmotorik (prokinetisch)
- Antiemetische Wirkung durch Modulation serotonerger und cholinerger Signalwege
Darüber hinaus zeigen Gingerole und Shogaole eine antiinflammatorische Wirkung durch Hemmung der Cyclooxygenase- und Lipoxygenase-Wege (COX/LOX) sowie eine Reduktion proinflammatorischer Zytokine. Experimentell wurden zudem antimikrobielle Effekte (bakteriostatisch, fungistatisch) und antioxidative Eigenschaften beschrieben.
Verwendung
Basierend auf der Bewertung durch HMPC, ESCOP und Kommission E erfolgt der Einsatz bei:
- Reisekrankheit (Prophylaxe und Therapie)
- Übelkeit und Erbrechen bei Reisekrankheit, postoperativ sowie im Rahmen der Schwangerschaft (nur unter ärztlicher Aufsicht)
- dyspeptische Beschwerden
Darreichungsformen
Ingwer kann eingesetzt werden als:
- Tee (Aufguss aus geschnittener Droge)
- Tinktur oder Fluidextrakt
- Pulver (Kapseln)
- standardisiertes Fertigarzneimittel
- Bestandteil phytotherapeutischer Kombinationspräparate
Dosierung
Bei dyspeptische Beschwerden und Appetitlosigkeit werden mehrmals täglich 0,5–1 g als Tee eingenommen. Zur Prophylaxe der Reisekrankheit beträgt die empfohlene Dosis 0,5–2 g Pulver ca. 30 Minuten vor Reisebeginn für Erwachsene und Kinder > 6 Jahre. Die maximale Tagesdosis beträgt 4 g.
Hinweis: Diese Dosierungsangaben können Fehler enthalten. Ausschlaggebend ist die Dosierungsempfehlung in der Herstellerinformation.
Nebenwirkungen
Mögliche Nebenwirkungen sind leichte gastrointestinale Beschwerden; klinisch relevante Wechselwirkungen sind bislang nicht gesichert bekannt.
Kontraindikationen
Kinder unter sechs Jahren sollten Ingwer nicht anwenden. Bei Gallensteinen ist eine Einnahme nur nach ärztlicher Rücksprache angezeigt.
Obwohl Studien keine fetotoxischen Effekte zeigen, wird von einer prophylaktischen Selbstmedikation bei Emesis gravidarum abgeraten.
In höheren Dosierungen kann Ingwer die Blutgerinnung, den Blutdruck und den Blutzucker beeinflussen. Patienten mit Gerinnungsstörungen, unter Antikoagulation oder mit Diabetes mellitus sollten vor Anwendung ärztlichen Rat einholen.
Vor operativen Eingriffen wird empfohlen, Ingwerpräparate abzusetzen.
Trivia
Der Ingwer ist Arzneipflanze des Jahres 2026.[1]
Einzelnachweise
- ↑ pharmazeutische-zeitung.de - Ingwer zur Arzneipflanze des Jahres gekürt, abgerufen am 06.01.2026
Literatur
- Schilcher et al., Leitfaden Phytotherapie, 5. Auflage, Urban & Fischer / Elsevier, 2016
- Teuscher et al., Biogene Arzneimittel: Lehrbuch der pharmazeutischen Biologie, 6. Auflage, Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft, 2010
- Wiesenauer, PhytoPraxis, 8., vollständig aktualisierte Auflage, Springer, 2024
- European Medicines Agency, Committee on Herbal Medicinal Products (HMPC), Assessment report on Zingiber officinale Roscoe, rhizoma, EMA, 2010
- European Scientific Cooperative on Phytotherapy (ESCOP), ESCOP monographs: The scientific foundation for herbal medicinal products, 2nd ed., Thieme, 2003
- Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte, Monographie Zingiberis rhizoma, Kommission E, 1990
- European Pharmacopoeia Commission, European Pharmacopoeia, 11th ed., Council of Europe, 2023