Wagner-Syndrom
Definition
Das Wagner-Syndrom ist eine seltene autosomal-dominant vererbte vitreoretinale Degeneration, die durch Mutationen im VCAN-Gen verursacht wird, und zu progressivem Sehverlust führt. Die Erkrankung betrifft primär die Augen und manifestiert sich typischerweise bereits im Kindesalter, obwohl die Sehbeeinträchtigung zunächst nicht immer offensichtlich ist.
Genetik
Alle bisher identifizierten Mutationen betreffen Exon 8 des VCAN-Gens, das für das extrazelluläre Matrixprotein Versican kodiert. Die Mutationen betreffen typischerweise Spleißstellen in Exon 8 und führen zu einer veränderten Isoformzusammensetzung von Versican. Die Erkrankung folgt einem autosomal-dominanten Erbgang mit nahezu vollständiger Penetranz. Die klinische Expressivität variiert erheblich – von nahezu normalem Sehen bis zur beidseitigen Erblindung.
Pathophysiologie
Versican ist ein wesentlicher Bestandteil des Glaskörpers und trägt zur strukturellen Integrität sowie zur Interaktion zwischen Kollagenfibrillen und Hyaluronsäure bei. Die Mutationen behindern die Organisation der extrazellulären Matrix im Glaskörper mit verminderter Gelstruktur und vermehrter Verflüssigung (Vitreolyse).
In der Folge kommt es zu einer Destabilisierung der vitreoretinalen Grenzfläche mit abnormen Adhäsionen zwischen Glaskörper und Netzhaut. Diese Veränderungen begünstigen die Entstehung von Traktionen und erhöhen das Risiko für Netzhautablösungen.
Zusätzlich führen degenerative Prozesse der Netzhaut zu chorioretinaler Atrophie und funktionellen Einschränkungen, die sich elektrophysiologisch als generalisierte Netzhautdysfunktion manifestieren.
Symptomatik
Die klinische Symptomatik ist variabel und progredient. Leitsymptom ist ein zunehmender Sehverlust. Weiterhin treten Myopie, progressive Nachtblindheit und Gesichtsfeldeinschränkungen auf. Frühzeitige Katarakte sind ebenfalls charakteristisch. Es besteht ein erhöhtes Risiko für Netzhautablösungen, die häufig bereits zwischen dem 5. und 15. Lebensjahr auftreten können.
Diagnostik
Die Diagnose des Wagner-Syndroms basiert auf klinischen, elektrophysiologischen und molekulargenetischen Untersuchungen.
In der Ophthalmoskopie zeigen sich ein optisch leerer Glaskörper mit avaskulären Membranen oder Schleiern, chorioretinale Atrophie und eine ektope Fovea. Der Glaskörper ist wässrig und dünn.
Elektrophysiologische Untersuchungen zeigen dabei typischerweise subnormale ERG-Antworten mit abgeschwächten b-Wellen und Hinweisen auf eine generalisierte Netzhautdysfunktion.
Therapie
Es gibt derzeit (2026) keine kausale Therapie für das Wagner-Syndrom. Die Behandlung ist rein symptomatisch und zielt auf die Erhaltung der Sehfunktion ab.
Literatur
- Wagner syndrome. 2014. National Library of Medicine (MedlinePlus)
- Multimodal Evaluation and Management of Wagner Syndrome-Three Patients From an Affected Family. Genes. 2024. Szeligowski T, Cehajic-Kapetanovic J, Raji S, et al.
- Clinical Characterisation and Molecular Analysis of Wagner Syndrome. The British Journal of Ophthalmology. 2007. Meredith SP, Richards AJ, Flanagan DW, et al.
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- Mutational Hot Spot Potential of a Novel Base Pair Mutation of the CSPG2 Gene in a Family With Wagner Syndrome.Archives of Ophthalmology. 2009. Ronan SM, Tran-Viet KN, Burner EL, et al.
- Is Exon 8 the Most Critical or the Only Dispensable Exon of the VCAN Gene? Insights Into VCAN Variants and Clinical Spectrum of Wagner Syndrome. American Journal of Medical Genetics. Part A. 2018. Ankala A, Jain N, Hubbard B, Alexander JJ, Shankar SP.
- Novel VCAN Mutations and Evidence for Unbalanced Alternative Splicing in the Pathogenesis of Wagner Syndrome. European Journal of Human Genetics : EJHG. 2013. Kloeckener-Gruissem B, Neidhardt J, Magyar I, et al.
- Wagner Vitreoretinal Degeneration. Follow-Up of the Original Pedigree. Ophthalmology. 1995. Graemiger RA, Niemeyer G, Schneeberger SA, Messmer EP.