Transverse Kallusdistraktion
Definition
Die transverse Kallusdistraktion, kurz tKD, ist ein chirurgisches Verfahren zur Vergrößerung von Knochenbreite bzw. Knochenvolumen durch kontrollierte mechanische Dehnung eines zuvor osteotomierten Knochensegments. Sie basiert auf den Prinzipien der Distraktionsosteogenese und wird vor allem in der Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie sowie in der Orthopädie eingesetzt.
Prinzip
Nach einer gezielten Osteotomie wird ein Distraktor eingebracht, der die Knochenfragmente langsam voneinander entfernt. Durch die kontinuierliche Spannung bildet sich im Distraktionsspalt neuer Knochen (Kallus), der sich im Verlauf mineralisiert und stabilisiert.
Im Gegensatz zur longitudinalen Kallusdistraktion erfolgt die Dehnung quer zur ursprünglichen Knochenachse, wodurch eine Verbreiterung des Knochens erreicht wird. Typische Distraktionsraten liegen bei etwa 0,5–1 mm pro Tag, wobei je nach Indikation, Anatomie und Weichteilverhältnissen auch langsamere Raten (z.B. < 0,5 mm/Tag) sinnvoll sein können.
Indikationen
Die transversale Kallusdistraktion wird eingesetzt bei:
- schmalen Kieferkämmen vor Implantatversorgung
- transversalen Fehlbildungen des Kiefers
- knöchernen Defekten mit unzureichender Breite
- rekonstruktiven Eingriffen nach Trauma oder Tumorresektion
Ein besonderes Einsatzgebiet ist die Behandlung des diabetischen Fußsyndroms im fortgeschrittenen Stadium, insbesondere bei therapierefraktären Ulzera. Dabei wird häufig das Prinzip des sogenannten Tibial Cortex Transverse Transport (TTT) angewendet, bei dem ein kortikales Knochensegment der Tibia transversal distrahiert wird.
Ziel ist die Verbesserung der lokalen Mikrozirkulation durch Stimulation der Angiogenese und Freisetzung wachstumsfördernder Faktoren. Der konkrete Mechanismus ist zur Zeit (2026) noch nicht abschließend geklärt. In klinischen Studien konnte jedoch gezeigt werden, dass dieses Verfahren zu einer signifikanten Verbesserung der Wundheilung und Reduktion von Amputationsraten führen kann.
Zudem wurden in Einzelfällen auch systemische bzw. kontralaterale Effekte beschrieben, bei denen sich die Wundheilung auf der gegenüberliegenden Extremität verbesserte, selbst wenn die Distraktion nur einseitig durchgeführt wurde. Dieser Effekt wird auf eine systemische Freisetzung angiogener Mediatoren zurückgeführt, ist jedoch bislang ebenfalls nicht abschließend geklärt und Gegenstand aktueller Forschung.
Vorteile
Vorteilhaft ist die simultane Weichteiladaptation sowie die Möglichkeit, größere Defekte ohne Transplantate zu rekonstruieren.
Limitationen
Limitationen bestehen in der Behandlungsdauer, der Notwendigkeit einer hohen Patientencompliance sowie häufigen Komplikationen wie Infektionen, Fehlstellungen oder unzureichender Knochenneubildung. Die bisher publizierte Evidenz basiert überwiegend auf kleineren, häufig monozentrischen Studien. Die Ergebnisse und die langfristige klinische Bedeutung des Verfahrens können derzeit (2026) noch nicht abschließend beurteilt werden.